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Monteverdis Marienvesper beim Leipziger Bachfest

Sakrales Drama Monteverdis Marienvesper beim Leipziger Bachfest

Leipziger Bachfest 2017 – Die zweite Monteverdi-Sternstunde innerhalb von zwei Tagen: Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion mit Monteverdis Marienvesper in der Nikolaikirche

Historisch informiert, statt historisch korrekt: Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion in der Nikolaikirche.
 

Quelle: Gert Mothes

Leipzig.  Ja, das ist wirklich sehr theatralisch, wie da am Mittwochabend die Chor-Herren dem Publikum den Rücken zukehren und im Zeitlupen-Tempo mit einem gregorianischen „Pater noster“ die Apsis der gestopft vollen Nikolaikirche fluten, mystisch unterbrummt von oktavierenden Don-Kosaken.

Nein, so hat das 1610 gewiss nicht geklungen im Umfeld von Claudio Monteverdis Marienvesper, die hier im Rahmen des Bachfestes auf dem Programm steht. Wie vieles an diesem Abend: von der gemischtgeschlechtlichen Antiphon, über das übersteigerte Espressivo, mit dem der fabelhafte Emiliano Gonzalez das „Nigra sum“ in die Nähe von Verdis „Ingemisco“ aus dem Requiem rückt, bis zu Schluss-Akkorden, die eher nach Bruckner klingen als nach Frühbarock. Darf man das? Sicher. Denn obschon ohne historische Informiertheit nichts mehr geht, ist doch mit historischer Korrektheit allein auch im Alte-Musik-Geschäft kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Der 1984 geborene Raphaël Pichon aus Bordeaux und seine ebenfalls durch die Bank blutjungen Sänger und Instrumentalisten vom Ensemble Pygmalion haben das verinnerlicht. Und wahrscheinlich hat ihnen dies die Bachfest-Einladung eingebracht. Denn wie Bach-Archiv-Präsident John Eliot Gardiner vor knapp vier Jahrzehnten die Heilfaster an der Darmsaiten-Front mit saftiger Emotionalität verstörte, rümpfen nun bei Pichon wieder aufführungspraktische Artusis ihre Kenner-Nasen. Es führt ein direkter Weg von Gardiners Pianissimo-Amen am Ende des „Messiah“ zu den Amens von Pichons Marienvesper. Was doppelt folgerichtig ist. Denn ursprünglich wollte der Sir dieses Konzert selbst ausrichten (ebenso wie den „Orfeo“ vom Vortag). Doch dann verhedderte sich der Gefragte im eigenen Terminkalender und empfahl Pichon und die Seinen als würdige Vertreter. Die revanchieren sich nun also beherzt mit der zweiten Monteverdi-Sternstunde im Rahmen dieses Bachfestes.

Dieser monumentale „Vespro della Beata Vergine“ ist in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit Bachs h-moll-Messe. Beide ziehen die Summe des in ihrer Zeit in der Kirchenmusik Machbaren. Beide gaben ihre Verfasser an höherer Stelle als Bewerbungsschreiben in Tönen ab, Monteverdi in Rom bei Papst Paul V., Bach in Dresden bei Hofe. Beide brachten diesbezüglich kein Glück. Beide sind ungeheuer reicht und komplex konstruiert. Und bei beiden ist die Nachwelt sich nicht darüber im Klaren, ob diese Galaxien der Formen und Farben überhaupt für konkrete Aufführungen bestimmt waren. Zuletzt: Beide sind ziemlich katholisch.

Die Marien-Vesper natürlich noch ein wenig mehr. Denn sie setzt auf die sozusagen jesuitische Überzeugungskraft tönenden Prunks. Jedenfalls betont Pichon mit seinen Pygmalions diese Seite der Medaille ohne Rücksicht auf Verluste. Auch da, wo lichte Sätze nicht nach außen strahlen, sondern nach innen leuchten, lässt er seinen durch die Bank sensationellen Solisten Eva Zaïcic, Giuseppina Bridelli, Magnus Staveland, Emiliano Gonzalez, Olivier Coiffet, Virgile Ancely und Renaud Bres enorm viel Freiraum, den die durchaus auch für Manierismen nutzen. Das geht in Ordnung, schließlich hatte Monteverdi während seiner Zeit bei den Gonzaga in Mantua einige Hauptwerke des architektonischen Manierismus vor Augen, standen Rom und Florenz, Mailand und Venedig voll davon.

Pinchon setzt vom ersten Ton an auf satten Auftrag oft greller Farben, auf Kraft und den Raum. Seine Mitstreiter sind ständig in Bewegung: Mal stehen Solisten links, mal rechts oben, mal mit, mal ohne Laute im Rücken, mal singt ein Chor hinten vor der Orgel ... Das spiegelt den enormen klanglichen Reichtum der 13 Sätze wider, von denen jeder einzelne eine neue Welt gebiert, mit dem Ergebnis eine Marienvesper, die mehr vom Sakral-Theater hat als von Liturgie. So zündet Pichon mit Monteverdis dichter Intensität und stupender Virtuosität, mit sinnlicher Üppigkeit und dramatischen Überdruck, mit entrückter Mystik und überbordender Pracht erneut die zweite Stufe der musikalischen Gegenreformation, nachdem die tridentinische Askese eines Palestrina sich als nur bedingt tauglich erwies, verlorene Schäfchen zurückzuholen in den Schoß der „unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“. Von hier führt der Weg tatsächlich schnurstracks über Haydn und Mozart bis zu Bruckner und Verdi.

Erneut: So hat das vor 400 Jahren nie und nimmer und nirgends geklungen. Und wenn die Marienvesper zu Monteverdis Lebzeiten überhaupt aufgeführt worden sein sollte, hätte sich gewiss niemand getraut, in der Kirche ein solches Begeisterungs-Spektakel aufzuführen wie die Bachfest-Besucher nach dem Schlussakkord.

Von Peter Korfmacher

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