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Musik fürs Pogo-Zirkelchen: Jennifer Rostock auf Clubtour in Leipzig

Halle D Musik fürs Pogo-Zirkelchen: Jennifer Rostock auf Clubtour in Leipzig

Die Band Jennifer Rostock bewirbt ihre neue Platte zurzeit mit einer Clubtour, deren Konzerte freilich schnell ausverkauft waren. Am Sonntag gaben die Wahlberliner ihr Gastspiel in der 450 Menschen fassenden Halle D des Werk 2.

Sexismus verkauft sich (steht auf ihrem T-Shirt): Jennifer-Rostock-Sängerin Jennifer Weist zeigt sich gern freizügig, so auch am Sonntag in Halle D des Werk 2.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Bäm! Der Titel des letzten Schmutzki-Albums fasst das Bühnengeschehen in Halle D ganz gut zusammen. Dass davon erstaunlich wenig das dennoch gut gelaunte Publikum durchdringt, überrascht, aber dazu später.

Hätten Jennifer Rostock nach Release ihres jüngsten Albums „Genau in diesem Ton“ nur eine Woche Luft zum Start ihrer „Stressen auf Rädern“-Tour gelassen, die neuen Songs wären wohl ebenso vielkehlig intoniert worden wie bereits bekannte Hits. Aber vom Prinzip her bedienen sich die Wahlberliner um Stil- und Tattoo-Ikone Jennifer Weist einer erfolgreichen Taktik, wie sie auch artverwandte Indie-Rock- und Pop-Kollegen von Kraftklub über Tocotronic bis Beatsteaks gern anwenden: Neues Album mit kleiner, natürlich ausverkaufter Clubtour zwecks Street Credibility und Publikumskontakt, bevor es dann im Frühjahr ausgedehnt durch große Hallen geht und anschließend die Sommerfestivals abgerockt werden.

Am Sonntag hätte in Halle D des Werk 2 schon die Vorband allein problemlos einen akzeptablen Füll- und Launestand erreicht: Die Partypunk-Aufsteiger von Schmutzki passen zu Jennifer Rostock wie Faust aufs Gretchen, die Rezeptur ist so einfach wie effektiv: Nach erstem Hören spielend mitzuschmetternde Refrains, Festival-erprobte Konzertspielchen und gekonntes Ignorieren der Unverträglichkeit von Punkattitude und rhythmischem Mitklatschen. Und als würden sie darauf Gagen-Prozente bekommen, fragen sie nach jedem zweiten Lied das Publikum anfeuernd, ob es sich denn auch auf Jennifer Rostock freut. Tut es. Und wie diese zeigen Schmutzki, dass Pop mit saftigem Punkeinschlag (oder umgekehrt) gerade bestens funktioniert, was natürlich ein Ärzte-Erbe ist, wenn auch nicht in deren Variantenreichtum und anarchischer Subtilität. „Für Indie zu schön, für Mainstream zu obszön“, heißt es treffend im Rostock-Song „Kein Bock, aber Gästeliste“.

Frenetischer Jubel für viralen Anti-AfD-Hit

Klare politische Einstellung gegen alles rechts ab CSU und echte Weltoffenheit ist dabei Herzenssache und so selbstverständlich, dass man sich textlich eher um die Belange der großstädtischen Nacht kümmert, samt Mitternachtseuphorie und 2-Uhr-Depression. Natürlich gehört Spendensammeln für gute Zwecke längst zum Konzertstandart, natürlich gibt es den kollektiven Mittelfinger für rechte Hetzer und deren schlagende Erfüllungsgehilfen, wehende Regenbogenfahne und den unter frenetischem Jubel angerissenen viralen Anti-AfD-Hit. Aber gekommen ist man in erster Linie für eine gemeinsame Rock’n’Roll-Party bei der sich Fronts/fr-au Weist gern als frivole Gastgeberin zeigt.

„Sexism sells“ steht auf ihrem bauchfreien Shirt und wirkt dabei kein Stück ironisch. So sehr der Selbst-Schuld-Einwurf ein widerliches, überholtes Altherrenargument ist, so sehr wirkt es kalkuliert, wenn Weist, bauchabwärts nur mit Batik-Sport-Slip bekleidet, sich bei den Pressefotografen über deren Voyeurismus beschwert: „Einmal bücken: Muschi überall im Internet.“ Mit Hose wäre das nicht passiert, aber Weist weiß genau, was sie tut und wie sie dabei wirkt. Zwei publikumswirksam gekippte Pfeffi später ist diese Episode längst Geschichte.

Unklar bleibt, warum man den lockeren Füllstand in Halle D als ausverkauft deklarieren musste. Sommerhoch-bedingt stimmt zwar der Schwitzfaktor, aber Clubtouren oben erwähnter Genrekollegen sind durchweg kuscheligere Hexenkessel, vor allem rockiger: Das Publikum schlägt stark in die Pop-Richtung aus, vielleicht war der alternative Teil der Fangemeinde einfach nicht früh genug wach am Verkaufstag für die schnell vollen Konzerte. Abseits der frenetischen Akustik sucht man im Saal das Rockkonzertfeeling beinahe vergeblich, obwohl es Musik und Energie von der Bühne durchaus hergäben. Selbstversuch im Fünf-Mann-Pogozirkelchen: Level Sportfreunde Stiller. Zweimal versucht sich wer halbwegs vergeblich am Crowdsurfen und eine inzwischen zum Rockrepertoire gehörende Wall of Death wird schließlich von Weist tapfer herbeiinszeniert.

Es ist natürlich Quatsch, daraus einen Vorwurf oder gar ein schlechtes Konzert abzuleiten. Die Stimmung stimmt, und ob pogotanzende Glückseligkeit mehr Berechtigung hat als Selfiesticks in den vorderen Reihen, mag jeder selbst entscheiden.

Von Karsten Kriesel

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