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Narr unter Narren

Matthias Hartmann inszeniert Dostojewskis „Der Idiot“ am Dresdner Staatsschauspiel Narr unter Narren

Ex-Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann inszeniert erstmals in Sachsen und nimmt sich Dostojewskis „Der Idiot“ ohne Spielfassung zur Brust

Dresden. Googelte man bis vor kurzem die beiden Begriffe „Dresden“ und „Idiot“, lauteten die Haupttreffer Pegida-Demonstranten und randalierende Dynamo-Anhänger. Auf die Plätze verwiesen werden beide inzwischen von Matthias Hartmanns Dostojewski-Inszenierung, deren Premiere am Sonnabend im Schauspielhaus mit großem Jubel gefeiert wurde - wahrscheinlich der letzte große personelle Coup des scheidenden Intendanten Wilfried Schulz, der seinen langjährigen Weggefährten Hartmann in der Vergangenheit bereits mit Gastspielen nach Dresden locken und ihn jetzt für eine Inszenierung mit dem Hausensemble gewinnen konnte. Wie die Arbeit mit Hartmann, der sich die Spielfassung erst im Verlauf des Probenprozesses mit den Darstellern erarbeitete, konkret aussah, dürfte ein Hausgeheimnis bleiben, aber Dramaturgin Janine Ortiz spricht in ihrer kurzen Stückeinführung wohl nur halb im Scherz von „Schweiß, Blut und Tränen“. Geradezu glimpflich kommen da die Dostojewski-Puristen davon - die dreieinhalbstündige Bühnenfassung, die sich in geradezu auffälliger Manier tagesaktueller Kommentare sowie plumper Aktualisierungen enthält, ist (im Guten wie im Schlechten) ein respektabler Anwärter für die Ehrengalerie im Dostojewski-Museum, und das ist anno 2016 ja in sich fast schon wieder ein radikales Statement (und zugleich Balsam für die Seele der Dresdner Theatergänger).

Wer will, mag die abermalige Wahl eines epischen Stoffs monieren - es ist in der laufenden Spielzeit die dritte auf einem erzählerischen Stoff basierende Premiere im Staatsschauspiel, drei weitere werden bis März folgen. Allerdings geizt Dostojewskis Text (der in einigen Konstellationen bereits auf die großen Tschechow-Stücke vorausdeutet) nicht mit dramatischen Konfrontationen und eingängigen Figuren, und er gerät auch nicht viel gesprächiger als etwa Stefano Massinis überlebensgroße „Lehman Brothers“ (die sich im Februar leider bereits wieder vom Dresdner Spielplan verabschieden).

Den Beweis seiner Bühnentauglichkeit bleibt „Der Idiot“ in keinem Fall schuldig: Der verarmte Fürst Myschkin kehrt nach jahrelangem Europa-Aufenthalt in seine Heimat zurück - ein vermeintlich geheilter Epileptiker, der statt der echten Welt nur Sanatoriumsgärten kennt und der die zynische St. Petersburger Gesellschaft von Aufsteigern und Kupplern, die „kapitale Ziele“ verfolgt, mit seinem kindlich-sanften Wesen zunächst großäugig entwaffnet, bevor er in ihren Strudel der Verderbnis gerissen wird.

André Kaczmarczyk gibt den Myschkin als sanften Narren, halb Christus-Wiedergänger, halb blaublütiger Forrest Gump - „solche hat Gott der Herr lieb“, sagt man ihm nach, und Kaczmarczyks empathisch gezeichneter Protagonist, der mit dem von Selbsthass zerfressenen Rogoschin (Christian Erdmann) eine unheilvolle Allianz eingeht, gewinnt so ohne Anstrengung eine Tiefe, die nicht allen Figuren vergönnt ist.

