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Meigl Hoffmanns furioses Kabarett-Solo

Kabarett-Premiere Meigl Hoffmanns furioses Kabarett-Solo

Er spitzt zu, analysiert, philosophiert und parodiert: Meigl Hoffmann legt mit seinem Solo-Programm „Geölter Witz – Im Rahmen der Mona Lisa“ ein echtes Meisterstück hin. Zur Premiere am Wochenende im Central-Kabarett reagiert das Publikum begeistert.

Die Welt steht Kopf, die Mona Lisa verliert ihn: Meigl Hoffmann im Central-Kabarett.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Wäre sie nicht kurz vor dem Ende abgehängt worden, man hätte der Mona Lisa eine mimische Veränderung zugetraut. Die Verstärkung ihres verhaltenen Lächelns oder vergrößerte Pupillen als Ausdruck des Erstaunens über das, was da knapp zwei Stunden lang vor ihren Augen stattgefunden hat. Nach dem Besuch des Programms „Geölter Witz – Im Rahmen der Mona Lisa“, in dem Meigl Hoffmann mit der Wahrnehmung spielt, scheint jedenfalls mehr möglich als die üblichen Denk- und Erfahrungsmuster sonst zulassen. Auch, was Kabarett in Leipzig angeht. Denn diese Produktion, die am Wochenende Premiere im Central-Kabarett hatte, saust als geradezu sensationeller Donnerschlag in die Leipziger Brettl-Landschaft.

In gewisser Weise knallt Hoffmann mit diesem Satire-Monolithen nicht nur Fragezeichen hinter Gewohnheiten in der bequemen Republik Deutschland, hinter gefühlte Wahrheiten und Demagogie, sondern auch hinter das eigene Schaffen. Hat der Mann uns mit der harmlosen Gefälligkeit so mancher Stücke händereibend hinters Licht geführt und jahrelang im Verborgenen am ganz großen Ding geschraubt? Der Mann, der sich nach seinen wilden Kabarett-Revoluzzer-Jahren bei Gohglmohsch gelegentlich hinter Comedy und Mundart zurückgezogen hat, weil leichte Publikums-Belustigung eher zieht als bissige Satire, entpuppt sich hier als kluger, brillanter, ernst zu nehmender Analytiker der Nationslage.

Es gibt offenbar mehrere Hoffmanns. Den fraglos guten Komödianten, den starken Chansonnier und den Oberjuxer. Dieser Hoffmann aber auf diesem Level ist neu – verblüfft, begeistert und entzückt in der Rolle des einsamen Museumswächters, der vor da Vincis „Mona Lisa“ im Museum der bildenden Künste hockt und ins laute Grübeln kommt. Erst sind es die Echtheit des Ölschinkens, die er anzweifelt, und die Kunst allgemein, die zum Spekulationsprojekt verkommt. Mit Hilfe von witzig-hintersinnigen Kalauern nähert er sich größeren Themen: der Gier in Großkonzernen, deren Bosse nie endendes Wirtschaftswachstum als alleiniges Ziel vorantreiben; der Beklopptheit der Masse, die bei Primark Billigschund einkauft, weil ihnen der Kapitalismus Kaufen und Besitz als Glücksversprechen eingetrichtert hat.

Nur vordergründig spricht die Museumsaufsicht namens Manfred Subbotnik, hier rechnet eher Hoffmann selbst in einer klassischen Kabarett-Conférence mit Zuständen ab. Ohne Häme, eher im Stil eines Dozenten zerpflückt er die Hysterie von Verschwörungstheoretikern. Zur Auflockerung taucht er auch mal als Udo Lindenberg auf. Doch nicht mal mit dem Schnoddersänger wird’s pur gemütlich, denn federnd besingt das Double zu den Tonspuren, die Hoffmann-Kompagnon Karsten Wolf zuvor am Keyboard eingespielt hat, den Überdruss an Überwachungsmethoden.

Stets am Faden haftende Songs und ein paar lockere Pointen sorgen dafür, dass die Unterhaltungsquote nicht abrutscht. Priorität aber – und das ist das Bemerkenswerte – hat die Kopfarbeit fürs Publikum, wenn mittels hochintelligenter Didaktik und Dialektik der Begriff Macht seziert wird, ein Wissenschaftler vor der Mona Lisa über den Unterschied zwischen materiellen Kosten für angemalte Pappe und Milliarden-Wert eines Bildes referiert. Über den Irrwitz in einem System, in dem das Materielle vor allem steht und doch nur auf virtuellen Konto-Beträgen basiert. Das ist Zumutung im besten Sinne, eine Aufforderung zum Mit- und Nachdenken, die zum Schluss mit tosendem Applaus belohnt wird.

Was die innerdeutsche Spaltung beim Umgang mit Flüchtlingen und Strömungen wie Pegida betrifft, bezieht der Künstler eindeutig Position – gegen das Fremdeln, Hetzen und Schüren von Angst ebenso wie gegen das Stigma, Sachsen bestehe nur aus Rassisten. Die Dresdner Paranoia übertreibt er köstlich, wenn der Pegidist im Bühnenvorhang eine Verschleierung sieht oder die homogenisierte Milch meidet, um nicht schwul zu werden.

Und so zieht es durch den Abend, dieses fantastische Gewitter aus Geistesblitzen, Analyse, Philosophie, Zuspitzung – und Entlarvung: Dass ein Großteil der Zuschauer das hinzugefügte halbe Hitlerbärtchen auf Monas Oberlippe nicht bemerkt hat, nimmt Hoffmann zum Anlass, die Manipulations-Praktik namens Ablenkung zu untersuchen. Die Mehrheit als Opfer der aufgezwungenen Wahrnehmung. Und ohne dass die Sprache darauf kommt: Das kleine Schnäuzer-Quadrat über dem Damenlächeln klebt auch als Symbol für die schleichende Wiederkehr überwunden geglaubter rassistischer Strömungen. Es ist halt anfällig, das teutonische Gemüt, das sich unverstanden fühlt, in Untergangs-Erwartung meckernd verharrt und in einem von Hoffmann benannten Dilemma gefangen ist: Hoffend, dass sich was tut und gleichsam ängstlich vor Veränderung.

„Geölter Witz“ ist ein wohltuend anstrengendes, furioses und amüsantes Stück Satire – bestens austariert, nie langweilig, nie ausufernd (Regie: Eckehart Dennewitz). Spitzenkabarett vor der Mona Lisa; ein echtes Meisterstück vor einem gefakten. Obwohl … nach einem solchen Abend scheint alles möglich.

Nächste Vorstellungen 18. bis 21. Mai, Karten und Infos unter Telefon 0341 52903052.

Von Mark Daniel

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