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Maulkörbe zu Warenkörben - Neue Bücher zum Fall der Berliner Mauer

Maulkörbe zu Warenkörben - Neue Bücher zum Fall der Berliner Mauer

"Ich habe diesen Staat gehasst", schreibt Tino Hünger. Die DDR war für ihn "ein krasses Unrechtssystem, gelenkt von selbstherrlichen Idioten ohne Realitätsbezug".

In seinem Buch "Wut, Spaß und Tränen" erzählt er davon, von der "Notwendigkeit, sich selbst zu behaupten" (Militzke Verlag). Er ist 13, als 1986 in Tschernobyl ein Atomreaktor explodiert, und er hat Angst. "Wir wollen die Wahrheit wissen", sprühen er und ein Freund an die Schulmauer. Das bringt ihn vor ein "Tribunal der Selbstgerechten" und an den Rand der Ohnmacht. Hünger reagiert mit Aggression, Ablehnung und Stolz. Er widersteht und widersetzt sich, wird Punk.

Dann fällt die Mauer. Es gibt keinen Halt und kein Halten mehr, aber es gibt die aufregenden Monate bis zur Vereinigung. "Schade ist, dass nur die allmählich verblassende Erinnerung daran bleibt, wie echte Freiheit einmal geschmeckt hat", schreibt Hünger mit der Resignation von heute. "Die Warenkörbe hatten die Maulkörbe abgelöst, schöne neue Welt."

Rückschauen wie diese bestimmen den Bücherherbst 25 Jahre nach Friedlicher Revolution und Mauerfall. Im Umgang mit den Jubiläen zeigt sich viel Unsicherheit. Jenseits des Gedruckten gibt es Mitmachaktionismus wie die crossmediale Kampagne #Deutschland25, mit der Google die "Generation Mauerfall", die heutigen Mittzwanziger, porträtiert. Oder die Social-Media-Aktion #mauerspecht des ZDF. 160 000 Beiträge auf Twitter, Facebook und Instagram sind nötig, um bis zum 9. November die Mauer erneut einzureißen - diesmal virtuell. Eine Form der Aufarbeitungsfolklore.

Einerseits soll das oft beschworene Erreichte gefeiert werden, andererseits wird das Heute gern ausgespart. Die Folgen dessen, was 1989 geschah, sind eben schwer zu fassen, so lange in der öffentlichen Diskussion einseitig und unvollständig von dem gesprochen wird, was davor war. "Wer die DDR noch 25 Jahre nach ihrem Ende in toto zum Unrechtsstaat erklärt, der kann zu keiner differenzierenden Betrachtung des Lebens in diesem Land gelangen. Er pflegt lediglich alte Feindbilder und entschuldigt die Feiglinge von einst", schrieb Friedrich Schorlemmer vor einer Woche auf sueddeutsche.de.

Zum Glück gibt es die Bücher zum Thema - direkt oder indirekt. Eine Ecke weiter gedacht gehört sogar Karen Duves "Warum die Sache schiefgeht" (Galiani Berlin) dazu, eine Polemik, "wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen". Sie beschreibt mögliche Folgen einer Politik, die nicht zuletzt seit dem Ende des Kalten Krieges wie enthemmt agiert. Duve konstatiert eine "Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Problemen der Menschheit".

Mit einer Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR erleichtern Alexander Lahl und Max Mönch den Zugang, die Zeichnungen stammen von Kitty Kahane. In "Treibsand" (Metrolit Verlag) wird der New Yorker Journalist Tom Sandman in die sich auflösende DDR geschickt, er erlebt die Feier-Farce zum Republikgeburtstag, in der Nacht des 9. November allerdings liegt er mit Alpträumen in der Charité. Der Comic steuert nicht unbedingt Neues bei, erzählt dafür in aller Knappheit gewitzt und erfrischend anders - auch von Alltag, Verrat und Flucht.

Um "18 Geschichten von der Flucht aus der DDR. 18 Geschichten gegen das Vergessen" geht es "Nur raus hier", erschienen im Verlag Ankerherz. Texte von Florian Bickmeyer, Jochen Brenner und Stefan Krücken stehen neben Fotografien von Herausgeber Andree Kaiser.

