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Mit den Rezepten seiner großen Jahre: Robbie Williams Album The Heavy Entertainment Show

Tanzen und Bügeln Mit den Rezepten seiner großen Jahre: Robbie Williams Album The Heavy Entertainment Show

Robbie Williams hat die Glaubenssätze ausgehebelt, niemand konnte ihm die Masche nachweisen, wie er gegen die Regeln der Popmusik so haushoch siegt. Doch es klappte immer wieder, damals in den 90ern. Auf diese Zeit hat er sich jetzt erneut besonnen.

Robbie Williams

Quelle: LVZ

Man hatte Robbie Williams, 42 Jahre alt, im Reich der Schnuller, Windeln und Katzenkonzerte vermutet, denn kleine Kinder singen schief – wie sollte das bei der Familie Williams anders sein, die eine kleine Tochter (6) und einen kleinen Sohn (2) hat? Vielleicht aber ist es für einen wie ihn, den großen Unterhalter Robbie Williams, der Testosteron immer mit großen Löffeln aß, nicht einfach, im Land der rosa Pferdchen und blauen Nuckel glücklich zu werden. Er braucht den Applaus der Frauen und die Wärme der leicht zu greifenden Mollakkorde.

Darum überrascht es nicht, dass Williams jetzt mit einem neuen Album kommt, „The Heavy Entertainment Show“. Wieder gibt er den lustigen Onkel im Stimmbruch, der herrlich sentimentale Geschichten erzählt. Und am Ende, nach zwei Bier, will er in den Strip-Club.

Im Titelsong hört man ein Kinderkarussell, dessen gute Laune sich ans Einmaleins der Beatles-Harmonien hält, hinten singen kleine Mädchen. Herrliche Mischung aus Trash und tadelloser Unterhaltung. Bei „Party Like A Russian“ hört man Männer auf den Tischen tanzen, sie rufen nach Wodka, Bier und Liebe, zur Melodienführung eines Bond-Songs. Hinten brummt ein Bösewicht. Klar, ein Russe, denn Russen waren bei Bond immer die besten Knochenbrecher.

Zwei erste Songs mit Ambition. Kann es sein, dass er es immer noch beherrscht, das Fach des leicht beschwipsten Unterhalters, der früher auf der „Wetten, dass...?“-Couch wie ein sehr aktives Kind nach Gummibärchen griff?

„Mixed Signals“ baut diesen Ehrgeiz sogar aus, Williams singt mit Kopfstimme, das hat er nur gemacht, wenn eine Frau ihm wirklich viel bedeutet hat – was eigentlich nie vorgekommen ist. Hinten Synthie-Gewaber aus den 80ern, halb Watte, halb Weltschmerz, steckt großer Hitparadenstoff. Ein gefühliger Prolog zum Knutschen. Ein Soundtrack aus Las Vegas, so künstlich wie The Killers, so überzuckert wie Bon Jovi. Und selbst „Love My Life“, eine routinierte Ballade, findet die Kurve zum Herzen, einem Organ, das er stets vorgab, irgendwo zu haben. Endgültige Beweise aber blieben aus.

Williams hat es mit Zynismus versucht und endete im Mittelmaß. Das war die Zeit, als Hits wie „Angels“ und „She's The One“ ausgesungen waren und eine neue Stoßrichtung gesucht wurde. Jetzt macht er abermals, was er am besten kann: Den großen Kitsch ganz unkitschig servieren. Er zwinkert ironisch, eine Geste der Verbrüderung, auch der Unglaube schwingt mit: Was singe ich robustes Arbeiterkind hier eigentlich für einen süßen Brei?

„Motherfucker“ verlässt sich auf wenige Grundakkorde, ein bisschen Herbstwind wird ins Lied gelassen, dann dreht Williams die Heizung auf. Englischer Tee wird aufgetischt, einen Zuckerwürfel rein, und mit dem ganzen Zeug dann gurgeln – fertig ist das Stück. Manchmal halten seine Lieder gegen alle Gesetze der Statik. Bei einem anderen Interpreten würden sie zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.

Er hat die Glaubenssätze ausgehebelt, niemand konnte ihm die Masche nachweisen, wie er gegen die Regeln der Popmusik so haushoch siegt. Doch es klappte immer wieder, damals in den 90ern. Auf diese Zeit hat er sich jetzt erneut besonnen. Wie unter einem Brennglas wird das deutlich im Lied „Bruce Lee“, der mit einem Kampfschrei beginnt. Es folgt der gut verrührte Mainstream-Pudding des Electric Light Orchestras, dessen Marschbefehl schon immer hieß: Kalorien in die Musik! Robbie Williams hat dieses Mantra übernommen, man kann zu diesem Stück Tanzen oder Bügeln. Oder beides zugleich.

Und eben darum ging es bei den guten alten Songs des Meisters – dass er in der Küche und den kühlen Clubs der Nacht Konfetti warf, oder den Leuten einen tröstenden Kuss auf die Wange drückte. Man mag es kaum glauben, aber das gelingt ihm jetzt wieder.

Lars Grote
 
Robbie Williams: The Heavy Entertainment Show (Sony).

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