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Mit Krawumms übers Meer: Zweites Solo-Album des Leipziger Musikers Lot

Soundcheck L.E. Mit Krawumms übers Meer: Zweites Solo-Album des Leipziger Musikers Lot

Er ist Leipzigs Musiker des Jahres 2015 und gerade von Touren mit Philipp Poisel und Teesy zurückgekehrt. Nun veröffentlicht Lot alias Lothar Robert Hansen sein zweites Solo-Album „Der Plan ist übers Meer“ bei Department, einem Chimperator-Ableger.

Auch in seinen Liedern spielt Leipzig immer wieder eine entscheidende Rolle: Lothar Robert Hansen, 34, alias Lot vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Quelle: Bastian Harting

Leipzig. Momentan gelingt es Lot nicht so ganz, sein Lebensmotto in die Tat umzusetzen. Seine Oma habe sich immer „einen großen Tisch voller Kinder gewünscht“, erzählt er. „Ich wollte dagegen einen Raum voller Bücher und ganz viel Zeit.“ Doch beim Treffen mit ihm scheint die Uhr schneller als im Sekundentakt zu ticken, der nächste Termin drängt. „Stimmt schon“, sagt Lot und massiert sich die Stirn, „zurzeit ist es krass“.

Das Jahr ist noch jung, aber Lot war bereits zwei Mal auf Tour, zuerst mit Teesy durch die größeren Clubs des Landes, danach mit Philipp Poisel durch die Arenen. Und dann ist diesen Monat Lots zweites Album erschienen, das es nun zu bewerben gilt. „Der Plan ist übers Meer“ heißt es, und auch diese Überschrift steht für die Lebensphilosophie des Leipzigers. „Wir stellen uns im Studio immer vor, wir wären die Crew eines alten Holzschiffs auf dem Atlantik und würden versuchen, übers Meer in die Neue Welt zu schippern“, erzählt er. Muss man erwähnen, dass die Musik Lots Amerika ist?

Fernweh im wörtlichen Sinn plagt ihn nicht. Vor 34 Jahren als Lothar Robert Hansen in Berlin geboren, lebte er zwischenzeitlich im thüringischen Mühlhausen, bevor er Mitte der Nullerjahre zum Studium nach Leipzig zog. „Hier laufen alle Fäden zusammen“, sagt er. „In Leipzig habe ich die richtigen Leute getroffen, hier habe ich meine Freundin, meine WG – ich würde sagen, hier ist meine Heimat.“ Lot setzt der Stadt in zahlreichen Liedern und Musikvideos Denkmäler. Schauplätze wie Cospudener See, Südplatz, Aurelienstraße durchziehen die Texte. Oder auch ein Lieblingsneonschild am Stadtrand und ein Supermarkt mit langer Öffnungszeit an subkulturell bedeutender Stelle.

Dazu passt, dass Lot in Leipzigs Musiklandschaft so sehr eine feste Größe ist, dass es von innen schwer fällt, seine Bekanntheit jenseits der Stadtgrenzen einzuschätzen. Nach der Beteiligung an unzähligen Musikprojekten von der Unibigband bis hin zu einem Gospelchor erregte von 2007 bis zur Trennung 2013 vor allem Flimmerfrühstück Aufmerksamkeit. Zu der Jazzpop-Band zählten neben Hansen etwa Schlagzeugerin Eva Klesse, die mittlerweile mit einem Echo prämiert ist, und Saxofonist Mark Weschenfelder. Musikproduzent Michael Kersting, der später auch beide Lot-Solo-Alben produzieren sollte, vermittelte einen Vertrag mit Universal, der wiederum einen 13. Platz beim Bundesvision-Song-Contest 2011 mit sich brachte.

Im Rhythmus der Stadt

Auch auf Lots zweiten Album bleibt es seine Spezialität, das Lebensgefühl der Altersgenossen in den Zwanzigern und Dreißigern in einnehmende Vorwärtsnummern zu packen. Aber in den „Menschen Leben Tanzen Welt“-Chor, über den sich momentan so viel Spott ergießt, stimmt der Leipziger Musiker zum Glück nicht ein. Dafür sind seine Texte zum einen zu konkret und zum anderen auch immer wieder zu düster: wenn er etwa in „Kein Herz“ von Narben aus der Kindheit singt, die einfach nicht verheilen wollen, und dann Prinz Pi rappt, dass es auch nichts bringt, die vernarbte Haut zu tätowieren. „Wenn das das Leben ist, möchte ich ein Zombie sein“, heißt es an anderer Stelle. Wird es konkret, dann näselt Lot meist entweder über die Liebe oder Leipzig. Oder beides zusammen. Als Stadtgenosse kriegt man da eine Gänsehaut.

Neben dem Klavier, an dem der klassisch geschulte und im Jazz versierte Lot komponiert, dominiert Schlagwerk die Platte, allen voran das treibende Titelstück „Der Plan ist übers Meer“. Darüber hinaus setzt Lot auch seine Stimme gern so rhythmisch ein, dass die Grenzen zum Sprechgesang fließen. Für den Groove der Musik kann das nur gut sein. Allerdings könnte die Produktion an einigen Stellen etwas weniger synthetisch ausfallen.

Auf die würdigste Fortsetzung von Peter Gabriels und Kate Bushs „Don’t Give Up“ seit 1986 trifft dieser Kritikpunkt ausdrücklich nicht zu: Das Lied „Nische“, Lots hinreißendes Duett mit Alin Coen, sammelt seit vier Jahren hunderttausende Youtube-Klicks und ist nun endlich auf einer CD enthalten.

