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Mit Tanzen ist es nicht getan

Salome-Premiere in der Oper Leipzig Mit Tanzen ist es nicht getan

Ein Triumph: Mit Schreien, Pfiffen und stehendem Jubel quittierte das Publikum in der ausverkauften Oper Leipzig am Samstag die Premiere von Richard Strauss’ „Salome“. In de Kostümen und auf der Bühne der am Montag verstorbenen Künstlerin Rosalie besorgte Aron Stiehl die Inszenierung. Ulf Schirmer dirigierte das Gewandhausorchester.

Nun hat sie ihn, den Kopf des Jochanaan: Elisabet Strid als Salome in der Oper Leipzig.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Eine Klarinette irrlichtert durchs Bild, flüchtig, gehetzt. Flöten, Oboen, hohe Bratschen flirren hinein. Lapidarer als mit diesen drei Takten kann eine Oper nicht beginnen. Und doch legt Ulf Schirmer mit dem Gewandhausorchester in diesen Beginn mit größter musikalischer Präzision bereits alle düsteren Ahnungen hinein, mit denen der Page auf Narraboths schwärmerische Feststellung „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“ antwortet: „Sieh’ die Mondscheibe, wie sie seltsam aussieht. Wie eine Frau, die aufsteigt aus dem Grab.“ Gut anderthalb Stunden später sind drei Menschen abgestiegen ins Grab: Narraboth, der hoffnungslos verliebte Soldat, Jochanaan, der fanatische Prediger, Salome schließlich, die seinen Kopf in einer silbernen Schale wollte und bekam.

Sie ist eine dieser Prinzessinnen, die immer alles bekommen – und einen hohen Preis dafür zahlen. Regisseur Aron Stiehl zeigt dies in drastischer Deutlichkeit im Tanz der sieben Schleier. Er lässt keinen klemmigen Striptease, sondern ein Maskenspiel aufführen, in dem offen zu sehen ist, was wir sonst nur ahnen: Es ist nicht das erste Mal, dass Salome tanzt für ihren Stiefvater Herodes, der ihren Vater ermordete, um ihre Mutter zur Frau zu nehmen; und es ist auch nicht zum ersten Mal nicht mit Tanzen getan. Vor diesem Hintergrund entwickelt Stiehl abscheulich abgründige Charaktere: Herodes, ein Brudermörder und Kinderschänder, Herodias, seine Schwägerin und Frau, die in Suff und Geilheit Ablenkung sucht, Prinzessin Salome schließlich, die in ihrem kurzen Leben nichts kennenlernte als Luxus, Sex und Gewalt.

Blieben diese verderbten Kreaturen unter sich, oben im Palast, bei ihrer DauerParty, das Karussell würde sich geschmeidig weiterdrehen. Erst Jochanaan, der vom anderen Ende, von ganz unten aus der Zisterne seine rätselhaften wie zornigen Predigten in die Welt brüllt, bringt die tödliche Katastrophe in Gang. Denn er lockt das dekadente Geschmeiß vom Party-Gipfel herab. Mit klug psychologisierter Personenführung zeigt Stiehl diesen Ritt in den Abgrund. Und dabei hilft ihm das so abstrakte wie sprechende letzte Bühnenbild der am Montag gestorbenen Künstlerin Rosalie, die auch die sehr heutigen Kostüme schuf. Ihr widmet Operndirektorin Franziska Severin mit knappen bewegenden Worten die Premiere.

Da stapeln sich in halbtransparenter Pracht Alabaster-Platten in von Blitzen durchzuckten Pyramiden-Stufen, die bis in den Himmel reichen. An den Fundamenten allerdings arbeitet der Moder sich ab, und der Hof, in dem das mörderische Spiel seinen Lauf nimmt, ist zugemüllt mit einem Springbrunnen im Golf-II-Wrack, Steinpaketen und vielen vergessenen Euro-Paletten, die den Darstellern sperrig im Weg liegen.