Die Gegenwart ein bisschen besser zu verstehen, helfen Publikationen wie das "Kursbuch" Nummer 179 unter dem Motto "Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung" (Murmann). Gerade der Begriff der Freiheit kommt ja dieser Tage nur halbgar auf den Tisch, von Bundespräsident Joachim Gauck längst zum "Freiheitsgefühl" nach unten korrigiert.

Da lohnt es sich, die Originale zu lesen. Christoph Heins Erzählung "Der Tangospieler" zum Beispiel, erschienen im Mai 1989 (Suhrkamp Taschenbuch). "Er hatte eine Freiheit gewonnen, die er zu nutzen nicht fähig war. Er war nicht einmal in der Lage, sie zu ertragen", heißt es darin über den Historiker Dallow (36), nach 21 Monaten Haft entlassen. Er springt für die Premiere eines Studentenkabaretts als Pianist ein, einer der Liedtexte bringt alle hinter Gitter. Die neue, alte Freiheit kann Dallow nicht nutzen. "Das war für ihn eine überraschende Erfahrung und eine bedrückende dazu, denn jetzt wußte er, daß längst alle Weichen seines Lebens von ihm oder anderen gestellt waren und er nur noch den vorgeschriebenen Weg zu Ende zu gehen hatte, unfähig, etwas zu ändern." Er fährt nach Hiddensee, um im "Klausner" zu kellnern - wo 1968 schon alles so war, wie es jetzt Lutz Seiler in seinem Roman "Kruso" über '89 schreibt. Dazwischen liegen 21 Jahre. Dallow wäre beim Mauerfall 57 Jahre alt gewesen. Vielleicht wäre es ihm ergangen wie Rüdiger Stolzenburg, Heins Held in "Weiskerns Nachlass" (2011).

Christa Wolf (1929-2011) ist 60, als sie im Oktober des Umbruchs zum letzten Mal in die Sowjetunion fährt. Unter dem Titel "Wer wir sind und wer wir waren" sind ihre "Moskauer Tagebücher" (Suhrkamp) jetzt erstmals aus dem Nachlass erschienen. Sie beginnen 1957. Der Titel bezieht sich auf Boris Pasternak: "Wer wir sind und wer wir waren,/ Wer weiß, wo kamen wir her/ Gerüchte bleiben nur von jenen Jahren/ Wir aber sind nicht mehr." Die Notate geben Einblicke in den "inneren Zustand und die Geschichte der Gesellschaft, die sich sozialistisch nennt", schreibt Gerhard Wolf, der die zehn Reisetagebücher kommentiert, mit Dokumenten, Abbildungen und Erläuterungen versehen hat.

1968 ist auf einer Wolga-Reise auch Max Frisch an Bord, er notiert in sein Tagebuch: "Ich begrüße Christa Wolf (DDR) und spüre Mißtrauen." Sie reden und trinken bis in die Morgenstunden. Frisch: "Labsal: daß man Widersprüche gelten lassen kann."

Am 14. Oktober '89 spricht Christa Wolf in Moskau bei einem Empfang in der Botschaft mit DDR-Chefideologe Kurt Hager über die Veränderungen zu Hause. Er wird nicht mehr lange im Amt sein, sie nicht mehr lange von einem eigenen Weg träumen können.

Ob Christa Wolf "nicht Präsidentin der DDR werden wolle", fragt Vera Lengsfeld die Schriftstellerin am Abend des Mauerfalls. "So verrückt waren die Zeiten", resümiert die damalige Bürgerrechtlerin in dem von Elke Bitterhof herausgegeben, aufschlussreichen Band "Goodbye, DDR" (Aufbau). Ost- und Westdeutsche erzählen von Träumen, Hoffnungen, Erwartungen und von für sie wichtigen Erlebnissen: Henry Hübchen oder Wolfgang Niedecken, Ute Mahler oder Margot Käßmann, Gregor Gysi oder Hans-Dietrich Genscher. Dies sind jene persönlichen Geschichten, die nachvollziehbar machen, warum neben aller Euphorie auch Zweifel standen. Und stehen. Es könnten produktive Zweifel sein.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.11.2014

Janina Fleischer

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