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Meistens wahre Lieder: Stimmungsvolles Seeklang-Festival am Ulrichsteich

Kulturwerkstatt Kaos Meistens wahre Lieder: Stimmungsvolles Seeklang-Festival am Ulrichsteich

Das Seeklang-Festival war am Wochenende weit mehr als bloß ein Konzert-Reigen: Bei dem hochkarätigen und abwechslungsreichen Liederfest haben sich Leipzigs Singer/Songwriter wieder einmal zum Familientreffen versammelt.

Zweiter Festivalabend: Anne Heisig unter freiem Himmel.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Musikfestivals sind normalerweise zweigeteilt: auf und hinter der Bühne die Künstler, davor das Publikum. Die Trennung ist nicht nur räumlich, sie hat auch viel mit der Hierarchie zwischen Stars und Fans zu tun.

Auf das Seeklang-Festival, das die Kulturwerkstatt Kaos von Freitag bis Sonntag zum fünften Mal veranstaltet hat, trifft diese Regel aber nicht zu. Und das liegt nur in zweiter Linie daran, dass die Singer/Songwriter im Programm keine Stadien füllen. Vor allem wäre eine Zweiteilung undenkbar, weil gefühlt alle Anwesenden Liedermacher sind. Bis hin zu den Fröschen, die irgendwo am Ufer des Ulrichs­teichs ihr eigenes Konzert geben.

„Don’t you know, most of my songs are true?“ Weißt du nicht, dass die meisten meiner Lieder wahr sind? Es ist eine Zeile der Leipziger Sängerin Karo Lynn vom Eröffnungsabend. Wegen des Regens haben die Festivalmacher den mächtigen Baum der Seebühne fotografiert und daraus per Tageslichtprojektor das Rampenlicht im Veranstaltungsraum gemacht. Das Gerät zieht eine Fliege an, fingergroß scheint sie durch die abstrahierten Zweige an der Wand hinter der Bühne zu irren: wahre Freiluft-Idylle mitten im Zimmer.

Die Zuschauer passen aber sowieso nicht alle zwischen die vier Wände. Ungefähr die Hälfte schaut sich das Konzert von draußen durchs Fenster an, mit Blick auf eine Stehlampe. Von dort lauschen sie Karo Lynns eindringlich schön gesungenen Zeilen, die so wahr sind, „dass man gar nicht weiß, was man dazu sagen soll“, kündigt sie ein Lied an, „zu privat“.

„Ihr seid sehr nett und aufmerksam, das ist nicht immer so“

Einen Tag später, im früheren Musikzimmer der einstigen Brauerdynastie Ulrich, ist in einem von vier Workshops zu lernen, dass Songtexte bestenfalls persönliche Gefühle so ausdrücken, dass sich die Hörer darin wiederfinden. Wencke Wollny von der Leipziger Gruppe Karl die Große leitet den Kurs, mit ihrer damaligen Band Pigeon Toed trat sie beim Seeklang vor Jahren auch mal auf. Eine Teilnehmerin gesteht, dass Texte ihre Schwäche seien. „Vor allem auf Deutsch wird es schnell kitschig, und das verstehen dann alle. Daher flüchte ich mich ins Englische.“

Gute Texte sind indes gerade beim Seeklang-Festival wichtig – denn hier hören die Leute zu, von Anfang bis Ende. Fast allen Künstlern ist das auf der Bühne eine Bemerkung wert. „Ihr seid sehr nett und aufmerksam, das ist nicht immer so“, sagt etwa Robert Groos-Albouts alias Emily’s Giant zwischen zwei Liedern. Er singt seine (englischen) Texte allerdings so brüchig-zart und dann voluminös-wuchtig, dass die Gänsehaut kommt, selbst wenn man nicht versteht, wovon sie handeln.

Am zweiten Festivalabend leuchtet die Stehlampe neben dem Original-Seebühnenbaum: Das Wetter taugt für den freien Himmel. Während sich Anne Heisig und das Duo Miss Maudlin – wie am Vorabend das Duo Possibly Sam – vorwiegend ins Englische flüchten, singt Alin Coens Gitarrist Jan Frisch auf Deutsch: „Eigentlich wollte ich nur fragen“, lautet eine Zeile, mit der offenbar viele hier bereits viel zu oft genervt worden sind, „sag mal, kann man denn auch davon leben?“

Am Ulrichsteich eine unsinnige Frage: Man lebt hier natürlich für die Musik. Bei der abschließenden Offenen Bühne am Festivalsonntag gibt es naturgemäß überhaupt keine Trennung mehr zwischen Künstlern und Publikum. Das Seeklang-Fest ist eben bei weitem nicht bloß ein Konzert-Reigen. Es ist ein wunderbares Singer/Songwriter-Treffen, im wahrsten Sinne.

Der Kaos-Kultursommer geht am 4. August, 20 Uhr, mit der Sommertheater-Premiere „Der Reigen“ weiter. Singer-Songwriter-Treff jeden zweiten Montag eines Monats, 19 bis 22 Uhr, in der Kulturwerkstatt Kaos (Wasserstraße 18).

Von Mathias Wöbking

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