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Mikado mit Baumstämmen: Anna Gavaldas neuer Roman "Nur wer fällt, lernt fliegen"

Mikado mit Baumstämmen: Anna Gavaldas neuer Roman "Nur wer fällt, lernt fliegen"

Der Schluss ist der Tiefpunkt. Oder wie Ich-Erzählerin Billie sagen würde: "Verdammt nervig, das durfte nicht sein, das wäre zu peinlich ..." Ein Ärgernis nach rund 190 Seiten des neuen Romans "Nur wer fällt, lernt fliegen", in den Anna Gavalda schon keinen gelungenen Einstieg findet.

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Wie immer bei der 1970 geborenen Französin geht es um Liebe (Symbolfoto).

Quelle: dpa

Leipzig. Zwischen einigen amüsanten oder anrührenden Passagen fällt die Geschichte auseinander. Dabei ist der Stoff eigentlich gut.

Wie immer bei der 1970 geborenen Französin geht es um Liebe. Die große oder die für den Tagesbedarf, die gewollte, die verpasste, die erkämpfte. Ihre Leser kennen das aus "Ich habe sie geliebt", "Zusammen ist man weniger allein", "Alles Glück kommt nie" oder zuletzt "Ein geschenkter Tag". Es geht auch immer ein bisschen um die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die sich aus einer wenig glücklichen Kindheit speist. Damit trifft die äußerst erfolgreiche Autorin den Nerv ihrer Leser, zumal die Romane unterhaltsam geschrieben sind, kurzweilig und mit dem Humor der Klügeren.

Das lässt sich zum Teil auch über das neue Buch sagen, ein Sozialmärchen, gewidmet "allen Außenseitern". Billie und Franck eignen sich als Helden, da sie wirklich anders sind und eine Entwicklung durchlaufen. Billies Mutter schwärmt für Michael Jacksons "Billie Jean". Nachdem sie ihr Baby danach benannt hat, verschwindet sie für immer. Das Kind wächst bei Vater und Stiefmutter und deren Kindern auf in, wie man so sagt, prekären Verhältnissen und in jeder Hinsicht vernachlässigt.

Franck verdankt seinen Namen dem Umstand, dass Mutter und Großmutter den Sänger Frank Alamo vergötterten. Diese Mutter nimmt Antidepressiva, der Vater ist in "Anti-alles-Stimmung" und verbringt seine Tage im Internet, "wo er hochgeheime Infos mit seinen christlichen Legionärsfreunden austauschte". Vor allem ist er gegen Schwule, Franck aber weiß seit seinem achten Lebensjahr, das er "niemals etwas anderes als Jungen lieben wird".

Schicksal verkleidet sich als Klassiker

Beide sind 15 und wohnen in einem Kaff von nicht einmal 3000 Einwohnern, ihr Dorf ist "ein Stück Frankreich, das seit langem nicht mehr richtig durchblutet wird und deshalb verfault". Sie gehen auf dieselbe Schule, lernen einander jedoch - obwohl von Anbeginn seltsam fasziniert - erst in der neunten Klasse kennen. "Wir sind einander so gründlich aus dem Weg gegangen, dass wir uns gut und gern für immer hätten verpassen können", resümiert Billie. "Aber peng: Plötzlich war uns ein zweiter Akt vergönnt."

Das Schicksal verkleidet sich als Klassiker: "Man spielt nicht mit der Liebe" von Alfred de Musset. Das Stück sollen sie einstudieren für eine Schulaufführung - sie in der Rolle der Camille, er als Perdican. In den Ferien lernen sie den Text, streiten darüber, sind zum ersten Mal nicht allein. Sie finden sich darin wieder und begreifen in ihrer was Konsequenzen betrifft wortlosen Kommunikation sofort, dass dies ihre Chance ist. Dass ihre "Revanche für all die Jahre der Einsamkeit, die wir zwischen den Bekloppten und den Schlampen dieser Welt verbracht hatten", zum Greifen nah ist. Sie greifen zu. Bevor sich ihre Wege immer wieder trennen. Bevor Billie sozial abstürzt (von Franck erfährt man nicht viel). Lange hält allein das Wissen darum, dass es den anderen gibt, den Kopf über Wasser. Bis Franck Billie wirklich retten muss. Und dann sie ihn. Irgendwann leben beide gemeinsam in Paris.

Billie erzählt von all dem zehn Jahre nach der Theateraufführung, sie ist jetzt 25, in einer einzigen Nacht. Sie erzählt es einem Stern, Milliarden Lichtjahre entfernt, längst erloschen. Er glänzt sozusagen in Abwesenheit. Franck liegt neben ihr, womöglich tot, zumindest bewusstlos, auf jeden Fall verletzt. Eine Wandertour mit Esel und Musterfamilie "Sittsam" ist aus dem Ruder gelaufen.

Aus Angst um ihren Freund, und natürlich um sich selbst, beichtet, schimpft und quasselt Billie. Zwar weniger vulgär, als selbst behauptet, doch am liebsten in ihrer "Muttersprache", wie sie den Gossen-Jargon nennt, der allerdings nach Mainstream-Floskeln klingt. Oder wie Kitsch: "Das Schicksal knickte uns die Flügel, uns Piepmätzen, die wir im falschen Nest gelandet waren." Voller Selbstmitleid spielt Billie Mikado "mit meinen netten Kindheitserinnerungen, um nur die brauchbaren herauszuziehen, ohne die anderen zu berühren, die mich noch tiefer runtergezogen hätten".

Anna Gavalda kombiniert Unterschichten-Klischees mit denen von Selbstverwirklichung und Spießigkeit. Franck hat das Jura-Studium geschmissen und es auf die Juwelierschule geschafft, Billie verkauft die schönsten Blumensträuße der Stadt. "Sie verhätschelten sich, versöhnten sich, hassten sich, gingen auf Distanz, begannen wieder von vorn, wurden enttäuscht, vergöttert, fanden erneut zueinander und setzten sich füreinander ein, vor allem aber lernten sie, wieder den Kopf zu heben. Sie lebten ihr eigenes Leben. Ihr eigenes."

Dies ist die Geschichte einer wahren Liebe, die "nichts mit dem Anatomiebuch zu tun" hat, die in diesem Fall das Fundament einer Freundschaft ist, auch Wand, Tür, Dach und Garten. Bloß ins Bett führt sie nie. Respekt, Zuneigung und Mut machen sie möglich.

Gavalda scheint ihrer Botschaft selbst nicht zu trauen, wenn sie aufklärt, dass es jede Menge Kinder wie Billie und Franck gibt, "Kinder, die gegen etwas Unsichtbares kämpfen, Kinder die entwurzelt sind, die von morgens bis abends ständig die Luft anhalten und manchmal daran krepieren, ja, die am Ende absaufen, wenn niemand sie da rausfischt oder sie es allein nicht schaffen ..."

Es hätte ein Buch über die Psychologie der Verwahrlosung sein können, über Wahlverwandtschaften auch und über Grenzen der Liebe. Ein Plädoyer für das Wagnis. Doch der Roman bleibt leider im Banalen stecken. Vom Ende ganz zu schweigen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.08.2014

Janina Fleischer

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