Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Mehr Hymnus als Drama

Mendelssohns „Paulus“ als MDR-„Zauber“ im Gewandhaus Mehr Hymnus als Drama

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ leisteten die MDR-Klangkörper unter Chorchef Risto Joost am Samstag im Gewandhaus ihren Beitrag zu den letzten Leipziger Mendelssohn-Festtagen

Risto Joost und die MDR-Klangkörper im Gewandhaus.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. „Herr, der Du bist der Gott, der Himmel und Erde und das Meer gemacht hat“ – der erste Einsatz des MDR-Chors fährt mit erhabener Kraft, marmorner Präzision und Schönheit durch Mark und Bein als tönende Glaubensgewissheit.

„Dir, Herr, will ich mich ergeben, Dir, dessen Eigentum ich bin“ – die rund sechs Dutzend Damen und Herren beherrschen auch die andere Seite der Medaille: Wohlig eich lassen sie den Choral leuchten. Sanft schimmert da die Seele durch Form und Harmonie hindurch.

Die intime Intensität, die der Leipziger Rundfunkchor hier erreicht, entrückt und schwebend, zeigt: Hier, im Gewandhaus, am Samstagabend im Rahmen der Mendelssohn-Festtage und als MDR-„Zauber der Musik“, ist einer der derzeit besten Chöre weit und breit zu hören. Bereits zum wiederholten Male in dieser Woche: Denn der hiesige Radio-Chor ist ohne Einschränkung auf Augenhöhe mit dem um rund ein Drittel kleineren Monteverdi-Choir unterwegs, der die letzten Leipziger Mendelssohn-Festtage eröffnete.

Chorchef Risto Joost hat die Einstudierung für sein Konzert selbstredend selbst übernommen, und das Ergebnis zeigt, dass er mit seinem Chor Anderes im Sinn hat als John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi-Choir, Anderes auch, als Andrew Manze im Großen Concert mit dem Psalm „Wie der Hirsch schreit“ und dem „Lobgesang“ damit angefangen hat. Während die Briten auf Linie setzen, den Klang eher als Wirkung denn als Ursache nehmend, geht Joost den umgekehrten Weg. Ihm scheint Homogenität alles, gerundete, samtene, üppige Schönheit.

Sie kommt im konkreten Fall Mendelssohn monumentalem Oratorium „Paulus“ zu Gute, das so in den Chorpartien in jedem einzelnen Takt klingt, als könne das alles gar nicht anders sein. Der Befund gilt im Grunde für alle Beteiligten: Dem erhabenen Schönklang des Chores bleiben die Solisten nichts schuldig. Nicht der grandios schlank, aber kraftvoll geführte Sopran Ilse Eerens’. Nicht Anneli Peebos üppiger Mezzo. Nicht der makellose Tenor-Strahl Maximilian Schmitts. Auch nicht der jugendlich autoritäre Bass Michael Nagys. Und hört man von der Klapperneigung mancher Bläser gerade an den Satzanfängen einmal ab, bleibt auch das Rundfunksinfonieorchester diesem Maßstäbe setzenden Oratorium aus dem Herzen der Romantik nichts schuldig. Warm glänzen da die Streicher um Konzertmeister Andreas Hartmann, aus dem Holz wehen traumschöne Solos herüber, machtvoll setzt das Blech seine Akzente.

Die Anfeindungen der historischen Aufführungspraxis prallen am klar und präzise wie kein zweiter MDR-Chef schlagenden Joost ab wie die Frohe Botschaft des Evangeliums an Saulus, bevor er zum Paulus wird. Das muss kein Schaden sein: Runde 150 Jahre ging „Paulus“ so musiziert als Meisterwerk durch. Und dass die Vibratofrage im Ernstfall jeweils autonom beantwortet wird, kommt auch in anderen Orchestern vor. Dass die Funkmusiker im Eifer des Gefechts schon mal zu laut werden, ist ebenfalls kein Einzelschicksal.

So kann der Hörer sich bequem ins Gewandhaus-Gestühl lehnen und sich am Klang von vorn erfreuen, zweieinhalb voll und satt und wohl tönende und hernach ausführlich bejubelte Stunden lang. Da allerdings liegt das (nicht allzu große) Problem dieser sehr schönen Aufführung: Sie kommt vor lauter Schönheit nicht recht in die Gänge. In sehr, sehr ruhigen Tempi stellt Joost monumentale Erhabenheit an die Stelle innere und äußerer Kämpfe um den richtigen Glauben. Der Hymnus tritt an die Stelle des Dramas. Ein Hymnus aber mit einem Weltklassechor, ebenbürtigen Solisten und potenziell erstklassigem Orchester.

Das Konzert ist für den Rest der Woche nachzuhören unter www.mdr-kultur.de. Das zweite große Mendelssohn-Oratorium gibt’s im Rahmen der Mendelssohn-Festtage am Donnerstag und Freitag, dann dirigiert Thomas Hengelbrock den „Elias“ mit dem ebenfalls sensationellen Balthassar-Neumann-Chor und dem Gewandhausorchester.

Von Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr