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Michael Fischer-Art lässt sich von Leipziger Slam-Poeten grillen

„Comedy Roast Show“ Michael Fischer-Art lässt sich von Leipziger Slam-Poeten grillen

Ein „RB-Clown im weißen Anzug, der gern mit imaginärem Bogen Luftpfeile schießt“ fordert zwei Stunden lang sieben der üblichen „Arbeitsamt-Allstars“ und deren „Maskottchen“ dazu auf, über das personifizierte „Toys ’R’ Us der deutschen Kunst“ herzuziehen – am Mittwochabend fand im Stötteritzer Centralpalast der fünfte Leipziger „Comedy Roast“ statt.

„Zuerst eine komplette Stadt zerstören, dann einfach weiterziehen“: Julius Fischer trägt vor, Ninia La Grande, Tim Thoelke, Tino Bomelino, Florian Hesselbarth, ein Lenin-Nischel (in Vertretung Bleu Broodes, der später kommt), Nhi Le, André Herrmann und Michael Fischer-Art (von links) lauschen.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Nach einer „Comedy Roast Show“, wie sie am Mittwoch hunderte Zuschauer in den ausverkauften Stötteritzer Centralpalast zog, ist man nicht in der Stimmung, irgendwas gut zu finden. Wo doch gerade ein „RB-Clown im weißen Anzug, der gern mit imaginärem Bogen Luftpfeile schießt“ 1 zwei Stunden lang sieben der üblichen „Arbeitsamt-Allstars“ 2 und deren „Maskottchen“ 3 dazu aufgefordert hat, über das personifizierte „Toys ’R’ Us der deutschen Kunst“ 4 herzuziehen.

In den Vereinigten Staaten ist es äußerst populär, wenn ein oder zwei Handvoll Stars einen Kollegen verbal grillen. Seit zweieinhalb Jahren wirft der Leipziger Entertainer und RB-Stadionsprecher Tim Thoelke auch hierzulande Kohlen ins Feuer – und hat bei der fünften Folge von Deutschlands erster Roast-Show nun sogar eine Weltpremiere verkündet. „Nie wurde irgendwo ein bildender Künstler geröstet“, behauptet er. „Das liegt daran, dass sie normalerweise sehr beliebt sind. Bei Michael Fischer-Art ist das anders.“

Ein vergleichsweise harmloser Pfeil. Fischer-Art, 47 und mehreren Rednern des Abends zufolge immerhin Leipzigs zweitbekanntester Maler, wird sich in den folgenden 120 Minuten ganz andere Beschimpfungen anhören. „Was du hier Kunst nennst an der Pleiße“, wird Thoelke reimen, „ist zwar bunt, doch trotzdem ...“, und auch die Leipziger Slam-Poetin Nhi Le wird ins Fäkalfach greifen: Ein rotes Bild des Künstlers erinnere sie unangenehm daran, „während der Menstruation Durchfall zu haben“, beteuert sie.

Ihre Hannoveraner Kollegin Ninia La Grande betreibt eher Ursachenforschung. Fischer-Arts Schaffen zeige, glaubt sie, was daraus folge, „wenn Eltern die Bilder ihrer Kinder einmal zu oft loben und mit Magneten an den Kühlschrank kleben“. Da nimmt ihn der Leipziger Autor und Internet-Nerd André Herrmann fast schon in Schutz. „Als Kind ist jeder ein Künstler“, zitiert er Picasso. Nur habe Fischer-Art aus dem zweiten Teil des Spruchs, dass die Schwierigkeit darin liege, „als Erwachsener einer zu bleiben“, die falschen Schlüsse gezogen.

Ein echter Punk

„Hässlich!“, bringt Christian Meyer seine Wertschätzung in einer mitreißenden Elektro-Punk-Fassung des Blur-Klassikers „Song 2“ auf den Punkt. Meyers Bühnenpartner im The Fuck Hornisschen Orchestra und in der MDR-Sendung „Comedy mit Karsten“, Julius Fischer, erinnert Fischer-Arts Wohnortwechsel von Leipzig nach Borna gar an Krieg: „Zuerst eine komplette Stadt zerstören, dann einfach weiterziehen.“ Wobei er durchaus Verständnis habe: „Man schläft ja nicht dort, wo man scheißt.“

