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Mit der Gelassenheit des Gehenden

Kristjan Järvi eröffnet in Leipzig mit Tschaikowski und Sibelius seine letzte Saison als Chefdirigent des MDR-Orchesters Mit der Gelassenheit des Gehenden

Kristjan Järvi eröffnet im Leipziger Gewandhaus mit „Stürmen“ von Tschaikowski und Sibelius seine letzte Saison als Chefdirigent des MDR-Orchesters

MDR-Chefdirigent Kristjan Järvi.

Quelle: obs

Leipzig. Er scheint wie ausgetauscht: Kristjan Järvi, seit 2012 und noch eine Spielzeit lang Chefdirigent des MDR-Orchesters, lässt für seine letzte Saison-Eröffnung im Gewandhaus am Sonntagabend den Stab konsequent im Etui. Mit tendenziell kleinen und sparsamen Gesten und ganz ohne imperatorische Posen bringt er sein Orchester auf die Spur und gibt, immer schön präzise auf der Körperachse, sachdienliche Hinweise.

Dabei bringt die neue Gelassenheit des Gehenden das Orchester keineswegs in die allzu zurückhaltende Spur. Im Gegenteil: Tschaikowskis aufgewühlte „Sturm“-Fantasie erreicht erstaunliche Windgeschwindigkeiten, hält sich nicht lange mit überschätzten Details auf, sondern fährt gleich mit aller Macht unter die Haut. Von der ironischen Distanz der bizarren Shakespeare-Romanze ist da zwar nicht allzu viel zu hören. Aber auf die legte schon Tschaikowski keinen übersteigerten Wert. Unwetter, Verschwörung und Liebes-Wallung malte er in Tönen, und die sind bei Järvi und seinem Funkorchester um Konzertmeisterin Waltraud Wächter insgesamt sowie beim satt bis bräsig schwelgenden Blech im besonderen in besten Händen und Trichtern. Zwar verfällt Järvi im Tumult dann doch wieder in schlagtechnische Symmetrie, lässt seine Hände auch wieder lustig die Funktionen wechseln, was ohne Stab ja auch verführerisch nahe liegt. Aber da hat sein forscher Zugriff das Orchester längst infiziert. 20 Minuten, die kein Auge trocken lassen im mäßig besuchten großen Saal.

Und schon ist Pause. Denn das Programm ist befremdlich gebaut. Zwar verhandeln Tschaikowskis Opus 18 und Jean Sibelius’ Opus 109 das gleiche Shakespeare-Sujet. Aber die sinfonische Fantasie und die ausgewachsene Schauspiel-Musik finden dennoch nicht zueinander – schon weil die Proportionen nicht stimmen. So erscheint Tschaikowskis vergleichsweise plüschiger „Sturm“ als überlange Ouvertüre doppelt deplatziert vor dem herben Unwetter-Realismus, mit dem Sibelius’ Ouvertüre mitten ins tumultuöse Geschehen führt.

Das wäre leicht zu entschärfen gewesen, denn Sibelius hat aus diesem Spätwerk eigens für den Konzertgebrauch zwei sehr schöne Suiten zusammengestellt, die sich bestens mit Tschaikowski vertrügen. Allerdings fehlt in ihnen viel von der herrlichen Musik dieses Spätwerks, das nach dem machtvoll und kühn die Dissonanzen schichtenden Unwetter-Block der Ouvertüre weite Kreise zieht zwischen Volkston und Klassizismus, Handfestem und Subtilem, Lyrischem und Dramatischem. Insofern gebührt Järvi Dank, dass er diese selten nur zu hörende (und abendfüllende) Schauspielmusik komplett angesetzt hat. Zumal er sie offenhörlich sauber durchprobierte.

Auch Sibelius bekommt seine reduzierte Präzision bestens. Und wieder geht sie nicht auf Kosten von Saft und Kraft. Die zischende und tosende Ouvertüre, deren Ecken und Kanten Järvi genussvoll noch anschärft, wird sogar ziemlich schnell ziemlich laut. Um so kostbarer ist der Kontrast zu den kleinteiligen Preziosen danach, die Sibelius auf der Höhe seiner klanglichen Erfindungskraft zeigen. Immer wieder neu mischt er unerhörte Farben aus der Palette des großen, aber nicht überdimensionierten Orchesters. Da umschlingen sich die Obertöne von Harfe und Harmonium in körperloser Zartheit, schillert immer wieder neu und anders das Holz in feiner Delikatesse. Doch: Am Beginn der letzten Järvi-Saison zeigt sich das Leipziger Funkorchester in guter Verfassung. Zumal die subtile Durchleuchtung des Klangs auch dann erhalten bleibt, wenn mit Järvi im letzten Drittel doch wieder der Turniertänzer durchgeht.

Wie Mendelssohn in seine „Sommernachtstraum“-Musik hat auch Sibelius in seinem „Sturm“ einige Gesangsnummern eingewoben. Vor allem der Luftgeist Ariel, bei dem die Fäden der gesellschaftskritischen Zauberposse immer wieder zusammenlaufen, steuert knappe, aber hinreißend schöne Liedeinlagen bei, die Lilli Paasikivi mit liedhafter Sinnlichkeit von der Orgelempore in den Saal singt – wobei ihr Gesang nicht immer übers Orchester trägt. Derlei dynamische Nöte kennt Kirsi Tiihonen als Juno nicht – und zahlt den Preis eines ziemlich ausladenden Vibratos. Fabelhaft: Falk Hoffmann, Albrecht Sack vom MDR-Chor als versoffenes Rüpel-Trio Caliban, Trinculo und Stephano und der von David Timm präparierte Leipziger Universitätschor, der betörenden Vokalisen-Zauber beisteuert.

Damit Sibelius’ Schauspielmusik nicht völlig ohne Schauspiel auskommen muss, hat Andreas Tiedemann ein Shakespeare-Destillat geschrieben und auch gleich Regie geführt. Mit knappen beschreibenden Texten und einigen Zitaten versorgt, weiß der Zuhörer so immerhin im Groben, worum es geht auf dieser Insel mitten im Ozean, auf der Magie und Politik, Mythos und Alltag sich so merkwürdig umkreisen. Carole Marie Jachtmann und Max Thommes schildern mit antrainierter Lockerheit und rezitieren mit ebensolcher Bedeutsamkeit – und zu laut ausgepegelter Verstärkung. Doch von derlei Kleinkram abgesehen zeigt diese freundlich akklamierte Saisoneröffnung, dass Kristjan Järvi sie offenkundig ernstnimmt, seine letzte Leipziger Spielzeit.

Nachzuhören eine Woche lang unter www.mdr-kultur.de. Der MDR-Chor und Risto Joost eröffnen ihre Saison am Sonntag, 24. September, 11 Uhr, mit einem weniger exotischen Programm: Angesetzt sind u.a. Mendelssohns Lobgesang und Schumanns Zweite. Restkarten (17-42,50 Euro) gibt’s noch an der Tageskasse. Järvi dirigiert am 6. Oktober wieder im Gewandhaus, dann holt er die Uraufführung von Stefano Bollanis Concerto azzurro nach, die bereits die vergangene Saison eröffnen sollte. Restkarten: dito.

Von Peter Korfmacher

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