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„Natürliche Mängel“ – Thomas Pynchon überrascht mit einer Hippie-Detektiv-Komödie

„Natürliche Mängel“ – Thomas Pynchon überrascht mit einer Hippie-Detektiv-Komödie

Viel ist nicht bekannt über Nobelpreis-Aspirant Thomas Pynchon. Als sicher gilt, dass er 1937 in New York geboren wurde, die Öffentlichkeit scheut und dicke, meist unlesbare Romane schreibt, in denen er Namen, Orte, Zeiten wild verwirbelt.

Leipzig. Im neuen, seinem siebten Roman, „Natürliche Mängel“, ist alles anders.

Doc Sportello ist zwar nicht der größte, aber, wie er so gern sagt, auf den Kopf scheißen lasse er sich deshalb noch lange nicht. Andererseits bekommt er es vielleicht nicht immer mit, denn Doc ist meist benebelt von irgendeinem Stoff, den die Kiffer im Los Angeles der ausgehenden 60er Jahre konsumieren, wie heutzutage hippe Menschen Wasser kippen. Dieser Privatdetektiv mit Frisur- und Drogenproblemen ist wenig optimistisch und immer bereit, wieder über den Tisch gezogen zu werden.

Sein Gegenspieler, Lieutenant Bigfoot Bjornsen, zeichnet sich aus durch „beknackte Koteletten, dämlichen Schnurrbart“ und einen Haarschnitt von irgendeinem Friseur irgendwo an einem trostlosen Boulevard. Er sammelt Stacheldrahtzäune und hasst Hippies, Drogen sowie die Mörder seines Cop-Kollegen, auf die er Doc ansetzt, der davon erstmal wenig ahnt. Eigentlich schwimmt er von Anfang an im Ungewissen und kommt erst etliche Halluzinationen später zu der Erkenntnis: „Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen.“

Auf knapp 480 Seiten entwirft Pynchon eine grelle, schnelle Farce im Surfer-Hippie-Paradies, das in gewisser Weise auch bloß die Hölle ist im Auf und Ab von Vibrations und Selbsterkenntnis. „Der Umgang mit dem Hippie ist im Allgemeinen unkompliziert. Sein kindliches Wesen spricht normalerweise positiv auf Drogen, Sex und/oder Rock  ’n’ Roll an, obwohl es von den speziellen Umständen des Augenblicks abhängt, in welcher Reihenfolge diese zur Anwendung gebracht werden müssen.“ So steht es im Kapitel „Interpersonelle Situationen“ der Verfahrensvorschriften einer mysteriösen Organisation, die sich Golden Fang nennt.

Die Schwierigkeiten beginnen mit dem Auftrag von Doc Sportellos Ex-Freundin Shasta, die sich Sorgen um ihren Geliebten Mickey Wolfmann macht, einen Immobilienhai, dessen Entführung durch seine Frau und deren Geliebten sie befürchtet. Wolfmann wiederum, „streng genommen Jude, möchte aber Nazi sein“, ist gerade dabei, sein Leben in Richtung guter Mensch zu wenden, was seine Geschäftspartner nicht nur am Rad drehen lässt, sondern auch am Revolver. Dann verschwinden zwei seiner Bodyguards ...

Auf der Suche nach Wolfmann, Shasta, dem Auftragskiller Adrian, der für die Politischen zuständig ist, und, ja, auch auf der Suche nach einer grundsätzlichen Moral gerät Doc zwischen alle Fronten. Sein Weg führt durch eine Menge Bars, über die Casinos in Las Vegas sowie die Begegnung mit der Heroin-Braut Hope, die rät: „Als jemand, der diese spezielle Ausfahrt schon mal genommen hat, kann ich Ihnen sagen, dass man die Boulevards der Reue nur ein Stück weit entlangfahren kann, und dann muss man wieder rauf auf den Freeway.“

Stilistisch korrespondiert Pynchon mit den psychedelischen Farben der Zeit. Wie im Rausch surft er durch die Story – ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin, hin und wieder erwischt er eine dieser Monsterwellen, in denen sich ein Surfer geborgen fühlt „wie ein gläubiger Kirchgänger in der Hand Gottes“.

Schließlich fügt sich die Leichtigkeit der Ironie mit der Rührung angesichts wahrer Freundschaftsbeweise und der latenten Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA, der „Natürliche Mängel“ zu einem quasi historischen Roman macht. Nicht nur, weil noch immer und überall geraucht wird und Mobiltelefone keine Rolle spielen (man wartet  aufeinander auf Treppenstufen oder steigt gleich durchs Küchenfenster), sondern weil die Kulissen der Hoffnung aus der Zeit kippen. Die Vereinigten Staaten, schreibt Pynchon, sind so was wie eine Mutter, die sich zudröhnt damit, „dass sie ohne Grund Kids zum Sterben in irgendwelche Dschungel schickt. Etwas Falsches und Selbstmörderisches, mit dem sie nicht aufhören kann.“

Abgesehen von der Sehnsucht nach der Vorstellung, jemandem nicht scheißegal zu sein, dominieren der Spaß am Ungezwungenen und die literarische Unverbindlichkeit knapper Dialoge à la „Grüß dich, Doc, du siehst beschissen aus.“ – „Wünschte, ich könnte dasselbe von dir sagen, Pausbäckchen.“ Oder Film-tauglicher Pointen: „Hatten Sie vor, den Joint zu heiraten, oder wollen Sie ihn einfach nur festhalten?“ Oder Comic-hafter Beschränkung auf das Wesentliche: „Was war das Auf-dem-Wasser-Gehen anderes als Bibelsprache für Surfen?“

Mit der Zeit wachsen sie einem ans Herz, die meist paranoiden Figuren dieser Hippie-Welten: Erdgeschoss-Eddie, der über das Thema „Von derb bis dämonisch – Eyeliner als Subtext im Film“ promoviert, oder Docs Eltern, die sich einst beim größten Freiluft-Rommé-Tournier der Welt kennenlernten und gern unter anderen Namen in Motels absteigen, um Seitensprung zu spielen. Oder Souncho, der keine Folge der Nachmittagsserie „Liebe geht durch den Magen“ auslässt. Oder Coy, der in sein altes Leben zurück will. Wer es sich leisten konnte, war „eifrig damit beschäftigt, das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen.“

Den Sponti-Spruch „Unterm Pflaster liegt der Strand!“ hat Pynchon dem Roman vorangestellt. Um dann nostalgisch auf dem harten Pflaster unterm Strand zu tanzen.

Janina Fleischer

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