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Meditationen in Moll: Die Tindersticks im Leipziger Felsenkeller

Tragik-Pop Meditationen in Moll: Die Tindersticks im Leipziger Felsenkeller

25 Jahre gibt es die in Nottingham gegründeten Tindersticks schon, da war es Zeit, mal in Leipzig vorbeizukommen, wie auch Sänger Stuart Staples einräumt. Am Montagabend spielten die Briten ein bewegendes Konzert im Leipziger Felsenkeller.

„We Are Dreamers“: die Tindersticks im Leipziger Felsenkeller.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Mantelkragen hoch, den Nieselregen im Gesicht spüren, den Winter ahnen. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Der Montagabend ist genau der richtige Film zum Konzert der Tindersticks im Felsenkeller. 25 Jahre gibt es die in Nottingham gegründete Band schon, da war es Zeit, mal in Leipzig vorbeizukommen, wie Sänger Stuart Staples gegen Ende einräumt.

In Schmerzen und Würde ergraut, steht der 50-Jährige da, träumt und durchleidet seine Lieder, an deren Ende es eigentlich angemessen wäre, zu schweigen. Songs, die sich wie Korkenzieher ins Herz drehen, die einem den Stuhl unter den Füßen wegtreten und doch auch sacht an die Hand nehmen und sagen, komm, es geht schon. Ich bin der warme Pullover, den du immer mitnehmen kannst, du bist nicht allein. So füllt den gut gefüllten Konzertsaal eine ganz besondere Stimmung, in der sich Andacht, Begeisterung und etwas wie Aufgehobensein mischen. Kann man da Zugaben fordern? Klar – aber es gibt trotzdem nur zwei.

Suchendes, nervöses Album

25 Jahre mit 12 Studioalben und diversen Umbesetzungen, mit Ausflügen in Jazz und Soul – das gibt unendlich viele Möglichkeiten für ein Konzert, so dass notgedrungen vieles vermisst werden muss. Auf Pathosmonster wie „Tiny Tears“, „Let’s Pretend“, Dying Slowly“ oder „Another Night In” verzichten die in Fünferbesetzung – also ohne Streicher und Bläser – antretenden Tindersticks. Im Zentrum steht das neue Album „The Waiting Room“, in dem die zuletzt prägenden Meditationen in Moll, aber auch wütend-verzweifeltes Aufbegehren zusammenfinden. Ein suchendes, tastendes und nervöses Album, das live ganz anders, harmonischer und tiefer strömt – dabei seine Rätselhaftigkeit keineswegs einbüßt.

Of geht es in die Nacht, in den Traum, den Schatten – dahin, wo sich alle Gewissheiten auflösen. „A Night So Still“ oder „Sleepy Song“ vom zweiten Album aus dem Jahr 1995 erzählen davon. „We Are Dreamers“ ist kein Manifest für eine bessere Welt. Stattdessen geht es um etwas, das bedrohlich vor der Tür umgeht, aber gleichzeitig in uns ist. „This is not us. This is not us“, insistiert der Sänger immer wieder, klammert sich haltsuchend an seiner Gitarre fest – und die Band spielt sich zu großer theatraler Bedrängnis auf.

Fiebriger Sog

„Were We Once Lovers“ fragt Staples hilflos zurück, während sich die Geheimnisse, wie er singt, irgendwo in einer entlegenen Bewusstseinsecke auflösen. Ein fiebriger Sog, dramatisch suchend, nicht findend. Dieses Gefühl beherrscht auch „Second Chance Man“. Das flehende Bitten um eine zweite Chance, die eigentlich eine letzte ist – erhört wird es wohl nicht. Fast bis zum Exzess strapaziert Staples die sehnende Haltung des Romantikers, dessen größte Katastrophe ja eigentlich die Erfüllung ist. Und diese droht hier nirgends.

Berührend ist „Hey Lucinda“, ebenfalls vom neuen Album, ein Duett mit der bereits 2010 mit nur 37 Jahren gestorbenen großartigen Lhasa de Sela. „Vier Jahre lang fühlte ich mich nicht in der Lage, ihre Stimme zu hören“, sagte Staples in einem Interview. Später wagte er sich dann doch daran, die vorliegende Aufnahme neu abzumischen. Im Felsenkeller singt er einfach beide Parts, dazu erklingt zart ein Glockenspiel, dunkel vibriert eine Gitarre.

Es ist beeindruckend, Staples’ nasal-romantischen Bariton live zu erleben, ihn mit der Musik verschmelzen zu hören, zu sehen, wie sie durch den Sänger hindurchgeht und er sie bis in die Fingerspitzen ausagiert. Als Zugaben kommen zwei Stücke aus dem 2003 erschienenen „Waiting For The Moon“ – „Sometimes It Hurts“ und „My Oblivion“, meine Vergessenheit. „Can you see the light?/ It shines onto us tonight“, heißt es am Schluss.

Nochmal gut gegangen.

Von Jürgen Kleindienst

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