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„My name is Peggy“ im Stelzenhaus: Existenzielle Fragen statt einer Vorspeise

Premiere des Theaters der Jungen Welt „My name is Peggy“ im Stelzenhaus: Existenzielle Fragen statt einer Vorspeise

Erstmals hat das Theater der Jungen Welt ein so genanntes „Gastro-Event“ im Repertoire. Intendant Jürgen Zielinski führt Regie, Sonia Abril Romero spielt eindrucksvoll in „My name is Peggy“, einem Erfolgsstück des Boulevard-Autors Marc Becker. Am Wochenende fand im Restaurant Stelzenhaus die Premiere statt. Der Rest ist Hühnchen, Gnocchi und Kartoffelgratin.

„Vorspeisentheater“: Sonia Abril Romero und Carsten Schmidt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Als hätte es die Frau ohne Namen nicht schwer genug. Ihr Hund Bernd überfahren, Marmelade auf der Hose, und das neue Haustier, ein Papagei, krächzt Männervornamen. Ingo! Jochen! Wolfgang! Zudem eine Englisch-Lern-App, die sie Sätze wie „I was depressive since I was a little girl“ und „Maybe tomorrow I will kill myself“ nachplappern lässt.

Als reichte das nicht, muss noch die Darstellerin Sonia Abril Romero, nachdem sie in der Inszenierung des Theaters der Jungen Welt in die Rolle der namenlosen Frau geschlüpft ist, eine knappe Stunde lang gegen Gemurmel und Besteckklirren anspielen. Eine ungeheure Konzentrationsleistung, die sie am Freitag bei der Premiere von „My name is Peggy“ (noch so ein Satz aus dem Lernprogramm) im Stelzenhaus mit Bravour vorgeführt hat.

Die Konstellation ist in mehrfacher Hinsicht erwähnenswert. Zwar hat das Jugendtheater hin und wieder Sommerstücke an den Stelzen angesiedelt, unten am Ufer des Karl-Heine-Kanals. Aber erstmals beherbergt das Restaurant selbst eine TdJW-Produktion, die sich überdies nicht an die Hauptklientel der städtischen Bühne richtet. Nicht Kinder und Jugendliche hat Intendant Jürgen Zielinski, der Regie führt, im Visier: Ab 16 lautet die Altersempfehlung, gerechtfertigt durchs Thema – Single-Frust bei der langjährigen Partnersuche – und durch die mitunter sehr ausdrückliche Sprache, die Autor Marc Becker der Protagonistin in seinem vielgespielten Boulevard-Stück in den Mund legt.

Leider wird nicht der gesamte Speisesaal zum Theater erklärt

Ebenso erstmals versucht sich das TdJW in einem „Gastro-Event“: Auf das „Vorspeisentheater“ wird ein Hauptgang aus Hühnchen, Kartoffelgratin, Gnocchi und mehr folgen. Kulisse und Buffet ergeben einerseits Sinn: Immerhin wartet die Hauptfigur in einem Restaurant auf ihre Verabredung. Andererseits erklären TdJW und Stelzenhaus leider nicht den gesamten Speisesaal zum Theater. Durch Tücher optisch, aber nicht akustisch abgetrennt, dinieren andere Gäste à la carte. Wer will ihnen verdenken, dass sie miteinander sprechen?

Gegen alle Fährnisse genügen Sonia Abril Romero eine subtile Mimik und leichte Schwankungen im euphorischen Tonfall ihrer Namenlosen, um den seelischen Abgrund deutlich zu machen, an dem diese steht, während sie auf ihr Rendezvous wartet. Auf den amerikanischen Autofahrer, der Hund Bernd überfahren und sie trotzdem angelächelt hat, wie sie freudestrahlend erzählt. Bühnenbildner Carsten Schmidt sitzt hinter ihr, reguliert Klang und Licht und übernimmt eine Nebenrolle als Kellner. Auf beeindruckende Weise verliert er weder ein Wort, noch verzieht er eine Miene. Von da ist es nicht weit zu existenziellen Fragen, die das Stück nonchalant aufwirft. „Tun Sie nur so, als wären Sie, wie Sie sind?“, möchte die Frau wissen. „Ist Glück nur eine Fehlfunktion des vegetativen Nervensystems?“

„Ich weiß nicht mehr weiter“, bekennt sie. Aber vielleicht ist es auch Sonia Abril Romero selbst, die das sagt. „Nicht nur im Leben, nein: Hier. Jetzt.“ Das Aquarium blubbert, Gesprächsfetzen dringen in die Stille. „Was machen Sie, wenn Sie nicht mehr weiterwissen? Man versucht, besser zu schweigen als sein Gegenüber“, lautet ihr Rat, der sich vielleicht bald als nützlich erweist. Nachher, beim Hauptgang.

„My name is Peggy“, wieder am 2. Dezember, 20 Uhr, 4./6. Februar, 8./9. März, Stelzenhaus (Weißenfelser Str. 65h), 27/21 Euro (mit Buffet)

Von Mathias Wöbking

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