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Multimediale Provinz des Menschen

Heiner Goebbels in Dresden Multimediale Provinz des Menschen

Der Komponist und Theatermacher Heiner Goebbels zeigt Installationen im Dresdner Lipsiusbau

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Der Komponist und Theatermacher Heiner Goebbels.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Ein nicht mehr junger Mann, sein Markenzeichen ein Hut, unterwegs in der Stadt. Häufig sitzt er im Auto, steigt ein oder aus, verlässt ein Gebäude oder betritt es. Diese alltäglichen Handlungen bestimmen auf den ersten Blick „Die Provinz des Menschen“, eine multimediale Installation des Komponisten und Theatermachers Heiner Goebbels - zu sehen ab heute im Lipsiusbau. Der Mann ist André Wilms, der in vielen Städten der Welt - darunter Athen, Berlin, Budapest, Mexiko-Stadt, Moskau, New York, Paris, Rom, Sydney und Zürich -, wo er zwischen 2004 und 2014 Theatergastspiele gab, auf seinen Wegen von einer Kamera begleitet wurde.

Die Filmsequenzen nehmen den Betrachter nicht nur visuell mit auf den Weg durch die Städte; sie lassen ihn zugleich zum Zuhörer werden, zitiert Wilms doch Zeilen aus Elias Canettis, der Installation den Titel gebendem Buch „Die Provinz des Menschen“, das Texte aus den Jahren 1942-1972 vereint. Das französisch Eingesprochene (ein Begleitblatt hält die Übersetzung bereit) legt sich wie ein sonorer Klangteppich über die 54 Filmsequenzen, die mal in kleiner, mal in größerer Anzahl sichtbar sind, bis sie sich für kurze Zeit zu einer vom Sound der Großstädte geprägten Bild-Klang-Collage verbinden, die den Schauspieler übertönt und den Betrachter scheinbar an allen Orten gleichzeitig sein lässt.

Beim Schauen kann man auf viele Gedanken kommen. Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums, verwies etwa auf das Unbewusste in den Ritualen des Alltags, auf das Alleinsein in der Stadt, erwähnte auch das Älterwerden von André Wilms. Der scheinbare Gleichklang der Bilder weckt bei der Verfasserin dieser Zeilen aber auch Gedanken an die Globalisierung, daran, dass die „westlichen“ Metropolen in mancher Beziehung immer ähnlicher werden, weshalb die Frage nach der Differenz neues Gewicht erhält. Man fragt sich wohl nicht zu unrecht - und das ist Canetti ja nah: Wie gestaltet sich die „Provinz des Menschen“ in Zukunft? (Es ist kein Zufall, dass sich das freie Dresdner Theater de la Lune ab März gemeinsam mit Geflüchteten den Themen „Rituale“ und „Wege in Dresden“ widmen und daraus eine Performance entwickeln wird).

Fragen kann man auch: Wird diese „Provinz“ weiter den Spielraum für Phantasie, Poesie und Träume lassen? Die zweite Arbeit der Präsentation heißt „Landschaft 3“ und entstand im Ergebnis der Aufführung von Louis Andriessens Musiktheaterstück „De Materie“, das Goebbels 2014 für die Ruhrtriennale inszenierte. Das gezeigte Video ist die bearbeitete Aufnahme der Szenerie des vierten Aktes: Eine Schafherde tummelt sich in einer großen dunklen Industriehalle (Landschaftspark Duisburg-Nord), umkreist von einem hell leuchtenden kleinen Zeppelin. Es ist eine eher stille Arbeit. Die Tiergeräusche sind kaum hörbar. Und nur ein Klang, der an eine kleine Glocke erinnert, tönt regelmäßig durch den Raum. Als Betrachter kann man sich ganz auf die in dunkles blaues oder rötliches Licht getauchten, sich bewegenden Tiere und auf den Zeppelin konzentrieren, der, mal kleiner, mal größer erscheinend, kreist, verschiedentlich auch Schatten wirft. „Landschaft 3“ wirkt durchaus poetisch, entführt den Betrachter in eine „Provinz“, wo er sich auf sich und seine schweifenden Gedanken konzentrieren kann. Man fühlt sich sehr weit weg vom sich überschlagenden Geschehen unserer Tage, dem existenziell Kreatürlichen ganz nahe.

Nach verschiedenen bekannten Kunstorten, unter anderem dem Centre Pompidou, dem ZKM Karlsruhe oder auch dem Bauhaus Weimar sowie der mehrmaligen Präsenz auf der documenta in Kassel, können erfreulicherweise die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Heiner Goebbels begrüßen. Hintergrund ist eine Verbindung des bald scheidenden Generaldirektors Hartwig Fischer zu dem vielseitigen Künstler. Man kennt sich aus Essen, wo Fischer das Folkwang Museum leitete. Goebbels war zwischen 2012 und 2014 künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale.

An dieser Stelle sein Schaffen darstellen zu wollen, wäre vermessen angesichts von dessen Vielfalt. Der 1952 geborene Künstler, der Soziologie und Musik studierte und seit 1972 in Frankfurt/ Main lebt (ansonsten „in der ganzen Welt zu Hause“, wie Hilke Wagner bemerkte), schuf seit Mitte der 1980er Jahre szenische Konzerte, Hörstücke und Arbeiten für Ensemble und große Orchester (Surrogate Cities), die teils auch schon in Dresden zu erleben waren. Zu seinen erfolgreichen Musiktheaterstücken gehören „Schwarz auf Weiß“ (1996), „Eislermaterial“, „Max Black“ (1998), „Eraritjaritjaka - musée des phrases“ (2004) und „Stifters Dinge“ (2007). Erwähnt werden soll an dieser Stelle, dass er auch mit Heiner Müller und Ruth Berghaus zusammen gearbeitet hat. Seit 1999 lehrt er als Professor am Institut für angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist seit 2006 Präsident der Hessischen Theaterakademie.

15. Januar-10. April, Lipsiusbau, geöffnet täglich (außer Mo) 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Veranstaltungen siehe Flyer oder www.skd.museum

Von Lisa Werner-Art

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