Hartmanns Methode, die Darsteller sowohl zu Akteuren wie auch Erzählern und Kommentatoren ihres eigenen Schicksals zu machen, bürdet den Schauspielern neben vielem anderen auch eine kaum überwindliche Distanz zur eigenen Rolle auf, die eigentlich nur mit Humor zu kompensieren ist. In den erdrückenden Mauern von Johannes Schütz’ Bühnenbild (das nicht nur den freudlosen Wohnraum der ambitionierten Mittelschicht, sondern auch einen Hauch von Gummizelle signalisiert) entfaltet sich daher im ersten Teil reichlich sowjetischer Komödienstadl - ein Konversationsstück mit versoffenen bzw. unterm Pantoffel stehenden Generälen a.D. (Holger Hübner und Jan Maak) und eitlen Gecken vom Schlage des tragisch unoriginellen Ganja Iwolgin (Kilian Land).

In diesem Marionettentheater zählen gut getimte Auftritte und Abgänge; nicht zuletzt deshalb ist es auch ein Abend für die Komödianten: Philipp Lux als vom Geld berauschter Beamter Lebedjew und vor allem Rosa Enskat als leidgeprüfte Generalsgattin Jepantschina, die in Erinnerungen an ihr „nicht glanzvolles, aber immerhin altes“ Familiengeschlecht schwelgt, lösen das mit Bravour, Schwerstarbeit leisten Kaczmarczyk und vor allem Yohanna Schwertfeger als moralisches Zentrum des Stoffs: Wer ihrer vom Großgrundbesitzer Totzkij (Rainer Philippi) missbrauchten und verdorbenen Nastassja Filippowna auf einer tragischen, zum Scheitern verurteilten Suche nach Selbstachtung und Anerkennung zuschaut, erlebt eine zu Herzen gehende Sternstunde der Schauspielkunst, die inmitten des größten Tumults auch die stillsten, intensivsten Momente dieses Abends gebärt („Alle scheinen Nastassja vergessen zu haben“, hofft die als Hure Gebrandmarkte vergeblich vom Bühnenrand, als der gierige, dekadente Mob einen Haufen Geld begafft).

Nach der Pause schält sich aus dem unterhaltsamen Reigen ein mitreißendes, immer bissigeres kleines Theaterinferno - die Regie stellt ihre Kunstgriffe offensiver aus, das Ensemble tritt mit doppelbödigen Kommentaren aus den Rollen („Diese Geschichte ist gestrichen.“), und in fesselnden Szenen wird die bodenlose Korruptheit lächelnder Triebwesen und händereibender Strippenzieher freigelegt, die ihre Mätressenwirtschaft mit arrangierten Ehen und Mitgift-Kalkül zu kitten sucht, und doch statt Brautkleidern nur Totenhemden (Kostüme: Tina Kloempken) näht. Myschkin ist der göttliche Narr, der die Spielregeln dieser Schachpartie nicht kennt und arglos übers Spielbrett stolpert, die in knappen Strichen von Cathleen Baumann und Lieke Hoppe eindrücklich gezeichneten Jepantschin-Töchter bezaubert und am Schluss gerade so mit dem Leben, wenn auch nicht mit seiner geistigen Gesundheit davonkommt.

Weshalb Hartmann, der sich seinen exzellenten Ruf auch dadurch erobert hat, dass er das Theater von medial genährten Klischees befreit und den mündigen Zuschauer zur Mitarbeit verpflichtet, in einigen dramaturgischen Schlüsselmomenten auf aufdringliche Musik setzt und sicherheitshalber auf drei Seiten im Programmheft auch noch seine Interpretation des Stoffs ausbreiten muss? Es entspricht „der Ordnung der Dinge“, hätte Myschkin vielleicht gesagt. Etwas weniger auf Nummer sicher hätte man dann doch setzen dürfen - die Dresdner Seele im Januar 2016, sie hätte es ausgehalten.

nächste Aufführungen: 5., 9. und 19. Februar

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Wieland Schwanebeck

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