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„Metropolis“ am Schauspiel Leipzig

Theater-Premiere „Metropolis“ am Schauspiel Leipzig

Claudia Bauer hat am Schauspiel Leipzig „Metropolis“ inszeniert – auf der Grundlage des Stummfilmklassikers von Fritz Lang aus den Jahren 1925/26. Der Theaterabend bleibt leider ein Konglomerat des Erwartbaren.

Wo ist der Mensch noch Mensch, wo schon Maschine? „Metropolis“ am Schauspiel Leipzig.

Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Leipzig. Wer rettet die Welt? Das ist die große Frage, die über der großen Bühne des Leipziger Schauspiels leuchtete, als dort am Freitag vor ausverkauftem Saal „Metropolis“ Premiere feierte und viel Applaus vom Publikum bekam. Dafür nahmen sich Hausregisseurin Claudia Bauer und ihr Team den Schmöker Thea von Harbous und natürlich auch den Filmklassiker Fritz Langs aus den Jahren 1925/26 zur Brust.

Eine Inszenierung, in der das edle Herz der Kapitalismuskritik pocht, welches dann auch das Blut in den Kreislauf des Abends pumpen soll, auf dass ein Denkkonstrukt zum Spiel erwache, sich im Bühnenraum gleichsam als Organismus in Bewegung setze.

Gleich zu Beginn erscheinen Darsteller im hautengen Ganzkörperanzug (Kostüme: Patricia Talacko), um einen ins Zentrum geklotzten Kubus (Bühne: Andreas Auerbach) zu bestaunen. Was durchaus Assoziationen an die Primatenhorde wecken mag, die in Stanley Kubricks „Space Odyssey“ jenen geheimnisvollen Monolithen umkreist, dessen Berührung dann zum evolutionären Bewusstseinsschub verhilft. Die Affen somit zur Menschwerdung verdammend.

Allzu akkurater Dualismus

Ach, die Menschheit! Der eine Teil, er lebt im Kubus des Kapitals, gehört also zur herrschenden Klasse, oder auch gleich insgesamt zur westlichen Welt. Und der andere Teil, der steht davor oder vegetiert darunter. Als Arbeitsvieh, als Menschenmaterial zur Kapitalvermehrung, als Flüchtling.

Was ja einerseits nicht falsch, andrerseits aber ein allzu akkurater Oben-Unten-, oder eben Drinnen-Draußen-Dualismus ist, der schon in von Harbous Buch und auch in Langs Film ziemlich trivial daherkommt. Wobei letzterer es sehr wohl vermag, dank der Suggestivkraft der Bilder und der Dynamik der Montage – kurz: Dank der Mittel des Kinos – das Konstrukt Kunst werden zu lassen. Es ist die Form, mit der Lang die Trivialität exorziert, oder wenigstens kaschiert.

In Claudia Bauers Inszenierung geschieht genau das Gegenteil. Weil bei ihr die Form selbst schon trivial ist. Ein auf irgendwas wie „Gesamtkunstwerk“ hin gepimptes Konglomerat des Erwartbaren. Und man hätte wirklich jede Wette gehalten, dass aus besagtem Kubus heraus Videoaufnahmen zu sehen sein werden. Passiert prompt. Des Weiteren gibt es projizierte Comic-Sprechblasen, ein bisschen Blut hier, ein wenig Gekotze dort. Obligates eben. Am extravagantesten wirken da noch diese Puppen-Maskenwesen, die gelegentlich über die Bühne tappen. Working-Class-Teletubbies mit großen Staune-Augen. Niedlich.

Weg mit den fetten Hüften

Und ist man zunächst noch guter Dinge, weil Bauer – inszenatorisch reizvoll den Stummfilmgestus imitierend – auf Dialog- und Sprechtext (also Gebrülle) verzichtet, dauert es keine Minute, bis die Schauspieler eben brüllen, sobald es an den Sprechtext geht. Jede Wette, dass der Tag, an dem man an deutschen Theatern begreift, dass steigende Emotionen sich nicht so penetrant zwangsläufig durch steigende Lautstärke artikulieren müssen, der Tag sein wird, an dem das Theater aus seiner Krise findet. Für die auch ein Symptom ist, wie es, seiner selbst alles andere als gewiss, immer wieder nach dem Kino schielt.

Und sieht man jetzt, wie durch dieses Bühnen-„Metropolis“ nicht nur Fritz Lang, sondern etwa auch Kubrick, David Cronenberg oder Ridley Scott als szenische Stichwort- und Ideengeber geistern, fragt man sich, warum bei all dem Schielen nach dem Kino das Theater einfach nicht in den Blick bekommt, was ihm am meisten helfen könnte – und was es im Kino natürlich schon gab: Eine Dogma-Bewegung nämlich, eine Überprüfung der Substanz als radikalen Rekurs. Eine ästhetische Entschlackungskur im Namen der Ästhetik. Weg mit den fetten Hüften und wieder runter auf die Essenz dessen, was Theater ist. Raum, Körper, Text. Ein Spiel, das mehr ist als Spielerei mit der Theater-Maschinerie und die Aufbereitung von Befindlichkeiten im mehr oder weniger großen Stil.

Ringen um die Nuance

Vor allem Spielerei aber ist auch diese „Metropolis“-Inszenierung. Selbst wenn sie rigoros all die Hoffnungs-Optionen, die Liebe über Klassenschranken hinweg, die Wir-sind-doch-alles-Menschen-Delirien samt quasireligiöser (und auch völkischer) Erweckungsphantasien, die Buch und Film durchspielen, geradezu zersetzt. Nicht mehr an den Glauben zu glauben, ist durchaus ein Stachel, der dieser Inszenierung innewohnt und sie wirklich unbequem hätte machen können. Keine Erlösung nirgends. Der Mensch, der schon nicht mehr weiß, wo er noch Mensch ist und wo schon Maschine innerhalb der Maschinerie. Der nicht weiß, was er fühlt, und nicht fühlt, was er weiß.

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Claudia Bauer hat am Schauspiel Leipzig „Metropolis“ inszeniert. Es gibt Videobilder aus dem Kubus, Comic-Sprechblasen, ein bisschen Blut hier, ein wenig Gekotze dort und Working-Class-Teletubbies, die gelegentlich über die Bühne tappen.

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Nur dass Bauer diese Ansätze nicht schärft, sondern verwässert. Breiig macht – auch, weil die versuchte Gesellschaftsanalyse, vom Programmheft bis zum chorischen Schlussmonolog, erstens politisch wie intellektuell nur wenig überraschend ist. Und zweitens genau deshalb sämtliche Figuren schrumpft. Hin zu „Verkörperungen“, zu charakterlichen Grobskizzen, Textaufsagern im Dienste der Sache. Individuell nuancenlos.

Was irgendwie ja auch ziemlich kapitalistisch ist. Man mag das gelegentliche Wehren dagegen spüren. Das darstellerische Ringen um die Nuance. Um das Spiel, das keine Spielerei ist. Es reicht nicht, um aus dem Brei herauszustechen. Wer rettet die Welt? Und wer das Theater?

Weitere Vorstellungen: 10. und 20. Februar, 2. und 12. März, 2. April, 12. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Schauspiel Leipzig; Kartentel.: 0341 1268168

Von Steffen Georgi

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