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Nach innen gekehrte Ostergewissheit - die Johannespassion der exzellent aufgelegten Thomaner

Nach innen gekehrte Ostergewissheit - die Johannespassion der exzellent aufgelegten Thomaner

Dass von den beiden erhaltenen Passionen Johann Sebastian Bachs die nach Matthäus die kontemplative sei und die nach Johannes die dramatische, das ist einer von diesen Gemeinplätzen, die auch durch fortwährende Wiederholung die Realität nicht besser abbilden.

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Natürliche Schönheit: die exzellent aufgelegten Thomaner in der Thomaskirche

Quelle: André Kempner

Denn in der Matthäuspassion gibt es sie auch, die wuchtigen turbae-Chöre, in denen der Mob sich den Blutdurst von der Seele schreit; und die Johannes-Passion ist voll von Inseln der Besinnung, der Glaubens-Vergewisserung, der Reflexion.

Besonders deutlich ist dieser Aspekt in der flötenlosen Version, die Thomaskantor Georg Christoph Biller für gestern und vorgestern in der jeweils ausverkauften Thomaskirche ausgewählt hat. Zumal der Thomaskantor die Zurückhaltung der instrumentalen Seite dieser Passionsmusik noch betont. Schon der Beginn des Eingangschors nimmt mit verhaltenen Farben, ruhig und kraftvoll fließend, statt, we sonst so oft, bedrohlich brodelnd, die Osterbotschaft ins Visier - was dazu führt, dass man die marmornen "Herr"-Akkorde des Chors ganz anders hört. Weniger dramatisch eben, als das Klischee sie erwarten ließe. Dazu passt, dass "Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss", das am eindeutigsten lautmalerische Rezitativ der gesamten Passion, aus der Erstfassung in einer nur dreitaktigen Version überliefert ist: äußerste Beschränkung im Dienste der Botschaft.

Diese nach innen gekehrte Musizierweise macht den Zugang zum Werk nicht unbedingt leichter, und auch die Solisten tun sich bisweilen schwer mit ihr. Arien-Tenor Martin Petzold beispielsweise, der später ganz weich und sanft und innig sein "Erwäge" singt, legt in seine Arie "Ach, mein Sinn" allen Opern-Prunk hinein, dessen er fähig ist. Für sich gesehen ist das fabelhaft - im reduzierten Umfeld indes ein Fremdkörper.

Bei Billers aktueller Johannespassion fokussiert sich alles aufs Evangelium, das bei Tilman Lichdis warmem Tenor bestens aufgehoben ist, in dessen Linien Gotthold seine unprätentiös wahrhaftigen (aber in der Tiefe etwas unterbelichteten) Christus-Worte flicht. Sekundiert von grundsoliden Nebenpartien aus den Reihen des Thomanerchors und großformal gegliedert von den Arien des schlackenlos leichten Soprans der Christina Landshammer, des kraftvollen Altus Matthias Rexroth und des gediegenen Basses von Klaus Häger.

Gleichberechtigt neben die Worte des Johannesevangeliums treten in dieser Sicht der Dinge die Choräle. Hier hat Biller die Manierismen und Dogmen früherer Jahre abgestreift und lässt sie ganz selbstverständlich fließen. Die Fermaten folgen dem Inhalt, ebenso Dynamik und Artikulation. Das lässt den Klang der exzellent aufgelegten Thomaner in natürlicher Schönheit strömen und strahlen und blühen und leuchten. Überdies entwickelt der Knabenchor in den virtuosen turbae vor der Kreuzigung aus Präzision und Disziplin eine sinnliche Kraft, die im verhaltenen Umfeld noch eindringlicher wirkt. Weil sie ganz ohne Effekte an der Oberfläche auskommt.

Das Gewandhausorchester um Konzertmeister Christian Funke braucht ein wenig, bis die Farben zu leuchten beginnen. Doch zum Ende hin wird der dezente Schimmer der Streicher immer subtiler. Und spätestens in Matthias Rexroths Arie "Es ist vollbracht", worin Thomas Fritzschs Gambe in ganz nach innen gekehrter Ostergewissheit ihre Linien singt, wird die subtile Größe dieser gänzlich uneitlen Johannespassion offenbar.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.03.2013

Peter Korfmacher

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