Lot: Der Plan ist übers Meer (Department/Warner)

Seine Solo-Karriere begann Lot 2013/ 2014 mit zwei überraschend erfolgreichen, selbstgezimmerten Videoclips: zum traumhaften Duett „Nische“ mit Alin Coen, das nun auf dem neuen Album enthalten ist, und zum treibenden „Du führst Krieg“. Mehrere Plattenfirmen klopften an, Lot unterschrieb bei Chimperator Department. Das Solo-Debüt „200 Tage“ landete 2015 immerhin auf Platz 100 der Charts. Weit mehr habe er sich allerdings darüber gefreut, sagt er, dass ihn die rund 150 Juroren des Bandwettbewerbs „Der Große Preis“ wegen des Albums zum Leipziger Musiker des Jahres kürten. Wie fest Lot in der Kulturszene der Stadt verwurzelt ist, zeigt auch, dass ihn die Cammerspiele 2016 um die Musik für ihr Sommertheater baten. Für jede Figur in Rico Dietzmeyers Voltaire-Adaption „Candide“ dachte er sich ein eigenes Klavier-Thema aus. „Mir gefiel die Idee, die Musik auf der Theaterbühne als stilistisches Mittel und nicht lediglich atmosphärisch einzusetzen.“

Wobei Lot Atmosphäre keineswegs für unwichtig hält: Auf seinen beiden Platten sind es insbesondere unzählige Trommeln, die geradezu einen Sog entwickeln. Ungewöhnlich für einen studierten Pianisten. „Mir kann es im Hintergrund nie genug Krawumms geben“, sagt er. „Die anderen stoppen mich da leider immer.“ Die anderen? Ist er nicht Solo-Künstler geworden, weil er genug von den Band-Streitereien hatte, wenn die Kollegen bei seinen Songs zu viel mitreden wollten? So hat er es jedenfalls früher mal begründet. „Ja, schon“, sagt er. Aber die Konstellation sei jetzt anders. Schon allein, weil er die Lieder im Studio mit Kersting sowie Daniel Fiegler (Deefy) und Maik Timmermann (The Leach) entwickelt, live aber mit anderen Musikern spielt: Bassist Lars Wollmann, Schlagzeuger Aron Schulze und Gitarrist Clemens Heger. „Sparring-Partner“ nennt er seine Mitstreiter. In der Auseinandersetzung mit ihnen gewinnen die Stücke an Griffigkeit und Schlagkraft, lässt sich das wohl deuten.

Zum Abschied Nietzsche

Sogar in die Texte greifen Kersting, Fiegler und Timmermann ein – zum Glück ohne ihnen die persönliche Note zu nehmen. Von 23 Liebeskummer-Tagen und -Nächten singt Lot auf der neuen Platte, vom zerteilten Himmel und von „Zwei Zimmern Küche Bad“, die im Videoclip erstaunliche Ähnlichkeiten zur eigenen Butze in der Leipziger Südvorstadt aufweisen. Nicht einmal wenn Prinz Pi als Gastkünstler in „Kein Herz“ über einen zu Herzen gehenden Todesfall rappt, nimmt das Lots Geschichte die Authentizität. Was sich für ihn von selbst versteht: „Deshalb schreibt man doch Lieder: weil man etwas von sich erzählen möchte.“

Ein unmittelbarer Tonfall gelingt Lot so gut, dass man erstaunt ist, wenn er erzählt, dass die Respekt-Nummer „Wo komm ich her“ teilweise aus der Perspektive einer türkischen Freundin geschrieben sei. Zwar ist auch Lots Mutter Türkin, aber schon sein äußerst untürkischer Name verhindere, erzählt er, dass er sich allzu oft mit entsprechenden Vorurteilen auseinanderzusetzen habe. „Und das Votum der Türken für Erdogans Verfassung verstehe ich auch nicht“, schiebt er hinterher.

Mit schöner Selbstironie dankt er seiner Familie, der türkischen wie der deutschen Hälfte, im Begleittext zur Platte, „dass sie langsam versteht und anerkennt, was ich da eigentlich den ganzen Tag mache“. Das Lehramtsstudium hat Lot längst geschmissen und die Musik zum Beruf erkoren, und zwar – abgesehen von gelegentlichen Klavier-Muggen – mit Fokus auf die Solo-Laufbahn. Ein Freund habe ihm mal gesagt, dass er sonst niemanden kenne, der so desinteressiert an Geld sei, erzählt Lot. „Ich habe das als großes Lob aufgefasst.“

Die viele Zeit, die er sich im Leben wünscht, fließt momentan weniger in Bücher als in die Musik – aber ebenso in alles drumherum. Promo-Termine, Soundchecks, Rampenlicht. „Das mache ich auch gern, doch darum geht es mir nicht“, sagt er. Bevor ihm die Uhr im Mobiltelefon verrät, dass er längst weg sein müsste, zitiert er schnell noch Friedrich Nietzsche: „Wer ein ,Warum’ zum Leben hat, erträgt fast jedes ,Wie’.“

Nächstes Leipziger Headliner-Konzert: 13. Oktober im Naumanns (Felsenkeller, Karl-Heine-Straße 32), Vorverkauf 19,95 Euro

Von Mathias Wöbking

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