Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Mehr Besucher, mehr Einnahmen, mehr Qualität

Fünf Jahre Opernintendant in Leipzig: Ulf Schirmer zieht Bilanz und blickt nach vorn Mehr Besucher, mehr Einnahmen, mehr Qualität

Vor fünf Jahren übernahm der Generalmusikdirektor Ulf Schirmer auch als Intendant die Oper Leipzig – und wurde damit Kapitän eines schwer leck geschlagenen Schiffs. nun, am Ende seiner ersten Amtsperiode, kann der gebürtige Bremer nicht ohne Stolz verkünden, den Dampfer wieder flottgemacht und auf Kurs gebracht zu haben.

Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig.

Quelle: Kempner

Leipzig . Am 16. Juni 2017 beginnen die ersten Richard-Strauss-Festtage der Oper Leipzig. Das ist noch lange hin. Aber die ersten Karten sind schon verkauft. „Die gingen“, sagt Intendant Ulf Schirmer, „an eine Gruppe von 25 Australiern. Gebucht über unseren Web-Shop – und das Geld ist auch schon überwiesen.“

Besser als in dieser Randnotiz sind die Fortschritte kaum zu bündeln, die Schirmer seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2011 mit dem Haus gemacht hat. Und zwar an allen Fronten. Denn die rege Nachfrage aus dem Ausland – die beiden Zyklen des „Nibelungen-Rings“ in dieser Saison zählen weit mehr Besucher von jenseits der Grenzen als aus Leipzig, zeigt, dass die Oper Leipzig international wieder zur wahrnehmbaren Größe geworden ist. Musikfreunde aus aller Welt schauen wieder mit Interesse auf diese Seite des Augustusplatzes. Und mit Event-Ansetzungen wie den Wagner-Tagen, dem auf vier Tagen komprimierten „Ring“ oder eben den Strauss-Tagen in kommenden Jahr will Schirmer diese Säule seines Erfolgs noch stärker machen: „Wir setzen verstärkt auf Blöcke. Denn die Erfahrung zeigt: Sobald ein Komponist an mehr als zwei aufeinanderfolgenden Tagen gespielt wird, begeben sich Menschen auf die Reise.“ Also bietet die Oper künftig immer mehr dieser Blöcke an: 18 sind derzeit in konkreter Planung, neben Wagner und Strauss betreffen sie Werke der Komponisten Verdi, Mozart und Puccini.

Er solle, hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung Schirmer 2011 zur Amtsübernahme ins Pflichtenheft geschrieben, die Oper Leipzig „zu einem Stadttheater machen, das international ausstrahlt“. Aufgabe gelöst. Die weiteren Anforderungen seinerzeit waren: erstens die Gestaltung eines attraktiven, vielfältigen Spielplans in zweitens hoher künstlerischer Qualität, drittens die Steigerung der Akzeptanz in der Bevölkerung sowie viertens die der Zuschauerzahlen, dazu fünftens die Schärfung des Profils der Oper Leipzig mit ihren drei Sparten Oper, Ballett und Musikalische Komödie und zwar mit dem, sechstens Aufbau eines Musiktheaters mit eigenem Repertoire. Zu diesem Behufe sollte er, siebtens, die Anzahl der Premieren von vier auf fünf pro Saison steigern werden, und schließlich dem baulichen Verfall der Musikalischen Komödie entgegenwirken. In allen Fällen kann Schirmer auch hier verkünden: Aufgaben gelöst.

Folglich ist der hanseatisch eher nach innen leuchtende Stolz völlig berechtigt, mit dem der Bremer Schirmer und sein ebenfalls aus Bremen stammender Verwaltungsdirektor Ulrich Jagels (seit 2013) nun die Bilanz ihres gemeinsamen gedeihlichen Wirkens an er Oper Leipzig vortragen. Die nackten Zahlen sind tatsächlich schon auf den ersten Blick beeindruckend: Die Auslastung über alle Sparten stieg von 2011/2012 bis 2015/2016 von 62 auf 75 Prozent. Die absoluten Besucherzahlen kletterten im selben Zeitraum um rund 18 Prozent von 155 000 auf 182 000 – und die Umsatzerlöse siegen in den letzten fünf Jahren von gut 3,5 auf knapp 5,6 Millionen Euro. Eine Steigerung von 59 Prozent.

Dass die prozentual so viel höher ausgefallen ist als die der Zuschauerzahlen liegt, führt Jagels aus „einerseits an behutsamen Erhöhungen der Eintrittspreise, aber noch mehr daran, dass wir die auch durchsetzen können“. Will meinen: Die Oper Leipzig muss nicht mehr mit vollen Händen verbilligte oder gar Freikarten unter die Leute bringen – es wird auch so voll. Und zwar aufgefächert nach Sparten in der Oper zu 67 Prozent (2011: 52), im Ballett zu 79 (71) und in der MuKo zu 83 Prozent (74).

