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Michael Tippets „A Child of Our Time“ im Gewandhaus

Großes Concert Michael Tippets „A Child of Our Time“ im Gewandhaus

Mit Michael Tippetts bewegendem und verstörendem Oratorium „A Child of Our Time“ endet in den Großen Concerten dieser Woche der England-Schwerpunkt des Gewandhaus-Orchesters.

Stefan Asbury dirigiert Gewandhausorchester und -Chor.

Quelle: Kempner

Leipzig. „Go, Tell it to the Mountain“ kommt nicht vor. Michael Tippetts (1905– 1998) Oratorium „A Child of Our Time“ ist zu komplex, um auf einen Berg zu steigen und seine Botschaft zu verkünden. Der Komponist, dessen Hauptwerk in den Großen Concerten dieser Woche den „Fokus England“ im Gewandhaus krönte, hält es eher mit dem Spirituals der Klage, des Schmerzes, des Todes: Mit „Steal Away“, „Nobody Knows the Trouble I See“, „Go Down Moses“ oder „Deep River“. Sie gliedern das Oratorium vom Kind unserer Zeit wie die Choräle Bachs Passionen oder ihre romantischen Wiedergänger und befördern Verstehen und Verständnis durch musikalische Vertraut- und spirituelle Verbundenheit. Dabei verbindet Tippets 1944 uraufgeführtes Meisterwerk mit den großen Vorbildern die Unentrinnbarkeit dieses Ansatzes, weil kaum je zuvor oder danach die zutiefst menschliche Kombination aus Verzweiflung und Hoffnung so lauter, so sprechend in Musik gegossen wurde.

Mit unantastbarer Schönheit, mit beeindruckender Kraft und sinnlicher Präzision meißelt der von Gregor Meyer und Franziska Kuba präparierte Gewandhaus-Chor die Spiritual-Tableaus in den großen Saal. Ehrfurcht gebietend grollen, funkeln, strahlen, glänzen darüber die Stimmen des grandiosen Solisten-Quartetts (Golda Schultz, Lilli Paasikivi, Andrew Staples und Derek Welton). Mit satten Farben begleitet das irden klingende Gewandhausorchester. Und im Publikum wagt kaum jemand zu atmen.

Das ist auch beim Rest dieser guten Stunde nicht grundsätzlich anders. Weil Tippett bereits mit den ersten verschatteten Signalen der Trompeten seine Hörer an der Gurgel packt, seine Musik so eindringlich, so sprachgewaltig, so präzise und uneitel strömt, dass sie niemanden kalt lässt. Tippetts natürlich fließende Melodik, sein erlesener Kontrapunkt, die herbe Harmonik, die modal und frei mäandernd gleichwohl tonal bleibt, seine suggestiven Rhythmen zwischen Todesmarsch und bitterem Tango, schließlich die virtuos sprechende Instrumentation, sie verschmelzen zu einem Ganzen, das im 20. Jahrhunderts ziemlich einzigartig blieb. Brittens War Requiem (1962) ist wuchtiger, Schönbergs „Überlebender aus Warschau“ (1948) spröder, der späte Penderecki zu wohlfeil. Im Herzen der Schrecken entstanden, blieb „A Child of Our Time“ ein Solitär in seiner sinnlichen Ansprache, seiner Schönheit, seinem Ernst, seiner Kraft.

Und das wäre nun doch etwas, was die vielleicht 1000 erst aufgewühlten und dann doppelt begeisterten Besucher im bestürzend leeren Gewandhaus vom nächsten Berg rufen sollten: Michael Tippett ist zwar erst 1998 gestorben, sein Hauptwerk hat noch nie in einem Großen Concert auf dem Programm gestanden, aber wer dieses Konzert aus seinem Anrecht herausgetauscht hat, aus Angst vor dem Modernen oder auch nur dem Unbekannten, der hat sich um einen Höhepunkt der Spielzeit gebracht. Weil das Stück so gut ist – und weil es genau die Fähigkeiten abruft, über die das Gewandhausorchester (und sein Chor) verfügt wie nur wenige andere Klangkörper: die Schönheit des Klangs mit Substanz aufzuladen, mit Wahrhaftigkeit, mit Bedeutung. Und wenn dann am Pult noch einer steht wie Stefan Asbury, einer, der auch im breit und satt fließenden philharmonischen Strom die Details im Auge behält und an die Oberfläche bringt, bleibt musikalisch nichts zu wünschen übrig.

Was doppelt wichtig ist. Denn „A Child of Our Time“ ist ein wirklich unbequemes Stück. Es erzählt von einem Attentäter: Am 7. November 1938 erschoss in Paris der 17-jährige Flüchtling Herschel Grynszpan in der deutschen Botschaft den Diplomaten Ernst vom Rath – willkommener Auslöser für das Pogrom, das unter dem verharmlosenden Begriff der „Reichskristallnacht“ in die Annalen des Bösen eingegangen ist. Tippett beschönigt nichts. Nicht in seinem Text. Auch nicht mit seiner dennoch schönen Musik. Aber er zwingt zum Perspektivwechsel, fragt nach den Umständen, die ein „Kind unserer Zeit“ zum Mörder werden lassen. Und Sätze wie „Wir sind verloren. Wir sind wie die Saat im Wind. Wir werden in ein großes Schlachten getrieben“ waren nicht nur 1938 bestürzend prophetisch, als Tippett sein Werk skizzierte. Sie scheinen auch heute wieder aktueller, als man es im selbstgefälligen Westen seit dem Ende des letzten großen Schlachtens je für möglich gehalten hätte.

„Wo sie konnten, flohen sie vor dem Terror. Und unter ihnen entkam heimlich ein Junge und wurde in einer großen Stadt versteckt.“ Auch dies schrieb Tippett vor einem Dreivierteljahrhundert und kleidete es in eine Musik, die seit ihrer Uraufführung 1944 zugegebenermaßen nicht hat verhindern können, dass wir heute wieder in den Abgrund blicken. Aber sie zwingt in diesem im umfassenden Wortsinn relevanten Großen Concert immerhin dazu, genauer hinzuschauen, zwischen den Parolen des Hasses und allzu naiv-forschem „Wir schaffen das“ den Protagonisten der Tragödie wie der Hoffnung in den Blick zu nehmen: den Menschen. Und auch dies kann nicht laut genug vom Berg hinunter rufen, wer noch nicht vom Abgrund verschluckt wurde.

Von Peter Korfmacher

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