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Missglückter „Großinquisitor“ in den Kasematten unter Leipzigs Neuem Rathaus

Premiere Missglückter „Großinquisitor“ in den Kasematten unter Leipzigs Neuem Rathaus

„Eh, voll krass die Idee von dem Dostojewski“: Die TheaterschaffT hat an einem außergewöhnlichen Ort Premiere gefeiert: in den Kasematten der alten Pleißenburg – wo heute das Neue Rathaus steht.

ysterischer Jesus, erschöpfter Großinquisitor, außergewöhnlicher Spielort: Karoline Günst und Horst Warning in den Kasematten der alten Pleißenburg unter Leipzigs Neuem Rathaus. Dort führt die Leipziger TheaterschaffT zurzeit unter Regie Stefan Ebelings Dostojewski auf.

Quelle: Armin Zarbock

Leipzig. Sie sind ja seit geraumer Zeit schon in Liebe eng verbunden: Das deutsche Theater und der russische Autor Fjodor M. Dostojewski. Keine Spielzeit nirgendwo hierzulande ohne ein Stelldichein dieses Paares, das, bevorzugt im Denkerstirnfaltentwurf an existenzialistischen Brotkanten knabbernd, durchs Bühnenlicht wandelt, um dort irgendwie die „großen Fragen“ unseres Seins zu erörtern. Aktuellstes Beispiel in Leipzig: „Der Großinquisitor“, eine Produktion von TheaterschaffT (Regie: Stefan Ebeling). Am Samstag war Premiere in einer für dieses Sujet exponierten Kulisse.

In den Kasematten der alten Pleißenburg nämlich. Die hier, wenn man so will, zu jenen Kellergewölben des Tiefsinns werden, in denen man Dostojewski, sei es aus besagter Liebe oder schlicht aus alter Gewohnheit, allemal gern einlagert. Als entspräche die Prosa dieses Mannes eben Einkellerungskartoffeln, die man in mannigfaltiger Zubereitung und je nach Bedarf als geistiges Kraftfutter aufbereiten kann.

Im konkreten Fall geschieht das unter anderem „aus dem Blickwinkel einer jungen Frau im Jahre 2017“ (Ebeling). Schauspielerin Karoline Günst nämlich mimt hier den Jesus. Gottes Sohn ist eine Tochter, der Heilige Geist wandelt also als genderkorrekter Zeitgeist. Wozu sich eine ausgeprägte Neigung zu rhetorischem Fallobst wie „Hä?“ und „Echt, eh!“ und „Waaas?“ gesellt. Humoristisch hüstelnder Gegenwartsjargon als Authentizitätszertifikat und Beweisführung in Aktualität: „Eh, voll krass die Idee von dem Dostojewski“.

Also diese Idee, in der Jesus im 16. Jahrhundert erneut auf der Erde wandelt und just auf jenen titelgebenden Großinquisitor trifft, für den die Herzen wärmende Botschaft der Liebe sich nur in Form lodernder Scheiterhaufen unters Volk bringen lässt. Weshalb Jesus mit seinem Freiheitsgerede und dem Predigen, dass der Mensch vom Brot nicht alleine lebe, nur stört. Und zudem Grund für die seelische Zerrissenheit des Kirchenmannes ist, der zu wissen glaubt, dass sich Gottes Wort nur verkünden lässt, wenn man Gottes Sohn (ja gut: Tochter) zum Schweigen bringt.

Masturbationsfantasien aus den Kellergewölben des Tiefsinns

Dass gleichzeitig Gottes Schweigen die Hölle ist, oder sie mit verursacht, ist nur ein weiterer Aspekt im existenzialistisch-theologisch-philosophischen Gegrummel aus dem Kellerloch dieser Prosa. Die hier der 83-jährige Schauspieler Horst Warning spricht. Den Text, der gottlob klug beschnitten, von Dostojewskis Neigung zur auch stilistischen Redundanz entkrautet ist, Blatt für Blatt vorlesend als eine still fließende Suada zwischen Anklage und Verteidigung, Selbsterklärung und Verwerfung, Gottsuche und Verdammnis. Warnings Großinquisitor ist einer, der das Kreuz einer Müdigkeit trägt, die weit älter ist als dieser Mann. Dessen Ruhe, in der auch hier die Macht – in dem Falle, die der Inquisition – liegt, ist zugleich eine Erschöpfung an jenem dem Menschen eigenen „knechtischen Entzücken vor der Macht“. Das ist gelungen.

Zugleich wirkt gegen diese inquisitorische Macht-Ruhe Jesus wiederum wie der Vertrauenslehrer (die Vertrauenslehrerin) am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil ihm/ihr alles Vertrauen abhanden zu kommen droht. Dass der Heiland dabei (nur weil er eine Frau ist?) genötigt ist, bevorzugt mit nervigster Hysterie zu agieren, mit groteskem Gekreische zu Anfällen rowdyhafter Entgleisungen (unter anderem wird ein Stuhl arg malträtiert), mag indes weniger über die religiösen Sichtweisen der Inszenierung, dafür einiges über ihr Frauenbild aussagen.

Man kann darüber gut und gern mit einem milden „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ hinweggehen. Wie auch über jenes putzig prollige Gepolter, das den Großinquisitor auffordert, er möge sich in seiner „goldenen Badewanne einen runterholen“. Masturbationsfantasien aus den Kellergewölben des Tiefsinns. Einmal mehr findet man es somit ganz bei sich selbst, besagtes deutsch-russisches Liebespaar.

TheaterschaffT: „Der Großinquisitor“, weitere Vorstellungen: 18. Juni, 18 Uhr, 21. bis 24. Juni, jeweils 20 Uhr, Kasematten der alten Pleißenburg, Treffpunkt Petersstraße, Ecke Schlossgasse, Eintritt 14/9 Euro; zudem von 28. bis 30. Juni in Wittenberg (Amphitheater hinterm Lutherhaus, dort Eintritt frei)

Von Steffen Georgi

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