Dieser Erfolg schreibt sich sozusagen selbst fort. Schirmer: „Die Überschüsse, die wir erlösen, investieren wir wieder. Nicht nur in dringend nötige Maßnahmen zur Beseitigung des Investitionsstaus am über 50 Jahre alten Haus, sondern auch in Sänger. Bei uns singen Gäste, die in der ganzen Welt gefragt sind, an der Scala, an der Met, in Wien, Berlin oder München. Das spricht sich herum und zieht weiteres internationales Publikum nach Leipzig.“ Und weil diese Menschen hier übernachteten, essen gingen und einkaufen, sei diese Entwicklung auch für die Umwegrentabilität seines Hauses von größter Wichtigkeit. Wie überhaupt alles, was mit der Kunst zu tun hat. Denn ohne die 2011 bereits als Anspruch formulierte „verlässlich hohe künstlerische Qualität“ könnte Schirmers neue Marketing-Mannschaft rudern wie sie wollte, es käme niemand über den großen Teich, um in Leipzig Musiktheater zu erleben.

Auch aus der Stadt kämen weniger. Denn das Vertrauen der Bevölkerung in kehrt nach Jahren der beinahe feindseligen Entfremdung wieder zurück. Was Schirmer auf zwei Wegen gelang: Zum einen über die festen Dirigenten, „die Identität stiften, dem Haus beim Publikum ein Gesicht geben, ebenso wie das Sänger-Ensemble“. Dessen Pflege und Ausbau galt in den vergangenen Jahren Schirmers besondere Hingabe. Und tatsächlich sind unter den derzeit 22 fest verpflichteten Solisten einige, die ihrerseits in aller Welt gefragt sind: Tuomas Pursio etwa, Karin Lovelius oder Olena Tokar. Mit denen baute Schirmer in den letzten fünf Jahren ein Repertoire von knapp 40 spielfähigen eigenen Opern auf. „Mein Ziel ist es, auf über 40 zu kommen, damit sind wir dann aber so was von auf Augenhöhe mit den großen Häusern“ – was besonders bemerkenswert ist, weil Schirmer vom Erbe seiner Vorgänger fast nichts mehr brauchen konnte. Entweder es war schon verkauft oder geschreddert, oder es wollte keiner mehr sehen. Der Ensemble-Aufbau begann also praktisch bei Null. Besser: Bei Zwei. Denn die alte Traviata (Premiere 1996) und die noch ältere „Bohème“ (1991) halten sich weiterhin im Spielplan. Was auch erklärt, warum die Oper sich bisher mit Experimenten auffällig zurückhält. „Aber“, sagt Schirmer, „ es kommen auch andere Opern, auch Uraufführungen. Man muss das einfach machen – wenn die Voraussetzungen gegeben sind“.

Was den baulichen Verfall der MuKo anbelangt, hat Schirmer ihm nicht nur entgegengewirkt, sondern nach jahrzehntelangem Stillstand den Funktionsbau in der Dreilindenstraße mit menschenwürdigen Probenräumen, Garderoben und sanitären Anlagen übergeben. Und die unsägliche Schließungsdebatte ist Geschichte, das Theater baulich und finanziell für die Zukunft gesichert. Damit damit ist noch lange nicht Schluss für ihn in Lindenau. Bei den Zielen, die er sich für seine bis zur Saison 2020/2021 laufende zweite Amtsperiode gesetzt hast, rangiert die MuKo ganz oben. Bis 2020, ist Schirmer vorsichtig optimistisch, will er den Venus-Saal und, vor allem, den Rang saniert haben. Damit hätte das Haus Dreilinden 150 bis 200 Plätze mehr, was nicht nur für den eigenen Spielplan interessant ist, sondern auch fürs Vermietungsgeschäft. Schirmer: „Es gibt Bedarf für ein Theater mit rund 700 Plätzen in Leipzig. Im Moment ist die MuKo noch zu klein für Partner wie beispielsweise BB Promotion, die mit vielen ihrer Gastspiele ins große Haus kommen. Aber eine deutlich vergrößerte Musikalische Komödie mit aufgewerteter Gastronomie stößt da auf erhebliches Interesse.“

Weil alles so gut läuft, lässt Schirmer sogar erstmals durchblicken, dass er sich auch eine Intendanz über die zweite Amtszeit hinaus gut vorstellen kann. „Ja,“ sagt er, „ich würde gerne weitermachen. Die Frage ist nur wie lange. Denn ein solches Amt muss man inhaltlich begründen. So lange ich etwas gestalten kann, mache ich also gern weiter. Aber das schlimmste, was einem passieren kann, ist: etwas nur am Laufen halten.“

 

 

Von Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr