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Meistererzähler David Guterson liest am Montag im Haus des Buches

Meistererzähler David Guterson liest am Montag im Haus des Buches

Ein Autor muss Großes in der Hinterhand haben, wenn er schon auf Seite 14 die Spannung aus der Geschichte nimmt. Wie die Luft aus einem Ballon lässt David Guterson an jener Stelle den Satz entweichen: "Auf diese Weise lernte ich den privilegierten Jungen kennen, der später der Einsiedler von Hoh werden sollte.

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Meistererzähler: David Guterson.

Quelle: Chris van Houts

.., der sieben Jahre lang in den Wäldern lebte und mir vierhundertvierzig Millionen Dollar vermachte." Damit ist nahezu alles gesagt. Also: Ballon leer - Klappe zu, Buch tot? Mitnichten.

Denn Guterson, der gleich mit seinem Debüt "Schnee, der auf Zedern fällt" (1994) weltberühmt wurde, ist einer der ganz großen Erzähler, die kaum Wind um eine solche Banalität wie die Füllung eines Luftballons machen müssen. In seinem neuen Roman "Der Andere", den der 56-Jährige bereits vor fünf Jahren in den USA veröffentlich hat und heute in Leipzig vorstellt, vermisst Guterson ein in der Literatur nicht ganz unbekanntes Terrain: Freundschaft und Verrat. Die, so scheint es zumindest bei ihm, im realen Leben eine bevorzugt maskulin geprägte Linie bedient. Seinen Titel entlehnt er bei Arthur Rimbaud, der im 19. Jahrhundert die berühmt gewordene Formel "Je est un autre" (Ich, das ist ein Anderer) prägte, in der er sich zum dichtenden Seher und Erfüller einer Art höheren Auftrags stilisiert - eines Auftrags, der ihn, ob er will oder nicht, in Ekstasen und in unbekannte Regionen der Fantasie und der Erkenntnis treibt.

Ähnlich lässt es Guterson seinem Ich-Erzähler ergehen. In der Gegenwart ist dieser Neil Countryman - treffender hätte der Name kaum gewählt werden können - ein Englischlehrer an der US-amerikanischen Westküste. In Seattle, wo auch der Meistererzähler selbst lebt. Jener Countryman wäre gern ein ebenso bekannter Autor, was ihn in der Realität drei Jahrzehnte quält. Der bis dahin verhinderte Star ist allerdings nur Mittelklasse - seit seiner Geburt, sein gesamtes Leben lang. Selbstredend auch in der Schule, als er John William, der später zu jenem millionenschweren Einsiedler werden wird, bei einem Schulwettkampf in Leichtathletik kennenlernt. Mit diesem Sohn aus bestem Haus liefert sich der Held des Mittelfeldes auf der Mittelstrecke über 800 Meter ein Rennen - um den vorletzten Platz. Wie könnte es auch anders sein. Doch aus diesem Wettbewerb resultiert eine Freundschaft, in deren Verlauf der vorbildliche Pfadfinder John immer wieder von depressiven Schüben heimgesucht wird und auf verschiedenen Wegen nach einem Ausweg sucht.

Es ist die Leichtigkeit, mit der Guterson diese Beziehung unter die Lupe nimmt, die den "Anderen" von vielen gescheiterten Versuchen abhebt. Einerseits erzählt er über die Sehnsüchte, die sich in John als Doppelgänger des romantisierenden Ich-Erzählers stauen - andererseits bewundert Guterson, so scheint es zumindest, die Stringenz, mit der John sein Leben tatsächlich lebt, wenn auch von der Welt abgewandt. Dieser Plot wird schließlich in ausgedehnte Beschreibungen der Wildnis eingeschlagen.

Freundschaft und Verrat: Diese Themen stehen Guterson für den amerikanischen Traum und seinen Preis. Deshalb ist "Der Andere" zugleich ein überbordender Gesellschaftsroman. An die Klasse von "Schnee, der auf Zedern fällt" reicht er trotz seiner Qualitäten nicht heran. Luft hin, Ballon her.

Heute, 19.30 Uhr, Haus des Buches, Leipzig, Gerichtsweg 28: der Autor im Gespräch mit Stefan Welz, Lesung des deutschen Textes Guido Lambrecht. Eintritt: 3/2 Euro

 

 

David Guterson: Der Andere. Roman. Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich. Verlag Hoffmannund Campe; 352 Seiten, 22,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.04.2013

Andreas Debski

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