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„Mutti vor der Tür“ gönnt sich zur Satire Ernst und Bitterkeit

Academixer-Premiere „Mutti vor der Tür“ gönnt sich zur Satire Ernst und Bitterkeit

Vom Kalauer bis zur echten Satire – die Boulevard-Komödie „Mutti vor der Tür“ ist ein Brett’l-Programm, das gesellschaftspolitische Ambivalenz nicht nur ausreizt, sondern auch aushält. Am Sonntag hat Volker Insels Inszenierung im Academixer-Keller Premiere gefeiert.

Katrin Hart, Claudius Bruns, Jens Eulenberger und Elisabeth Hart (v.l.) in der

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es ist einer der verheerendsten Sprengsätze auf dem Minenfeld der Paarbeziehung. Dem Partner, der Partnerin zu sagen „Du bist wie deine Mutter“, heißt, jeglicher Möglichkeit zu sachlicher Diskussion den Todesstoß zu versetzen. Womit diese Kurzmitteilung in ihrer Wirkung ungefähr dem entspricht, was auch Donald „Ich twitter euch einen“ Trump mit seinen Kurzmitteilungen immer wieder schafft. Naheliegend, wenn nicht unvermeidlich also, dass der US-Präsident auch im neuen Academixer-Programm gelegentlich seinen Senf dazugibt. Am Sonntag hatte „Mutti vor der Tür“ (Regie: Volker Insel) Premiere.

Der Titel des Ganzen ist allerdings erst einmal irreführend. Weil die Mutti eben nicht vor der Tür steht, sondern die Schwelle raumgreifend überschreitet. Mit einem bedrohlich-herzigen „Ding-Dong, ich bin’s, die Mutti“ steht Mutti Elke aus Dresden plötzlich in der Wohnung von Tochter Sandra in Leipzig. Was natürlich auch heißt, dass sich zum Generationskonflikt gleich noch ein kultureller gesellt. Dass Mutter alles andere als einen Kurzbesuch erwägt und die Wohnung der Tochter mit deren Freund und einem Untermieter eigentlich schon voll besetzt ist, entspannt die Situation nicht wirklich.

Zins und Zinseszins  – Jens Eulenberger erklärt das Prinzip mit Smarties

Zins und Zinseszins – Jens Eulenberger erklärt das Prinzip mit Smarties.

Quelle: André Kempner

Doch es ist ein recht effizientes Minenfeld, das „Mutti vor der Tür“ anlegt und beackert. Effizient, weil in die erzählerisch reizvolle Grundkonstellation einer Boulevard-Komödie zugleich dramaturgisch einiges davon reinpasst, was politisches Kabarett verhandeln sollte. Und nicht alles, was „Mutti vor der Tür“ davon auch zeigt, ist zum Lachen geeignet.

Das hat zum einen Teil naturgemäß mit der schwankenden Humorqualität der Texte zu tun (Autoren unter anderem Volker Insel, Julie Bukowski, Benjamin Schmidt). Zum anderen und weit entscheidenderen Teil aber mit dem Umstand, dass man eben nicht auf Teufel komm raus versucht hat, Lacher zu schinden. Tatsächlich: „Mutti vor der Tür“ ist ein Brettl-Programm, das nicht hyperventiliert, wenn es im Publikum stiller bleibt. Das hält man hier wirklich mal aus, ohne gleich am Kalauer-Rad drehen zu müssen. Und man hält es aus, weil man natürlich trotzdem noch genug Kalauer an anderen Stellen zu verbraten hat – vor allem aber, weil man sich in diesem Programm den Luxus von Ernst, Bitterkeit, gar einer Prise Sentiment einfach gönnt.

Wie Claudius Bruns als musizierender Untermieter Friedemann Bogenstedt (wunderbar als „Elfe, gefangen im Körper eines Trolls“ charakterisiert) anhand von riesigen Gläsern voll Smarties über das Hungerproblem in der Welt sinniert und Lösungen aufrechnet, ist gerade im Gestus scheinbarer Naivität von einer Ernsthaftigkeit, die allein dem Thema angemessen ist. Richtig bitter wiederum wird es, wenn späterhin Bruns dem „Hass“ ein hinreißend böses Liebeslied singt. Während fürs Sentiment Katrin Hart als Mutti Elke zuständig ist. In einem Lied erinnert die sich der Zuneigung und Nähe zur Tochter, der sie jetzt nur noch in Streit und Distanz gegenübersteht. Berührend. Dass diese Person an anderer Stelle frohgemut fatalen Ressentiments frönt und auch anderweitig nicht frei von Penetranz ist, ändert daran nichts.

Wortwitzbissige Screwball-Comedy

Aber keine Sorge: Lustig ist der Abend natürlich auch. Mal mehr, mal weniger. Mal auf Kalauer-Level (etwa mit den Kurzeinlassungen Donald Trumps), mal auf echtem Satire-Niveau (etwa mit dem Besuch im Nazikindergarten: „Hier lernen die Kinder, das Wort Obergrenze spielerisch umzusetzen“). Und wenn dann die von Mutti arg genervte Sandra just vom Freund den eingangs erwähnten verheerenden Satz zu hören bekommt, können sich Elisabeth Hart und Jens Eulenberger sogar richtig am wortwitzbissigen Screwball-Comedy-Kabbeln versuchen. Was ihnen sichtlich Spaß macht. Und Spaß bereitet außerdem.

Aber vielleicht ist das Wichtigste an „Mutti vor der Tür“ etwas anderes. Nämlich, wie eine gewisse Ambivalenz ausgereizt und auch ausgehalten wird. Man lausche dem Applaus, wenn der Mutti-Besuch aus Dresden vom gesundheitlich angeschlagenen deutschen Kleinhandwerker spricht, der zum Arzt kriechen müsse, während die Asylantenfamilie mit dem Taxi hingefahren würde. Und man lausche dem Applaus, wenn an anderer Stelle Bruns in einem Monolog darauf beharrt, dass es ein schlichtes, grundlegendes Gebot der Menschlichkeit ist, Kriegsflüchtlingen zu helfen, ihnen Asyl zu gewähren. Zwei Texte verdichteter Positionen. Phantasmagorien des Ressentiments und Beharren auf einen ethischen Konsens. Wofür es mehr Applaus gab? Tja, was denken Sie denn?

Wieder vom 20. bis 22. Februar, 13. bis 15. März (jeweils 20 Uhr), am 22. April (16 und 20 Uhr), 23. April (18 Uhr), 5./6. und 8. Mai (20 Uhr), 7. Mai (18 Uhr), Kabarett Academixer, Kupfergasse 2, Karten unter Tel. 0341 21787878 oder academixer.de

Von Steffen Georgi

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