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Musikgeschichte mitgestaltet: Dirigent Roland Seiffarth feiert Jubiläum an der Oper Leipzig

Musikgeschichte mitgestaltet: Dirigent Roland Seiffarth feiert Jubiläum an der Oper Leipzig

Mit einer dreistündigen Jubiläums-Gala im seit Monaten ausverkauften Haus Dreilinden hat die Musikalische Komödie am Sonntag ihren Ehrendirigenten Roland Seiffarth gefeiert.

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Olena Torak mit Roland Seiffarth in der MuKo.

Quelle: Kirsten Nijhof

Leipzig. Für 50 Jahre im Dienste der Oper Leipzig.

Ulf Schirmer ist ein eher distanzierter Chef. Wenn also der Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig kuschelig wird und sich gleich mehrfach coram publico mit Roland Seiffarth in den Armen liegt, beweist dies eindrucksvoll, dass die Emotionen tief fliegen bei dieser Gala. "Verehrter Kollege", sagt der Hausherr, "Sie haben ein halbes Jahrhundert lang die Musikgeschichte in Leipzig mitgestaltet und entscheidend geprägt. Und ich würde am liebsten sagen: Machen Sie so weiter." Da stehen dem 72-jährigen bereits Tränen in den Augen, und es ist kaum vorstellbar, dass sich dieses Theater-Urvieh tatsächlich aus dem operativen Bühnengeschehen der Musikalischen Komödie zurückziehen will, wie er es so entschlossen angekündigt hat. Die MuKo ist sein Kind, die überregionale Ausstrahlung des Ensembles und vor allem des Orchesters sein Verdienst. Und die Gala zeigt, wie ihm all das gelang.

Carte blanche hat Seiffarth für dieses Konzert bekommen: Er darf dirigieren, was er immer schon mal dirigieren wollte. Und wider Erwarten ist er offenkundig realistisch genug, es nicht zu übertreiben. Nach knapp drei sehr kleinteilig angelegten Brutto-Stunden ist alles schon wieder vorüber. Es fühlt sich nach weniger an.

Die erste Halbzeit gehört der Oper, mit der Seiffarths Karriere 1963 in Leipzig begann und die ihn immer wieder auch an andere Häuser führte. Verdis "Forza del destino", "Nabucco", "Traviata", Puccinis "Bohème", Dvoráks "Rusalka", Mascagnis "Cavalleria rusticana", Gounods "Faust", schließlich Lortzings "Zar und Zimmermann" stecken hier die Grenzen von Seiffarths Leidenschaften ab - und geben ihm die Möglichkeit sich vor allem als Sänger-Dirigent zu präsentieren.

Nur wenige Kollegen verfügen in einem solchen Maße über die Kapellmeistertugend, nicht nur zu begleiten, sondern die Sänger gleichsam auf Händen tragen zu können. So sucht Seiffarth vor allem den Kontakt zu den Solisten, dirigiert mehr als einmal mit dem Rücken zum Orchester - was das Ensemble um Konzertmeisterin Agnes Farkas nicht weiter stört. Über die Jahrzehnte sind Dirigent und Klangkörper schließlich zur gemeinsam atmenden, fühlenden, denkenden Einheit zusammengeschmolzen. Da kann jeder sich blind auf den Anderen verlassen.

Seiffarth durfte für die Besetzung in die Vollen gehen und sich auch im Ensemble des großen Hauses am Augustusplatz bedienen. So hat er sich die junge Olena Tokar ausgeliehen, den bereits vielfach preisgekrönten aufgehenden Stern des Opernensembles. Mit dem Lied an den Mond aus "Rusalka" singt sie sich tief in die Herzen der Zuschauer. Grandios ist diese Stimmung, grandios die farbsatte Gestaltungsmacht, die im tendenziell schlichten Strophenlied alle Fenster zur Seele weit aufreißt. Angesichts dieser Leistung wird es Zeit, Tokar auch einmal in größeren Partien zu erleben.

Beinahe ebenso bemerkenswert ist das, wozu Seiffarth Dan Karlström befähigt. Der greift einigermaßen unbefangen nach dem Tafelsilber des lyrischen Tenorfachs und beeindruckt bei Rodolfos "Che gelida manina" mit höhensicherem Schmelz, silbrig gleißendem Metall, herrlichen Bögen. Kaum zu glauben, welche Entwicklung dieser Sänger in den letzten Jahren gemacht hat. Dass Eun Yee You eine fabelhafte Violetta ist, weiß dagegen längst beinahe jeder, und dass Milko Milev aus Lortzings Singschule mit dem Chor der Musikalischen Komödie ein sprühend witziges Kabinettstückchen zu machen in der Lage, erst recht.

Die zweite Halbzeit der Jubiläumsgala gehört Seiffarths MuKo-Kernrepertoire: Dostal, Offenbach, Zeller, Kálmán, Masanetz, Wehling, Natschinski, Carroll. Hier nimmt der Ehrendirigent seine Zeichengebung noch weiter zurück. Bisweilen ruht sein Blick wohlgefällig auf den Solisten, derweil er lässig mit der Rechten swingend den James Last gibt. Auch hier verbergen sich Augenblicke höchster Wonne. Wenn beispielsweise Bernhard Berchtold mit seinem samtig warmen Tenor Carl Zellers "Wie mei Ahnerl zwanzig Jahr" adelt, Radoslaw Rydlewski das Wolgalied aus dem "Zarewitsch" mit kostbarer Melancholie auflädt und Mirjam Neururer "Spiel mir das Lied von Gück und Treu" mit emotionaler Tiefe.

Das Ende markiert der von Roland Seiffarth hoch verehrte Robert Stolz, dessen Musik kein Anderer so süffig zum Klingen zu bringen vermag wie er: Radoslaw Rydlewski lässt er mit "Ob blond, ob braun" charmieren, Neu-Diva Lili Wünscher mit "Spiel auf deiner Geige", Andreas Rainer zeigt mit "Du bist meine Greta Garbo" sein stimmliches wie komisches Potenzial, Angela Mehling viel Gefühl bei "Wien wird schön erst bei Nacht". Und Milko Milev rührt mit "Frag nicht, warum ich gehe", das Publikum zu Tränen. Damit die nicht das letzte Wort behalten, endet die 'Jubiläumsgala für Roland Seiffarth mit "Jung sammer, fesch sammer". Auch ein Statement für einen 72-jährigen auf dem Sprung.

Danach nimmt der Jubel kein Ende, Blumen und Geschenke türmen sich, Hände werden geschüttelt, Weggefährten geherzt, und mit einem bewegten und bewegenden "Bleiben Sie gesund" geht Roland Seiffarth von der Bühne. Gewiss nicht zum letzten Mal. Denn natürlich hat Schirmer Recht: Am besten, Roland Seiffarth macht einfach so weiter.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.09.2013

Peter Korfmacher

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