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Nach Erfolgs-Debüt „Verbrechen“ legt Ferdinand von Schirach mit „Schuld“ nach

Nach Erfolgs-Debüt „Verbrechen“ legt Ferdinand von Schirach mit „Schuld“ nach

Vor einem Jahr überraschte der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach mit seinem Erzähl-Debüt „Verbrechen“. Dafür gab es den Kleist-Preis. Das neue Buch des Autors heißt „Schuld“ – und wieder geht es in den Stories um ungeheuerliche Fälle und nachvollziehbare Katastrophen.

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Ferdinand von Schirach mit seinem Erzähl-Debüt „Verbrechen“.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Im Mittelalter war es einfacher“, schreibt von Schirach in seinem Erstling, „man bestrafte nur nach der Tat“. Wir aber „strafen nach der Schuld eines Menschen, wir fragen, in welchem Maße wir ihn für seine Handlungen verantwortlich machen können“. Es ist der Abgleich mit gesellschaftlichen Grundierungen, mit dem der Berliner Star-Anwalt auch in seinem neuen Buch die Geschichten stützt, Schicksale einordnet, die erneut an menschliche Abgründe führen und die – gesehen mit den Augen des Verteidigers – immer wieder irritieren.

„Die Dinge sind, wie sie sind“, zitiert er eingangs Aristoteles, bevor von Schirach an seinen ersten großen Fall erinnert, kurz nach dem zweiten Examen, im Gepäck das „Taschenbuch des Strafverteidigers“, in dem es heißt, Verteidigung sei Kampf, Kampf um die Rechte der Beschuldigten. Sein Anzug ist neu und die Aktentasche kaum benutzt. Die Schuldfrage stellt er nicht. Zumindest nicht die nach der „persönlichen Vorwerfbarkeit der Verletzung eines Strafgesetzes“. Auch mit dem Begriff einer moralischen Schuld lassen sich die Tragödien nicht dingfest machen.

Ihm geht es darum, ob die Beweise ausreichen für einen Haftbefehl oder die Verurteilung. Oft rät er seinen Mandanten zu schweigen. Deren Wahrheit will er gar nicht kennen. So wie bei jenem Mitglied einer Blaskapelle: Die Musikanten, „ganz normale“ Männer, allesamt mit „ordentlichen Berufen: Versicherungsvertreter, Autohausbesitzer, Handwerker“, haben bei einem Kleinstadtfest eine junge Kellnerin brutal vergewaltigt. Einer von ihnen informiert die Polizei, er ist unschuldig. Wegen der Perücken aber, der Schminke und der angeklebten Bärte kann das Opfer die Täter nicht zweifelsfrei identifizieren. Die Kapelle wurde aufgelöst, ein Prozess fand nie statt. Auf der Heimfahrt erkennt von Schirach, dass er seine Unschuld verloren hat. „Wir waren erwachsen geworden, und als wir ausstiegen, wussten wir, dass die Dinge nie wieder einfach sein würden.“

Dies ist einer von 15 Fällen, denen der Autor erzählerisch nachgeht. In einem anderen liegt ein älterer Mann, vorbestraft wegen sexueller Nötigung und Verkehr mit Minderjährigen, tot im eigenen Badezimmer; 19 Jahre später erschießt sich ein Paar am Wannsee. Ein Vertreter für Büromöbel wird wegen Kindesmissbrauchs in 24 Fällen angezeigt und verurteilt, bekennt sich aber nie zu seiner Schuld. In einem Koffer liegen Fotos von gepfählten Leichen. Eine Frau beginnt zu stehlen. Zwei kleine Drogendealer geraten in eine Orgie der Gewalt. Ein liebender Ehemann mutiert zum Sadisten. Menschen, die man zu kennen glaubt, handeln plötzlich, ohne Vorwarnung und ohne Erklärung, gegen moralische oder ethische Grundsätze und gegen das Gesetz. Und doch: Sie haben Gründe.

In einem Jungen-Internat in Süddeutschland quälen die Mitglieder einer Gruppe selbsternannter Illuminaten einen Mitschüler. „Henry gehörte zu den Unauffälligen. Er sagte die falschen Dinge, er trug die falschen Sachen, er war schlecht im Sport, und selbst bei den Computerspielen versagte er. Niemand erwartete etwas von ihm, er lief mit, es gab noch nicht einmal Witze über ihn.“ In derart  knappen Sätzen skizziert von Schirach Charaktere und Situationen.

Wir lernen Paulsberg kennen, 48 Jahre alt, Besitzer von 17 Ladengeschäften für Herrenbekleidung. Seine Frau, 36, arbeitet als Anwältin in einer internationalen Kanzlei. Seit acht Jahren sind sie verheiratet. „Die Dinge hätten gut gehen können“, heißt es. „Aber dann war da die Sache in der Hotelsauna passiert und hatte alles verändert.“

Es sind oft unscheinbare Begebenheiten, die allem eine Wendung geben, die die Normalität eskalieren lassen. Doch was ist Normalität? Wenn man tut, was man immer tat? Sagt, was man immer sagte? Will, was man immer wollte?

Das Spannende an diesen Fällen, die von Schirach aus der eigenen Arbeit kennt, jedoch verfremdet hat und neu zusammengefügt, sind die Geschichten hinter den Verbrechen, die Lebensläufe, die wohlgeübten Alltäglichkeiten, die allem vorausgingen. Wie der Autor davon erzählt, wie er umstandslos zum Wesentlichen kommt und auf jede Poesie verzichtet, das hat schon „Verbrechen“ auf Bestsellerlisten katapultiert. Dass die Schilderungen auf greifbaren Akten fußen, macht den Reiz dieser Lektüre aus. Das Ungeheuerliche, Extreme dieser Taten, wie sie nicht nur in Boulevardmagazinen Schlagzeilen machen, lässt sich mit der gleichen Hast, dem gleichen Schauder lesen wie jene Polizeimeldungen. Nur dass es von Schirach nicht um den schnellen Effekt geht, er nicht das Spektakuläre herausstreicht.

Vielmehr spürt er Schicksalen nach, porträtiert Liebende, Gescheiterte und Erfolgreiche an den Rändern der Gesellschaft – dem unteren wie dem oberen. Richter müssten das Motiv eines Angeklagten nicht kennen, um ihn verurteilen zu können, schreibt er, „aber sie wollen wissen, warum Menschen tun, was sie tun. Und nur wenn sie es verstehen, können sie den Angeklagten nach seiner Schuld bestrafen.“ Verstehen sie es nicht, fällt die Strafe übrigens fast immer höher aus.

So lakonisch der Stil, so präzise die Schlussfolgerungen. Von Schirach verteidigt auch in seinem zweiten Buch den Menschen, nicht die Tat.

Ferdinand von Schirach: Schuld. Stories.

Piper Verlag;

208 Seiten,

17.95 Euro

Janina Fleischer

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