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Menschlichkeit in Tönen: „Figaros Hochzeit“ in der Oper Leipzig bejubelt

„Le nozze di Figaro“ feiert Premiere in der Oper Leipzig Menschlichkeit in Tönen: „Figaros Hochzeit“ in der Oper Leipzig bejubelt

Natürlich und beseelt: Die Neuinszenierung von Mozarts Da-Ponte-Oper „Le nozze di Figaro“ in der Oper Leipzig. Das Publikum bejubelt die Premiere und vor allem die bezaubernde Olena Tokar als Susanna und den eleganten Matthias Hausmann als Graf am Samstagabend begeistert.

Leipzig.  „Ah“, singen alle im schönsten Einvernehmen, „tutti contenti saremo cosí“ – So werden wir alle zufrieden sein. Im Falle von Graf Almaviva und seiner Frau, der Gräfin Rosina, sei das einmal dahingestellt. Gil Mehmert, der Regie führte beim neuen „Figaro“, der am Samstagabend in der ausverkauften Oper Leipzig eine Viertelstunde gefeiert wurde, gibt den beiden eher keine Chance mehr. Aber zumindest an der Oberfläche hat jeder Topf seinen Deckel gefunden: Susanna ihren Figaro, Barbarina ihren Cherubino, Marcellina ihren Bartolo. Und damit sie nicht so einsam auf der Bühne herumstehen, ergreift Basilio die Hand Don Curzios. Oder sind es Sunnyboy Dladla und Keith Boldt, die aus ihren Rollen heraustreten, übermannt von der Kraft dieses Opernabends?

Mehmert jedenfalls hat, weil er nicht auf Teufel komm’ raus das Besondere suchte, alles richtig gemacht. Der Musical-Könner hat unter den Augen Mozarts und seines Librettisten Da Ponte, die von oben links als Büsten das Treiben verfolgen, auf der Bühne Jens Kilians und in den Kostümen Falk Bauers die Oper aller Opern optisch recht diskret ins 20. Jahrhundert geholt, ansonsten aber eins zu eins genau die Geschichte erzählt, die Komponist und Dichter erzählen wollten. Das ist mitunter ziemlich komisch – hält aber Distanz zum Klamauk. Das greift bisweilen unvermittelt ans Herz – meidet aber jeden Anflug von Sentimentalität. Das macht hinter den Protagonisten dieses Vierakters Menschen sichtbar – respektiert aber die Mechanismen der Typen-Komödie, auf deren Fundament „Figaros Hochzeit“ erst funktioniert. Er nimmt seine Darsteller an der Hand – lässt ihnen aber im Zweifelsfalle Raum, ihre Rolle zu beleben. Und er lässt der Musik die Freiheit, all jene Leerstellen zu füllen, die die Logik in dieser Apotheose der Aufklärung hinterlässt.

Mit zwei Einwänden: Die mehrstöckige Bühnenlösung rückt die Darsteller und ihre Gefühle in allzu weite Ferne; und Cherubino, diesen zarten Hauch eines Pubertierenden, den sanften und verstörten Urahn aller einschlägigen Hosenrollen, legt er zu halbstark an, libidinös eher als gefühlsverwirrt. Aber das macht Wallis Giunta, die als ungelenker Elvis-Wiedergänger immer mal wieder Gitarren zu traktieren hat (auch mal mit einem verirrten Don-Giovanni-Zitat), mit der Poesie ihres schlackenlosen Gesangs allemal wett. Für Cherubino hat Mozart zwei seiner schönsten Sätze geschrieben: die Arie „Non sò più cosa son, cosa faccio“ (Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, was ich tue) und die Ariette „Voi, che sapete che cosa è amor“ (Ihr, die ihr wisst, was Liebe ist). Beiden bleibt Giunta, seit Beginn dieser Spielzeit im Ensemble der Oper Leipzig, nichts schuldig. Warm und weich klingt ihr Mezzo, sanft bebend vor innerer Erregung.

