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Monothematisches Wunschkonzert

MDR-„Carmen“ konzertant im Gewandhaus Monothematisches Wunschkonzert

Große Stimmen, fabelhafter Chor, zupackendes Orchester, erheblicher Jubel: Risto Joosts konzertante „Carmen“ im MDR-Zauber der Musik“ im bestens besuchten Gewandhaus zu Leipzig.

Und jetzt alle: Risto Joost dirigiert Carmen – links im Bild: Viktor Barschewitsch, der am Sonntagabend nach 23 Jahren sein letztes Konzert als Stimmführer der zweiten Geigen im MDR-Orchester spielte.
 

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.  Georges Bizets „Carmen“ ist eine der meistgespielten Opern des Repertoires – mithin erscheint die Idee, ausgerechnet dieses Werk konzertant aufzuführen, auf den ersten Blick ziemlich absurd. Auf den zweiten indes liegt die letzte Neuproduktion an der Oper Leipzig gut acht Jahre zurück und war ein Rohrkrepierer. Und so zeigt der zur besten Biergarten-Zeit und bei bestem Biergarten-Wetter am Sonntagabend gut gefüllte große Gewandhaus-Saal, dass MDR-Chorchef Risto Joost mit seinem konzertanten Angebot auf viel Gegenliebe trifft. Überdies hat derlei auch Vorteile: Eine erstklassige Besetzung vorausgesetzt, kann der Dirigent im Konzertsaal, zumal in einem so gut und transparent klingenden wie dem Gewandhaus, viel präziser arbeiten, Details hervorholen, die im szenischen Geschäft oft untergehen.

Was die Besetzung anbelangt lässt der MDR wieder nichts anbrennen: Anna Lapkovskaja bringt für die Titelpartie ihren wunderbar farbsatten, vollmundigen und durchsetzungsstarken Mezzo in Stellung. Arnold Rutkowski adelt Don José mit seinem eindrucksvollen Bronze-Tenor, der in jeder Lage mit warmer Schönheit und dramatischer Kraft glänzt. Mandy Fredrich legt Micaële zwar mehr als nur eine Spur zu üppig an, aber für sich betrachtet ist jeder ihrer großen Töne eine Klasse für sich. Patrick Bolleire schließlich ist als Torero Escamillo ein vor schierer Männlichkeit dampfendes Naturereignis.

Eine Besetzung von potenzieller Weltklasse – auf dem Weltmarkt zusammenkaufen kann das jeder. Insofern beeindruckt noch mehr, wie der MDR-Chorchef die kleineren bis gar nicht so kleinen Partien aus den eigenen Reihen besetzt: Anne Glocker als Frasquita, Karina Schoenbeck als Mercedes, Felix Plock als Dancaïro, Yongkeun Kim als Remenado, Gun-Wook Lee als Morales, Jae-Hong Kim als Zuniga, Manja Raschka als Orangenverkäuferin, Nino Eckert als Andres und Thomas Oertel-Gormanns als Zigeuner – die könnte man so auf die Bühne auch eines großen Opernhauses stellen, und es würde stimmlich nichts fehlen. Mehr noch: Für Bizets großartige und hochkomplexe Ensembles ist es offenhörlich ein unschätzbarer Vorteil, mit Sängern arbeiten zu können, die es gewohnt sind, aufeinander zu hören und zu reagieren. Nicht nur das Schmugglerquintett ist in dieser Präzision und Balance nicht oft zu hören.

In „Carmen“ hat der Chor auch jenseits der solistischen Verpflichtungen alle Kehlen voll zu tun. Für den ersten Akt ist auch der MDR-Kinderchor dabei und setzt dem tumultuösen Eröffnungs-Tableau in flirrender Hitze seinen weißen Glanz auf. Zwischen Konzert- und Opernchören macht das Klischee feine Unterschiede: Transparenz und Disziplin weiß es auf der einen, eher grobmotorisch zupackende Sinnlichkeit auf der anderen Seite beheimatet. Doch scheint das eher an den Aufgaben zu liegen als an den Ensembles. Dem MDR-Chor jedenfalls, sonst eines der feinsinnigsten Ensembles weit und breit, bereitet es in „Carmen“ sichtlich große Freude, auch mal Opernchor zu spielen. Mit Vorliebe ohne Rücksicht auf Verluste und immer voll auf die Zwölf. Da bleibt im Sog der vokalen Wallung wirklich kein Auge trocken.

Risto Joos will es offenbar genau so. Ganz große Oper, ganz große Gefühle, ganz lautes Forte. Und alle Beteiligten liefern bereitwillig. Im MDR-Orchester um Konzertmeisterin Waltraud Wächter, die ein interessantes Solo beisteuert, gibt es zwar auch einige berührende Momente zarter Innerlichkeit, berückende Töne im Holz und bei den Streichern. Aber Joosts Schwerpunkt liegt klar auf dem Tutti-Prunk.

Eine Musizierhaltung, die sich auch auf die Sänger auswirkt. So singt jeder für sich mindestens eine Arie für die Insel – und gliedert sich ansonsten ein in die Ästhetik eines monothematischen Wunschkonzerts. Denn zumindest diesen potenziellen Vorzug der Veranstaltung lässt Joost weitestgehend ungenutzt: Statt aufs musikalische Konzert-Detail setzt er, dazu passt die dramaturgisch unbefriedigende Rezitativ-Fassung, auf den robusten Charme der Arena von Verona. Dass angesichts dessen der Jubel für alle Beteiligten gewaltig ausfällt, liegt auf der Hand.

Vielleicht war er auch auf der anderen Seite des Augustusplatzes zu hören: Es wäre mal wieder Zeit für eine anständige szenische „Carmen“ in Leipzig.

Der Mitschnitt des Konzerts wird am 4. Juni, ab 19.30 Uhr, auf MDR Kultur und MDR Klassik übertragen und ist dann eine Woche lang unter www.mdr-kultur.de nachzuhören

Von Peter Korfmacher

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