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Mysterienspiel ohne Mysterium: Hermann Nitschs "3-Tage-Spiel" im Centraltheater

Mysterienspiel ohne Mysterium: Hermann Nitschs "3-Tage-Spiel" im Centraltheater

Mit Hermann Nitschs "Orgien Mysterien Theater" endete am Wochenende die Intendanz Sebastian Hartmanns. Und setzte einen passenden Schlusspunkt - gab es doch noch einmal einen Sturm im Wasserglas, der einigen Lärm machte.

Nein, nicht gleich um nichts, aber doch auch nicht um allzu viel. Durchaus ein Leitmotiv der Ära Hartmann.

Eine Ära, die dramaturgisch einen beachtlichen Bogen schlug. Vor fünf Jahren begann Hartmann hier mit seiner "Matthäuspassion", ein theatrales Triptychon nach Bach, Ibsen, Bergmann. Und wie jede Eröffnungsinszenierung formulierte die ein ästhetisch-inhaltliches Statement. Man wollte tiefer grabend ins Ursprünglichere zurück. Das Bildhafte forcieren gegenüber der Sprache. Ausloten, was auch jenseits des Verbalen kommunizierbar sein könnte im Theater.

"Wir haben Gott verlassen, Gott nicht uns!" kann man heute noch auf der CT-Webseite zur "Matthäuspassion" lesen. Gott eventuell zurück zu gewinnen im Ritual, den metaphysischen Dialog neu zu versuchen, oder doch wenigstens die Möglichkeiten eines solchen Dialogs zu erkunden im Spiel auf der Bühne, war eine imponierende Intentionen für dieses Theater, das zu Recht darauf beharrte, mehr sein zu dürfen, als der Hort bürgerlicher Aufklärung und Vernunft.

Womit man auch schon bei dem Aktionskünstler Hermann Nitsch wäre, der jetzt mit einem Bad in echtem Opferblut zu Ende brachte, was Hartmann vor fünf Jahren mit Kunstblut in der "Matthäuspassion" zu verhandeln begann. Was nur konsequent ist. Auch darin, wie sich final jetzt noch einmal offenbart, dass der etwaige metaphysische Dialog eben doch weitteilig zum Monolog geriet.

Für drei Tage wandelte sich dafür das Centraltheater in einen Mysterien-Orgien-Tempel. Den Anfang macht ein Konzert am Freitag, welches die Tonspur für den Folgeabend - den der eigentlichen Aktion, der Orgie - vorstellt. Klangintervalle steigern sich zum infernalen Tosen. Zum Orchester gesellt sich eine Blaskappelle, zum mystisch-archaischen Soundwabern gibt's Schuhplattler, eine nackte Frau mit verbundenen Augen wird hereingetragen und spreizt sich fortan in den Bewegungen einer stillen Trance.

Dazu sitzt Nitsch auf der Bühne, so wie er auch am kommenden Abend präsent ist. Alle Stationen des Blutspektakels begleitend, als bedürfe es dafür der segenenden Aura dieses etwas altersmüde wirkenden Bacchus aus Niederösterreich, der ja nun schon seit Jahrzehnten in nur wenigen Variablen verantwortet und sieht, was jetzt auch im CT wieder zur Aufführung kommt: das Zerreißen der Tierkörper (Schweine und ein Stier, samt ein paar Stören im Nebengang) zwischen Choreographie und Impuls, das Wühlen in Innereien, das mit Blut Besudeln und Tränken, das in Spasmen und Delirien Zucken. Dazu watet das Orchester in psychedelischem Pathos, und ein Zeremonienmeister strukturiert mit dem Schrillen einer Pfeife den Ablauf mit der Autorität eines Sportlehrers der echt keinen Spaß versteht, weil das hier alles verdammt wichtig ist.

Dass der ästhetische Effekt immens ist, kann man nicht leugnen. Der simple Kontrast von Blut auf weißer Kleidung. Die nackten, rotgetränkten Frauen und Männer, das ausgestellte (menschliche) Äußere, dass mit dem herausgerissenen (tierischen) Inneren überhäuft wird. Und nein, es ist keine Sensationsgeilheit, sondern vielmehr das Rudiment eines atavistischen Impulses, der hier freigelegt wird und selbst jene im Publikum vorm Wegschauen abhält, auf deren Gesichtern sich Ekel oder Erschrecken spiegelt. Das fasziniert.

Und doch bleibt auch diese in "jeder Hinsicht voll orchestrierte Aktion, die sich zu einem Klangdom aller Sinne steigert" (CT-Text) ein Mysterienspiel ohne Mysterium. Eine simple, wenn auch effiziente Sinnes-Überrumplung mit den Mitteln des Spektakels, in dem längst schon jeder etwaige transzendente Kern zum blubbernd Esoterischen hin weichschmolz. Keine Rückkehr zu Gott, oder dem Göttlichen. Der Ritus: ein Monolog. Das Fest: ein Therapieangebot mit Schauwert. Die über die Jahre dazu mitgereichten theoretischen Exegesen und kunstphilosophischen Exkurse können das nicht kaschieren. Anders gesagt: Ekstase mit theoretischem Unterbau bleibt auch dann noch Kopfgeburt, wenn die Körper ekstatisch zucken.

Der Grund ist simpel: "Wir verkennen die wahre Natur des Festes, weil die hinter den Riten stehenden Ereignisse mit der Zeit immer weniger sichtbar werden; die eigentliche Absicht verliert sich, das Unwesentliche verdrängt das Wesentliche" schreibt René Girard in "Das Heilige und die Gewalt". Es ist wie mit dem Weg des Dionysos, dessen Mänaden in der Ekstase Tiere und Menschen (männliche) zerrissen, bevor er vom Gott des Exzessiven zum Gott der Rebe und des Weines und schließlich zum dicklich-freundlichen Bacchus domestiziert wurde.

Interessant an Bacchus Nitsch und seinem Konstrukt vom Gesamtkunstwerk ist dabei nun, dass es auch dessen Gegner vereinnahmt: Die vorm Theater versammelte Protestgruppe von Tierschützern geben mit ihren Trillerpfeifen den chorischen Gegenpart zum Pfeifen des Zeremonienmeisters im Inneren. Die Energie der Aversion gegen Nitschs Kunst wird die Reibefläche, die die Wirkung dieser Kunst verstärkt. Es vitalisiert sie, so wie Nitsch offenbar die Tierschützer in ihrer Emphase vitalisiert, die - frei nach Girards Ausführungen zur Gruppe, die ein Opfertier als Sündenbock braucht, um ihren eigenen Zusammenhalt zu stärken - Nitsch zum Sündenbock macht. Bedauerlich daran ist, dass dezidierte Argumente gegen Nitschs Kunst kaum zum Tragen kommen. Stattdessen - wie es sich gehört für eine Orgie - viel Affekt, viel Impuls, viel Emotion. Verdrängung des Wesentlichen durch das Unwesentliche.

So kommt man nicht hinaus über Stürme im Wasserglas und im Internet. Seit dem dionysischen Fest genanntem Adieu Hartmanns und seines Ensembles am Sonntag, ist all das Geschichte. Weiß Gott nicht die schlechteste, die das Leipziger Theater erleben durfte, dem man doch sehr oft vorwarf, was Theater eigentlich auszeichnet: zu polarisieren. Und selbst wenn das oft mit viel Lärm um (fast) nichts einher ging - die Momente werden kommen, in denen man diesen Lärm vermissen wird. Er hatte so etwas schön Vitalisierendes.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.06.2013

Steffen Georgi

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