Streiten ließe sich darüber, ob nicht Beiträge, die so tun, als wären sie lieb, in Wirklichkeit die fiesesten sind. Slammer und RB-U23-Stadionsprecher Bleu Broode lobt Fischer-Art dafür, dass er die Schrift „Comic Sans“ erfunden habe, oder etwa nicht? Vor allem Florian Hesselbarth, kein Komödiant, sondern selbst bildender Künstler, findet scheinbar nur euphorische Worte für den Kollegen. Endlich mal kein introvertierter, maulfauler Denker. „Fischi macht schnell und sagt: ,Ich bin der Geilste’, ein echter Punk“, schwärmt er. „Ich bewundere ihn“, was sogar glaubhaft rüberkommt.

Beide besitzen ein Diplom der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, selbst wenn die Profs beschämt dreinschauten, spreche man sie auf Fischer-Art an, erzählt der fast 20 Jahre jüngere Hesselbarth. Die Abschlussnote 1 sei an der HGB Standard, er selbst bekam sie, weil er einen Bild-Aufmacher einrahmte. „Fischi soll mit 3,5 oder 3,6 abgeschlossen haben, munkelt man“, was Hesselbarth aber ebenfalls begeistert: „Wen interessiert’s?“ Lediglich Neo Rauch und Fischer-Art könnten gut von der Kunst leben, „dazwischen gibt’s nur uns Hungerhaken“.

Dafür, dass Fischer-Art nicht hungern muss, ist offenbar unter anderem der Leipziger Gastronom und Centralpalast-Hausherr Dietrich Enk zuständig. Jedenfalls bittet Thoelke ihn als Überraschungsgast hoch – als einzigen guten Freund des Gerösteten, der aufzufinden war, wie er sagt. „Der einzige mit dem Mut, sich öffentlich zu bekennen“, konkretisiert Enk. Er liebt Fischer-Art offensichtlich schon allein dafür, dass er es schaffe, „wöchentlich mit schildkrötenartig vorgebeugtem Hals in der Zeitung“ aufzutauchen. „Eine Freundschaft mit ihm ist lebenslanges kostenloses Coaching in Selbstvermarktung.“ Übrigens sei Fischer-Art zwar Narziss, gleichzeitig aber „hilfsbereit und ein Menschenfreund, ehrlich“, schließt Enk.

Fischer-Art-Preis für egale Kunst in der Kategorie Nie gehört

Vielleicht liegt es also an Fischer-Arts Philanthropie, dass er die finale Möglichkeit, all die Gemeinheiten zu erwidern, weitgehend ungenutzt lässt. „Wenn’s signiert ist und verkauft wird, muss es Kunst gewesen sein“, stellt er lapidar fest. Oder die Replik bleibt so zahm, weil er von sechs seiner sieben Röster bis zu dem Abend nie gehört hat, wie er kundtut?

Womöglich beschäftigen ihn aber auch schon jetzt die Schlagzeilen schlicht zu sehr, die er tags drauf machen wird, von denen im Centralpalast aber noch niemand weiß. Fischer-Art schaut in fragend amüsierte Gesichter, als er die angebliche Willkür irgendwelcher Beamter anprangert, die ihm den Führerschein wegnehmen wollten. Nur, weil er mit 119 statt 80 Sachen über eine Bundesstraße heizte (LVZ berichtete). Fast schade, dass er die sprachliche Verve seines Online-Videos zum Thema, die durchaus den Roast-Standards entspricht, nicht in den Saal trägt: In dem Filmchen spekuliert er über einen „Nano- oder Mikro-Penis“ der Ordnungshüter.

Den „Fischer-Art-Preis für egale Kunst in der Kategorie Nie gehört“, den André Herrmann zuvor ausgelobt hat, erhält daher ein anderer Redner des Abends: der Esslinger Slam-Poet Tino Bomelino. Und zwar für einen raren Show-Moment ohne Worte. Als er einfach ein Fischer-Art-Gemälde auf eine Leinwand projiziert, erntet Bomelino die meisten Lacher. Das ist nicht gut – das ist superb.

1Julius Fischer über Moderator Tim Thoelke; 2André Herrmann über die Runde; 3Nhi Le über Musiker Christian Meyer; 4Bleu Broode über Michael Fischer-Art.

Von Mathias Wöbking

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