Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Müßiggang statt Sängerstress - Peter Schreier wird 75

Müßiggang statt Sängerstress - Peter Schreier wird 75

Müßiggang und Entspannung statt täglicher Proben und Reisen um die Welt: „Ich vermisse nichts“, sagt der Dresdner Kammersänger Peter Schreier. Am 29. Juli wird er 75 Jahre alt.

Dresden. „Nach Jahren voller Stress und Druck habe ich eine Zeit der Entspannung und des Genusses verdient“, sagt er. Meisterkurse gibt er nur vereinzelt, und gelegentlich taucht er auch als Dirigent in die Musikwelt ein. Auch in diesem Metier ist Schreier ein begehrter Mann, dosiert seine Auftritte aber gut: im November bei den Wiener Philharmonikern, 2001 eine „Messias-Aufführung“ mit den New Yorker Philharmonikern und eine „Matthäus-Passion“ in Sao Paulo.

Seinen Abschied auf Raten hatte er lange geplant. Im Juni 2000 trat der weltweit gefragte Künstler als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ - der vielleicht wichtigsten Partie seiner Karriere - in Berlin von der Opernbühne ab. Mit 70 gab er die Lieder und Oratorien auf. Das Sängerleben vermisste er nicht. „Ich habe mich schnell an den Ruhestand gewöhnt.“

Der 1935 in Meißen geborene lyrische Tenor wuchs in einem Dorf in der Nähe der Stadt auf. „Bei uns zu Hause wurde zwei Mal in der Woche musiziert“. Mit acht Jahren kam er zum Dresdner Kreuzchor, einer „Schule fürs Leben“, wie Schreier sagt. In dem Knabenchor habe er nicht nur das Rüstzeug für seinen Erfolg, sondern auch Tugenden wie Disziplin, Unterordnung und Ehrgeiz gelernt. „Ohne Leistung ging es trotz Kreuzchor-Bonus nicht.“

Leistungsbereitschaft war das Entscheidende, da habe auch eine SED-Mitgliedschaft zu DDR-Zeiten nicht geholfen. „Man musste schon singen können und musikalisch fit sein.“ Er sei durch internationale Engagements in einer vergleichsweise glücklichen Lage gewesen. „Ich wurde fast wie ein rohes Ei behandelt.“ Das, was er als Künstler gewollt habe, sei ohne Einschränkungen möglich gewesen. „Ich habe nie daran gedacht, im Westen zu bleiben, obwohl mir das von einer Plattengesellschaft schmackhaft gemacht wurde.“

Von 1956 bis 1959 studierte Schreier Gesang und Dirigieren in Dresden, im Abschlussjahr stand er erstmals auf der Opernbühne, als „1. Gefangener“ in Beethovens „Fidelio“. Den Durchbruch schaffte er 1962 als Belmonte in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Danach stand er von New York bis Mailand auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt und wurde international mit Auszeichnungen bedacht. Mehr als 60 Partien hat er verkörpert. Schreier war der wichtigste Exportschlager der DDR auf sängerischem Gebiet - bei hochkarätiger Konkurrenz. „Es gab keinen einzigen Versuch, mich für die Partei zu werben.“

1972 sei er an der Staatsoper Berlin von ehemaligen Kommilitonen gefragt worden, ob er nicht mal den Taktstock führen wolle. Stilistisch verlegte er sich auf Chorsinfonik - Haydn-Oratorien und Bachsche Passionen. „Um eine große Dirigentenkarriere zu machen, müsste man aber am Stoff bleiben, regelmäßig dirigieren.“ Da habe er eigentlich keine Ambitionen, sagt der siebenfache Großvater und künftige Urgroßvater.

Obwohl seine künstlerische Heimat als Opernsänger in Berlin lag, blieb er Dresden immer verbunden. Am Wohnhaus am Elbhang schuf sich das Landkind ein kleines Gartenparadies. Kochen, Schwimmen und Radfahren gehört nun seine Leidenschaft. Letzteres hat er nach einer Bypass-Operation im Januar zum eigenen Leidwesen etwas schleifen lassen. Aber fast jeden Tag zwischen Mai und Oktober dreht er seine Runden im teils überdachten Pool.

Ein Vorteil des Rentnerlebens sei, dass er mit Zeit sehr großzügig umgehen könne. Statt wie früher zu proben, ordne er seine Sammlung tausender CDs und Platten. Da finde sich natürlich die Klassik mit Bach und Mozart, aber auch Jazz. Berufliche Rückfälle blieben bisher aus. „Ich habe nur ein bisschen gesündigt.“ Für eine Kinderlieder- Edition des Kabus-Verlages Stuttgart sang er „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“.

„Ich habe nicht den Ehrgeiz, mein Leben mit anderer Art von Musik auszufüllen; ich bin ehrlich gesagt ein bisschen ausgebrannt“, sagt der Sänger mit der angenehmen Tenorstimme. „Ich habe so viel gesungen und dirigiert bis zu dem Punkt, wo man in die Gefahr der Routine kommt“, erklärt er. „Ich singe nicht mal mehr im Bad.“

Simona Block

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr