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"Mehr zeitgenössische Themen für das Grassi"

"Mehr zeitgenössische Themen für das Grassi"

Die Anthropologin und Kulturmanagerin Nanette Jacomijn Snoep (44) leitet die drei Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut. Die Mutter von drei Söhnen stammt aus dem niederländischen Utrecht und hat in Paris Anthropologie und Kulturmanagement studiert, diverse Lehraufträge erfüllt, fleißig geforscht und publiziert.

Nanette Jacomijn Snoep - hier vor der Vitrine mit dem elefantenköpfigen Ganesha - leitet das Grassi-Museum für Völkerkunde am Johannisplatz.

Quelle: Christian Modla

Ab 1999 baute sie das Musée du Quai Branly mit auf. Die Neu-Dresdnerin ist zugleich Vize-Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Sachsen. Ein knappes halbes Jahr nach ihrem Start in Leipzig blickt sie im Interview zurück und nach vorn.

 Was hat Sie am Abenteuer Sachsen gereizt?

 Mit 18 wollte ich eigentlich nur für ein Jahr nach Frankreich, um Französisch zu lernen. Daraus sind dann 25 Jahre geworden, davon habe ich 15 im Musée du Quai Branly gearbeitet. Dort hat man mich angerufen, um mich zu fragen, ob ich an einem Direktorenposten in Sachsen interessiert bin. Vom wunderbaren Grassi-Museum sowie den Ethnologischen Sammlungen in Dresden und Herrnhut hatte ich natürlich schon gehört. Es ist für mich eine Herausforderung und ein Abenteuer, da mitzuarbeiten. Ein bisschen wahnsinnig muss man aber sein.

 Sie sind jetzt mehr als fünf Monate hier. Haben Sie die Entscheidung schon bereut?

 Bereut, was ist das? Ich bin sehr, sehr glücklich. Es ist natürlich nicht einfach, Direktorin von drei Museen zu sein, da zwischen den einzelnen viele Kilometer liegen. Bisher konnte ich mir höchstens einen Eindruck vom Potenzial der Sammlungen machen.

 In Dresden haben Sie mit der Erneuerung des Japanischen Palais eine Baustelle zu bewältigen. Das Grassimuseum hingegen ist saniert, eine relativ neue Dauerausstellung 2009 eröffnet worden. Wo können Sie da noch eigene Akzente setzen?

 Eine Dauerausstellung ist nicht für die Ewigkeit. Ich möchte sie erneuern und modernisieren, damit wir mehr über zeitgenössische Kulturen auf der Welt sprechen können. Mir liegt viel daran, Brücken zwischen Afrika oder Asien und Leipzig oder Sachsen zu bauen. Die Dauerausstellung ist neu, und das ist schon ein Problem.

 Wieso ein Problem?

 Dadurch ist es schwierig, sie in wenigen Monaten zu verändern. Innerhalb der nächsten fünf Jahre möchte ich sie aber Schritt für Schritt um kleine Inseln erweitern.

 Was für Inseln?

 Ich stelle mir kleine Cluster vor. Etwa zu Themen wie Migration oder Jugendritualen. Diese Rituale gibt es ebenso in Sachsen wie in der Südsee oder in Afrika. Das werden wir aufbereiten und vergleichen.

 Den "Rundgang durch eine Welt" wird es also dann nicht mehr geben?

 Ich bin nicht überzeugt, dass ein Rundgang der einzige Weg für ein Völkerkundemuseum sein kann. Das ist eher ein Ansatz für Ethnologen. Natürlich wird es geografische Schwerpunkte geben. Über Aspekte wie Migration und Rassismus müssen wir aber reden - gerade in Zeiten von Pegida und Legida. Deshalb wird es ein Spaziergang durch die Welt mit Schwerpunkten. Afrika beispielsweise ist ein Kontinent mit 54 Ländern. Da gibt es sehr viele Unterschiede. Wir können nicht über alle sprechen. Aber wir können die Geschichte der Königreiche vorstellen oder beispielsweise über Sklaverei reden. Warum sind so viele Afrikaner nach Amerika gebracht worden? So wird die Ausstellung politischer.

 Welche Rollen können Völkerkundemuseen in einer globalisierten Welt noch spielen?

 Schon der Begriff Völkerkunde ist nicht mehr zeitgemäß. Da denkt man an die Völkerschauen. Weltmuseum oder Museum für Weltkultur - das schwebt mir vor. Leipzig war auch schon im 18. Jahrhundert eine wahnsinnig interna- tionale Stadt. Darüber möchte ich reden, auch um zu verstehen, wie wir heute leben.

 Wie können die Sammlungen der drei Grassi-Museen voneinander profitieren?

 Wir müssen mehr zusammenarbeiten - können im Grassi beispielsweise über ein Thema drei verschiedene Ausstellungen machen.

 Wie kann es gelingen, mehr Besucher zu interessieren?

 Wir müssen mehr über zeitgenössische Themen sprechen - zum Beispiel, wie erwähnt, über Migration. Aber auch mit Ausstellungen über Musik oder Film von heute. Wir brauchen mehr Angebote, die auch jungen Leuten Lust machen, ins Museum zu kommen. In Paris hat das gut funktioniert, zum Beispiel mit einer Tattoo-Ausstellung. Tätowierte gibt es überall auf der Welt. Warum ist das so und wo sind die Unterschiede? Das ist doch eine spannende Frage! Außerdem möchte ich speziell einen Raum für Jugendliche anbieten, die eigentlich keine Lust haben, in ein Museum zu kommen. Dort können wir darüber sprechen, woher der Hip Hop kommt oder ähnliche Dinge.

 Ist das mit dem vorhandenen Personal zu machen? Sie haben ja nicht mal mehr einen Sinologen oder Amerikanisten.

 Es gibt externe Wissenschaftler und in Leipzig viele junge Ethnologen an der Universität, mit denen ich gern zusammenarbeiten möchte. Ich will ja auch, dass Wissenschaftler aus unserem Team forschen und reisen können, um mit neuen Eindrücken und Themen zurückzukommen. Das ist natürlich immer eine Frage des Geldes. Aber ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Außerdem schwebt mir vor, dass die14 Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Sachsen enger zusammenarbeiten. Warum sollen Gemälde, Porzellan oder zeitgenössische Kunst aus dem Zwinger oder Albertinum nicht in thematische Ausstellungen im Grassi integriert werden? Zum Beispiel wenn wir über die Rolle von Afrikanern in Deutschland gestern und heute sprechen. Dann vergessen wir einfach die Konkurrenz zwischen Dresden und Leipzig.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.07.2015
Orbeck, Mathias

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