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Moral, Schuld und Gerechtigkeit - Ferdinand von Schirach legt seinen ersten Roman vor

Moral, Schuld und Gerechtigkeit - Ferdinand von Schirach legt seinen ersten Roman vor

„Das Gesetz verlangt Fürchterliches“, schreibt Ferdinand von Schirach 2010 in seiner Spiegel-Kolumne „Einspruch“. Es ging um die Menschenrechtsklage des Kindermörders Magnus Gäfgen, weil ein Polizist ihm Folter angedroht hatte.

Ferdinand von Schirach

Quelle: dpa

Leipzig. „Wir wissen natürlich“, argumentiert von Schirach, „dass die Würde

des Menschen unantastbar ist. Wir wissen, dass auch ein Mörder Würde wie jeder andere Mensch besitzt, ja besitzen muss. Das alles ist leicht gesagt, es steht in jedem Lehrbuch, wir können solche Sätze beim Abendessen oder nach dem Kirchgang zitieren.“ Jedoch: „Die Wirklichkeit ist brutaler, die feinen Regeln scheinen dort nicht zu halten, sie klingen wie Professorengerede, das an der Realität scheitert.“

Um ein moralisches Dilemma geht es auch im Roman „Der Fall Collini“. Nach „Verbrechen“ und „Schuld“, in denen der Berliner Star-Anwalt ungeheuerliche, tragische, absurde Fälle vorstellte, deren Beschreibung

ihren Reiz auch daraus zog, dass sie authentisch waren, holt er für diesen Justizkrimi weiter aus.

Am Beginn steht ein Mord. Wir kennen den Täter, können ihn zwar nicht sehen, aber riechen. Noch am Tatort, einem Luxushotel, stellt sich Fabrizio Collini der Polizei. So kommt Caspar Leinen ins Spiel. „Wie viele junge Anwälte hatte er sich auf die Liste für den Notdienst der Strafverteidigervereinigung eintragen lassen.“

Ein Weg, um erste Mandate zu bekommen. Das Schild an Leinens Kanzlei in der Nähe des Kurfürstendamms glänzt noch frisch. Immer hatte er eigenständig arbeiten wollen und immer als Strafverteidiger. „Leinen mochte diese Achthundert-Anwälte-Büros nicht. Die jungen Leute dort sahen aus wie Bankiers, sie hatten

erstklassige Examina, kauften Autos, die sie sich nicht leisten konnten, und wer am Ende der Woche den Mandanten die meisten Stunden in Rechnung stellte, war der Sieger.“ Leinen ist anders. „Er wollte sich eine Robe

anziehen und seinen Mandanten verteidigen.“

Doch nun gerät er in eine Situation, in der er das Schild von der Kanzlei einfach wieder abhängen und alles vergessen will. Ihm wird klar, dass er diesen Mordfall nicht als Pflichtverteidiger übernehmen kann. Das Opfer,

der 85-jährige Hans Meyer, war nicht nur Eigentümer und Vorsitzender des Aufsichtsrats der „SMF Meyer Maschinen Fabriken“ und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er war auch ein Freund.

In einer Rückblende führt von Schirach in die Kindheit seiner Hauptfigur, die glücklichen Sommer mit Philipp, Johanna und deren Großvater Hans, bei Menschen, die ihm zur zweiten Familie wurden. Später wird sich im

Arbeitszimmer Meyers ein Ordner finden, in dem Hans Fotos, Urkunden und Texte Caspar Leinens aufbewahrte. Unmöglich kann er den Mörder dieses vertrauten, bewunderten Mannes verteidigen.

Doch der so erfahrene wie berühmte Rechtsanwalt Richard Mattinger, der schon in den 70er Jahren in den Terroristenprozessen in Stammheim verteidigt hatte und bei dessen 65. Geburtstag nun auch ein eben aus der

Untersuchungshaft entlassener Vorstandsvorsitzende einer Bank zu Gast ist, dieser Mattinger also wird Nebenklägerin Johanna vertreten, und er macht Leinen klar, warum er so leicht aus der Sache nicht rauskommt: „Sie wissen, dass sie nach der Rechtsprechung nur entpflichtet werden können, wenn zwischen Ihnen und Ihrem Mandanten das Vertrauensverhältnis erschüttert ist.“

Das heißt, Collini müsste Leinen ablehnen. Das tut er nicht, überhaupt sagt er über sein Geständnis hinaus wenig. Der 67-jährige Italiener war in den 50er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hatte bei

Mercedes in Stuttgart als Lehrling begonnen, um bis zu seiner Pensionierung in der Firma zu bleiben. Er war absolut unauffällig, ein ruhiger, freundlicher Mann, der ein tadelloses Leben führte. Auch nach

einem halben Jahr haben die Ermittler kein Motiv finden können. Und Collini schweigt beharrlich. So vermuteten viele ein Wirtschaftsverbrechen.

Der Zufall, ein Anruf Leinens bei seinem Vater bringt ins Rollen, was den begabten Verteidiger seine eigene Kindheit zerstören lässt. Zu monströs ist, was er herausfindet und was ein dunkles Kapitel deutscher

Justizgeschichte ans Licht bringt.

In einem spannungsgeladenen Kammerspiel leuchtet von Schirach in die Abgründe der Geschichte wie der Justiz. Konflikte entstehen auch daraus, dass Richter nicht danach entscheiden können, „was gerade politisch

korrekt“ erscheint. „Ich glaube an die Gesetze, und Sie glauben an die Gesellschaft“, sagt Mattinger zu Leinen, der nach den Studienjahren des Begreifens nun im Gerichtssaal zur Erkenntnis kommt: Es geht um „den

geschundenen Menschen“.

Von Schirach erzählt gewohnt geradlinig, gönnt sich liebevollen Spott bei der Charakterisierung seines Berufsstands und der Sprachgewohnheiten: „Da bin ich ganz bei Ihnen. – Das entscheiden wir zeitnah. – Wir bleiben in Kontakt.“ Weil ein Roman auch Amouren braucht, lässt der Autor diese Facette nicht aus. Überzeugender, nahezu bezwingend aber ist er in Klarheit, Scharfblick und Logik – bis zum Fürchterlichsten.

Janina Fleischer

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