Diese zauberhafte Neben-Figur steht im Zentrum des „Figaro“. Denn so kunstvoll von allen Seiten da Intrigen gesponnen werden, immer wieder stolpert der Halbwüchsige durchs Bild und bringt alles durcheinander. Und wenn am Ende dann doch alles gut wird, dann liegt das nur daran, dass der Zufall wieder Schicksal spielt. Folgerichtig gibt es in dieser Oper keinen Spielmacher, keine Spielmacherin. „Le nozze die Figaro“ ist vielmehr die vollkommene Ensemble-Oper. Nicht, weil die großen Ensembles an den Aktschlüssen in ihrer kunstvollen Wahrhaftigkeit so ziemlich alles in den Schatten stellen, was zuvor und hernach entstand, sondern weil dreieinhalb Stunden lang niemand die Kollegen an die Wand singen oder spielen darf.

Das tut auch Olena Tokar nicht, obschon sie in ihrem Traumrollen-Debüt als „Susanna“ gefährlich hell strahlt. Darstellerisch wie gesanglich. Verliebt ist sie und kokett, verträumt und erzürnt, verwirrt und entschlossen. Und für jede dieser Seelenregungen findet sie die richtige Mine, die richtige Geste, den richtigen Ton. Ob sie in grundloser Eifersucht ihren Figaro ohrfeigt oder in der entrückten Rosen-Arie (Deh, vieni, non tardar) zu Tränen rührt, ob sie im turbulenten Finale Zwei die Übersicht erhält, oder sich der lüsternen Avancen des gräflichen Schwerenöters erwehrt. Das alles sieht so natürlich aus, klingt so selbstverständlich, dass dieses so sensible wie intelligente Rollenporträt eben niemanden an den Rand drängt, sondern den Rest vom Fest im Gegenteil inspiriert.

Sejong Chang etwa, der als kraftvoller Figaro gekonnt die Illusion aufrecht erhält, Herr der Lage zu sein – obwohl er es in keinem Augenblick wirklich ist. Anfangs machen ihm die Entfernungen auf der Bühne und zum Graben schaffen, aber das schleift sich schnell ab. Und wenn er in unterdrücktem Zorn die vermeintliche Untreue aller Frauen beklagt (Aprite un po’ quegl’occhi), dann steht da und singt da auf der Bühne hinter dem Diener-Typus der Buffa ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und genau dies macht diese Größe dieser Mozart-Oper aus.

Auch bei Mathias Hausmann zeichnet den Grafen Almaviva nicht als Abziehbild des notgeilen Machtmenschen zeichnet, auch nicht als lüsternen Halbtrottel, sondern als strauchelnden Grandseigneur, der gesellschaftlich seine Felle davonschwimmen sieht und die Zukunftsängste auf die Libido projiziert: „Vedrò, mentre io sospiro, felice un servo mio!“, singt er am Beginn des dritten Aktes: Ich soll, während ich seufze, glücklich einen Diener sehen! In diese vor Zorn bebende Arie, die in ihrer Maestoso-Wucht auch aus einer Seria stammen könnte, legt der elegant und edel, kraftvoll und geschmeidig klingende Hausmann alle Würde eines Adligen hinein, dem seine Welt durch die Fingern gleitet. Da wird der Abgrund sichtbar, an dessen Rand diese Gesellschaft intrigiert, als gäbe es kein Draußen.

Nach innen richtet sich die Rollengestaltung Marika Schönbergs als Gräfin Rosina. Sie ist in diesem Vexierspiel das Opfer. Verwundet ist ihre Seele, weil von der Liebe, in der Almaviva im „Barbier von Sevilla“ zu ihr entflammt war, wenig mehr als der Wunsch nach ungeteiltem Besitz geblieben ist. Die Arie am Beginn des zweiten Aktes, in der sie sich den Tod wünscht, kehrt die Liebe nicht zu ihr zurück (Porgi amor), singt Schönberg so subtil und wahrhaftig in aus weisem Schmerz geborener Schönheit, dass auch hier die Grenzen zwischen Bühne und Leben, Musik und Seele verschwimmen.