In diesem trostlosen Umfeld lässt Stiehl fabelhafte Sänger-Darsteller ihr Innerstes nach außen kehren. Elisabet Strid etwa, die als Salome wie im Rausch das Bühnengeschehen beherrscht. Mädchenhaft ist sie, gelangweilt und kokett, naiv und monströs, rein und verderbt. Und all das legt sie auch in ihre schöne Stimme, der die Zumutungen der monströsen Partie nicht anzumerken sind. Strid verfügt in jeder Lage über die komplette dynamische und klangfarbliche Palette und macht davon reichlich Gebrauch. Aber nicht im Sinne selbstgefälligen Schönklangs, sondern im Dienste der psychologischen Akribie, mit der Strauss die Töne sortierte. Ein großes, ein eindrucksvolles, ein ungeheuer reifes Rollendebüt. Dem das Königspaar dennoch die Schau stiehlt. Besser singen, besser spielen kann man das nicht: Wie Michael Weinius als Herodes und Karin Lovelius als Herodias jede Geste, jeden Ton, jeden Blick und jeden Schritt mit Hass aufladen, mit Zynismus, mit Gier und Angst und menschenverachtender Ich-Bezogenheit, das ist Musiktheater auf dem Gipfel des Machbaren. Weil ihre Charakterisierungskunst tatsächlich gleichberechtigt auf Musik setzt und aufs Theater.

In Tuomas Pursios Jochanaan finden die drei einen würdigen Widerpart, der in seiner fanatischen Gewissheit nicht weniger obsessiv ist als die Herrscherfamilie, die er so rätselhaft wie wortgewaltig verflucht. Pursio tut dies mit großen Tönen, die aus der Zisterne hallen wie Donnerschläge. Aber er mischt auch Verunsicherung und Zweifel unter, wenn der Täufer sich der Avancen Salomes erwehren muss. Diese Form der Liebe kannte er offenbar noch nicht.

Auch bei den kleineren Rollen ist viel Erstklassiges zu sehen und zu hören: Sergei Pisarev singt mit seinem geschmeideigen Samt-Tenor einen vor Verlangen glühenden Naraboth. Als fünf Juden geifern Rouwen Huther, Patrick Vogel, Tyler Clarke, Martin Petzold und Sejong Chang schrill um die Wette, als Nazarener halten Julian Orlishausen und David Fischer mit fester Stimme eifernd dagegen.

All das lässt Ulf Schirmer mit den fiebrigen, dampfenden, schwelgenden, brutalen, verstörten und verstörenden, betörenden und bedrängenden Klängen des Gewandhausorchesters zusammenfließen in einen musikalischen Strom, der das Drama nicht spiegelt, sondern selbst das Drama ist. Ungeheuer komplex ist diese Partitur. So komplex, dass sie oft – wenn nicht meist – überladen klingt und fett. Aber Schirmer hält die Klarheit der ersten Töne, in denen die Klarinette auf der Suche nach Cis-Dur ist, über alle Ballungen und Umschwünge, über Stellen kammermusikalischer Zartheit und brachiale Tutti-Schläge hinweg bis zum trockenen c-moll-Schluss. Obwohl er dabei das Übergriffige durchaus nicht scheut, kommt Schirmer den Sängern nicht in die Quere. So können die sich aufs Singen konzentrieren, weil sie nicht brüllen müssen. Und sie können so singen, dass im Zuschauerraum nicht nur jeder Ton, sondern auch jede Silbe zu verstehen ist.

Im Gegenzug spiegelt das Orchester die brodelnde Bild- und Symbolkraft der Worte, die Strauss unmittelbar aus Oscar Wildes Salome-Drama gewann, mit überraschender Transparenz ins Sinfonische. 100 Minuten lang, ohne Durchhänger mit einer Anspannung, die sich nach dem letzten Ton eine Spur zu schnell in gewaltigen Jubel auflöst, der keinen Beteiligten ausspart und für Strid, Weinius, Lovelius und Schirmer noch ein wenig gewaltiger ausfällt.

Besser als mit einem solchen Premieren-Triumph kann die Oper Leipzig Rosalies Vermächtnis nicht bewahren. Und besser als mit einer solchen Premiere, die überdies kombiniert mit „Arabella“ und der „Frau ohne Schatten“ eingebettet ist in ein ganzes Strauss-Wochenende, kann Ulf Schirmer nicht seinen Anspruch untermauern, die Oper Leipzig in Strauss-Fragen auf Augenhöhe mit der Semperoper zu positionieren, wo der Komponist nicht nur seine „Salome“ uraufführen ließ.

Vorstellungen: 25. Juni, 14., 20. Oktober, 16. Dezember, 10. März; Karten (15–78 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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