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Monument des Scheiterns in Schönheit

Anne-Sophie Mutter und Herbert Blomstedt mit Beethoven im Großen Concert Monument des Scheiterns in Schönheit

Für drei Konzerte ist in dieser Woche Anne-Sophie Mutter als Solistin in den Großen Concerten des Gewandhausorchesters zu Gast. Am Pult: Gewandhaus-Ehrendirigent Herbert Blomstedt, auf dem Programm: Beethovens erste und vierte Sinfonie sowie sein Violinkonzert..

Anne Sophie Mutter.

Quelle: Kempner

Leipzig. Auf dem Papier ist es ein eindrucksvoller Dreier-Gipfel: Da steht als Solistin Anne-Sophie Mutter auf dem Programmzettel, 53, seit 40 Jahren der hellste Geigenstern Deutschlands; da tritt neben ihr Herbert Blomstedt ans Pult, 89, seit 60 Jahren gefragt als Sachwalter der Partituren; da sitzt das Gewandhausorchester auf der Bühne, das älteste bürgerliche Orchester der Welt – und das erste, das alle Sinfonien Ludwig van Beethovens als Zyklus aufführte. Und es stehen ausschließlich Werke Beethovens auf dem Programm der drei ausverkauften Großen Concerte dieser Woche: Die Erste und die Vierte rahmen das Violinkonzert.

Doch bei dem zeigt sich am Donnerstagabend, dass manchmal das Ganze doch weniger ist als die Summe seiner Teile. Gewiss: Es gibt herrliche Momente: Wenn Mutter im Larghetto ihre Linien an den Himmel malt, von Blomstedt und dem Gewandhausorchester mit kostbaren Aquarell-Tönen umschmeichelt, dann wünschte man, diese der Welt entrückte Schönheit würde niemals enden. Dieser Mutter-Ton, der oben mit der Seele singt und unten glüht vor beherrschter Leidenschaft, der im Passagenwerk keinen Ton nur geschehen lässt, sondern jeden umhegt, ihm seinen Platz zuweist und Bedeutung beimisst – das ist, ebenfalls gut nachzuhören im als Zugabe gereichten Bach, erhabenes Geigenspiel, das sich in technischer Vollkommenheit und musikalischer Durchdringung emporschwingt über die Unwägbarkeiten interpretatorischer Moden.

Aber es passt nicht zu Blomstedts Beethoven. Denn während Mutter die Noten als Ausgangspunkt nimmt für tönende Erkundungen des Seins, sieht der Ehrendirigent des Gewandhausorchesters in ihnen die Welt eingefangen und das, was sie im Innersten zusammenhält. Ein Dirigent wie er, das unterscheidet ihn von Karajan oder Masur, mit denen Mutter in künstlerischer Seelenverwandtschaft schwelgte, erhebt sich nicht über den Komponistenwillen, er stellt sich ganz in seinen Dienst.

Auch dieser Ansatz ist für beglückende Ergebnisse: Die Exposition, entwickelt aus dem fordernden Puls der Pauke, gewinnt aus Disziplin alle Energie für diese knappe Dreiviertelstunde. Mutter müsste den Faden nur aufnehmen. Aber sie hat Anderes im Sinn, hält mit Vibrato und Pathos dagegen. Beinahe sofort nimmt sie dem Tempo die Richtung und treibt damit das Gewandhausorchester zwischen die Fronten. Dabei ist gerade dieses Violinkonzert nicht von Geige her angelegt, sondern als sinfonisches Ganzes. Und dieses Ganze, es bleibt auf der Strecke, zerfällt in betörende Episoden und weniger betörende, tritt bisweilen seltsam zäh auf der Stelle, weil es nicht weiß, wohin mit all seiner Schönheit. Es ist offensichtlich, auch körpersprachlich: Mutter und Blomstedt fremdeln. Gewiss wäre sie besser mit Nelsons klargekommen oder er mit Kavakos oder beide mit Sibelius – ihr keineswegs gemeinsamer Beethoven jedenfalls wird zum Monument des Scheiterns in Schönheit.

Die Sinfonien dagegen fügen sich als Schlussstein ins Gewölbe des Beethoven- Zyklus, der im Juli zu Blomstedts 90. Geburtstag als Accentus-Box in den Läden stehen soll. Beide, Opus 21 und Werk 60 gelten Musikern als harmlos, die über Beethoven denken und fühlen wie Anne-Sophie und ihre genialischen Ziehväter: die Erste als Aufwärmübung im Basislager, die Vierte als Rast zwischen den hochaufragenden Gipfeln der Eroica und der Fünften.

Schumann sah es anders. Ihm galt ausgerechnet die Vierte als die romantischste unter den Sinfonien Beethovens. Mendelssohn sah es anders. Er setzte die Vierte an den Anfang seiner Arbeit als Gewandhauskapellmeister und dirigierte keine andere der neun so oft. Und Blomstedt sieht es auch anders. Er legt die Vierte als Zwilling der Eroica an, heiterer, gelöster, klassischer – aber ebenso visionär. So wird deutlich, was Romantik für Schumann und Mendelssohn bedeutete. Nicht Stochern im Weltenschmerz, sondern der Kurzschluss des Klangs mit der Welt, emotional überzeugend, klar in Farbe und Form, .

Da blühen in der langsamen Einleitung sanft die Bläserfarben auf, swingt das Allegro vivace ausgelassen und doch diszipliniert, umranken sich im Adagio, das kein Trauermarsch ist und dennoch von existenzieller Tiefe, die Stimmen in zärtlicher Hingabe, verweist die Virtuosität des Gewandhausorchesters rund um Konzertmeister Sebastian Breuninger im Finale bereits auf Mendelssohns Sommernachts-Elfen-Spuk. Alles mit liebevoller Detailversessenheit aus der Partitur gewonnen, die aus Blomstedts offenen Händen frisch klingt wie am ersten Tag.

Was ebenfalls für die Erste gilt. Auch hier passt die ganze Welt zwischen die Töne, die man nicht aufpumpen muss, um ihre Bedeutung zu ergründen. Wobei Beethovens viel diskutierte Metronom-Zahlen sehr hilfreich sind. Blomstedt nimmt sie nicht als Dogma, bleibt aber ganz in ihrer Nähe, schlägt, so oft es geht, in großen Einheiten und gewinnt so nach dem Doppelpunkt des Septakkords zu Beginn, eine Ungeheuerlichkeit im Jahre 1800, ein Versprechen für die Menschheit: Diese Sinfonie ist nicht harmlos, und sie verweist auch nicht zurück auf Haydn und/oder Mozart. Mit ihr hat Beethoven die Feder bereits vorgespannt, die ihn in den acht Folgewerken auf den Gipfel der Gattung katapultiert. Und mit ihm das Gewandhausorchester. Denn nach der Referenz-Box mit Riccardo Chailly von 2011 zeichnet sich auch unter Blomstedts stabloser Führung Großes ab: heiterer, abgeklärter, weiser, aber nicht weniger brisant. Jubel über Jubel, vielfach im Stehen vorgetragen.

Das Konzert wird am heutigen Samstagabend wiederholt (ausverkauft). MDR Kultur überträgt den Mitschnitt am 24. März ab 20.05 Uhr.

Von Peter Korfmacher

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