Dieses Niveau setzt sich fort bis in die kleinen, die keine Nebenrollen sind: Karin Lovelius lässt Marcellina in satten Mezzo-Farben von der giftigen Alten zur liebenden Mutter reifen. Milcho Borovinov weiß als Bartolo nicht recht wie ihm geschieht, dass Figaro, das Ziel seiner Intrigen, nun sein Sohn sein soll und Marcellina seine Braut, fügt sich aber in sein Schicksal vom Rache-Engel der wunderbar gesungenen Auftrittsarie (La vendetta) zum ergebenen Familien-Vater zu schrumpfen. Magdalene Hinterdobler schließlich ist eine Barbarina, die sich ihrer sinnlichen Ausstrahlung gewiss ist, und mit prachtvollem Sopran ihr eigenes Spiel spielt.

All diese fabelhaften Sängerdarsteller kommen aus dem Ensemble der Oper Leipzig, was zeigt, wie klug Ulf Schirmer es in den Jahren seiner Intendanz entwickelt hat. Als Gäste sind nur Roland Schubert (der gehörte einst auch dazu) als urkomischer Antonio und Sunnyboy Dladla (so heißt er wirklich) als windiger Basilio dabei, und auch sie machen ihre Sache ausgezeichnet. Wie der von Alexander Stessin präparierte Chor der Oper Leipzig.

Das alles indes wäre wenig, würde nicht der Erste ständige Gastdirigent Matthias Foremny im Graben aus alldem einen musikalischen Kosmos erschaffen, der aus der Komödie das Menschheits-Theater macht. Foremnys Mozart-Stil ist so natürlich wie Mehmerts Inszenierung. Er verkneift sich die wirkungssicheren Exzesse, mit denen viele Kollegen aufführungspraktische Informiertheit simulieren. Foremnys Tempi sind flott, aber nicht gehetzt, die Rezitative sind deutlich, aber nicht buchstabiert (das Cembalo indes klingt mitunter allzu secco), die Ensembles transparent, aber nicht blutleer. Das auch und gerade bei Mozart exzellent aufgelegte Gewandhausorchester klingt kristallin, aber nicht trocken, im Bedarfsfall auch kraftvoll, aber nie ungebührlich wuchtig.

Foremny entwickelt diesen tollen Tag konsequent aus der Ouvertüre heraus, setzt mehr auf große Zusammenhänge als auf die vielen schönen Stellen. Er trägt die Sänger auf Händen und hält die Chose auch ohne Stab und trotz der gewaltigen Entfernungen sicher beisammen. Das alles ist so berückend in seiner unaufgeregten Schlüssigkeit, dass man es gern auf Tonträger mit nach Hause nähme.

Kurzum: Diese Premiere löst den Anspruch ein, den Hausherr Schirmer zu Beginnformuliert: Die Anschläge von Paris, sagt er, seien ein „Angriff auf unsere Kultur“ gewesen. Und die Oper Leipzig habe sich sehr bewusst entschieden, nicht dennoch, sondern gerade darum zu spielen. „Wir sind hier zusammengekommen, um unsere Kultur zu pflegen und zu bewahren, sie lebendig zu machen: Bitte, lassen sie sich fallen in Mozarts Musik. Wenn ein Komponist Menschlichkeit in Töne gegossen hat, dann er.“

Und wenn eine Produktion diese Menschlichkeit findet zwischen all den herrlichen Tönen, dann diese. Eine Viertelstunde lang brandet die Begeisterung durch den Saal, für Olena Tokar, Mathias Hausmann sowie für Foremny und das Gewandhausorchester ist sie besonders entfesselt.

 

Vorstellungen: 18.,27. 11.,30.1., 12.3.; Tickets im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse

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Am Samstag feierte in der Oper Leipzig Mozarts“Figaro“ Premiere, Fotos der Inszenierung von Gil Mehmert.

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Von Peter Korfmacher

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