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Neue „Minutengeschichten“ von Oskar Maria Graf

50. Todestag Neue „Minutengeschichten“ von Oskar Maria Graf

Ein bayrisches Original sei er gewesen, ein Volksschriftsteller, Passant unterschiedlicher Zeiten, der Erkunder der Großstadt wie des Abseits. Als „Spezialist für ländliche Sachen“ hat Oskar Maria Graf sich selbst bezeichnet. Mit Ironie. Zum 50. Todestag sind seine „Minutengeschichten“ erschienen, in denen er sich als all das zeigt.

Der Schriftsteller Oskar Maria Graf (1894–1967)

Quelle: Ullstein Verlag

Leipzig. Ein „bayrisches Original“ sei er gewesen, heißt’s im Klappentext. Dazu fällt manchem womöglich Obazda ein oder eine Art Seehofer. Für den Schriftsteller Oskar Maria Graf stimmt es natürlich anders. Am 28. Juni jährt sich dessen Todestag zum 50. Mal, was Anlass ist für den Ullstein Verlag, der auch die Graf-Werkausgabe herausgibt, dessen „Minutengeschichten“ zu veröffentlichen. Einige davon erscheinen zum ersten Mal, und neben diesem einen Dutzend Texten aus dem Nachlass stehen jene, die zum großen Teil schon in ihrer Entstehungszeit den Weg in Zeitschriften und Sammelbände fanden.

Nach Gedichten in der expressionistischen Zeitschrift „Aktion“ wurde seine erste Erzählung 1915 in der anarchistischen „Die freie Straße“ gedruckt – mitten im Ersten Weltkrieg, kurz bevor Graf sich dem Wehrdienst entzog und in einer Irrenanstalt unterkam. Auf der Flucht war er vorher schon: vor dem gewalttätigen Bruder. So dass es Oskar Maria Graf, der am 27. Juli 1894 in Berg am Starnberger See als neuntes von elf Kindern geboren wurde, von dort und aus der familieneigenen Bäckerei nach München in die Boheme und anarchistische Kreise verschlug.

„Spezialist für ländliche Sachen“

Er lebte als Vagabund im Tessin, zog für eine Zeit zu den Lebensreformern auf den Monte Verità in Ascona, sympathisierte 1918 mit der Räterepublik, arbeitete als Dramaturg. Und immer hat er geschrieben. Ein literarischer Erfolg wurde 1927 seine Autobiographie „Wir sind Gefangene“. 1933 protestierte Graf gegen die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten, die ihn auf die Ausbürgerungsliste setzten. Er ging ins Exil, kam über Wien, Brünn und die Niederlande nach New York, wo er am 28. Juni 1967 mit 72 Jahren starb.

Zurückkehren wollte er weder in den einen noch in den anderen Teil Deutschlands. Sein Grab ist auf dem Alten Bogenhausener Friedhof in München, ein Denkmal in seinem Geburtsort zeigt ihn in Lederhosen und mit Hut – so wie auch ein Foto aus dem Jahr 1958 vom ersten Deutschlandbesuch nach dem Krieg. 1964 wurde Graf zum „korrespondierenden Mitglied der Akademie der Künste der DDR“ ernannt und mit der Ehrengabe und Goldmedaille der Stadt München ausgezeichnet.

Einen Volksschriftsteller „der Sache und Methode nach“ nennt ihn das Lexikon, als Provinzschriftsteller bezeichnete er sich selbst, als „Spezialist für ländliche Sachen“. Natürlich nicht ohne Selbstironie. „Alles was ich niederschreibe, habe ich dem Stoff nach aus den Gerichtssälen, von Begebnissen, die ganz kurz und lakonisch in der Zeitung standen, viel haben mir Freunde erzählt.“

Erkunder des Abseits

Oskar Maria Graf ist „der Passant unterschiedlicher Zeiten, der Erkunder der Großstadt wie des Abseits geblieben, der literarische Bote verschiedener Welten“, schreibt Wilfried F. Schoeller im Nachwort der „Minutengeschichten“. Graf erweise in seinem Werk ein unverbrauchtes Bildgedächtnis für abgeschiedene Lebensverhältnisse und Sprecharten. Gerade der Vertriebene „bewahrte für sich den Umriss von Herkunft und Heimat“. Schoeller sieht ihn als „Sonderfall an Mut und Geradlinigkeit. Er war immer mehr, als er von sich behauptete.“

Der Glaube an das Menschliche im Menschen sei ihm rausgeprügelt worden, schrieb Graf. Dass der Mitmensch dazu ermutigt wird, in sich zu schauen und so zu einer Verträglichkeit mit seiner Umwelt zu kommen, „war einzig und allein der Sinn meines Schaffens und Wirkens“.

Die rund 60 „Minutengeschichten“ sind Episoden, Skizzen, Miniaturen aus Erlebtem und Beobachtetem. Sie sind Ausdruck eines bayrischen Humors, den Graf selbst eingangs zu erklären versucht, der sich „bis in unsere eigentümlich störrische Sprechart“ hineinzieht. Bayrischen Humor gibt es zweierlei: „d e n, über welchen wir Eingesessenen lachen, und j e n e n, den die Fremden an uns belachen. Der erstere beruht auf unserer scheinbaren Unlogik und auf der Langsamkeit im Begreifen. Bei der Beurteilung des letzteren bin ich nicht kompetent ...“. Dann serviert er Beispiele. Sie erinnern an den heutigen Gerhard Polt oder auch Karl Valentin. An jenen Humor nämlich, dem das Krachlederne abgeht, der die Sprache als Instrument einsetzt, als Transportmittel, unmittelbar und lebensklug, kurz: Humor, der aus dem Herzen steigt. Und manchmal auch dorthin hinab.

Wopfner-Wigg aus Huglfing

In der Geschichte „Uniformen ohne Vaterland“ spitzt Graf die Flexibilität eines Uniformhändlers zu, dessen Erfahrung mit der Moral aufstiegsfreudiger Offiziere der Autor mit den Sorgen eines Grabsteinfabrikanten kurzschließt.

In „Der Spucknapf“ erzählt er die Geschichte des Wopfner-Wiggl, den es aus Huglfing nach München verschlägt, der aber noch nie in einer Stadt gewesen ist und sich also nicht auskennt damit, dass man im Wirtshaus dort nicht auf den Boden spuckt. Daher droht er dem Kellner, der ihm den Spucknapf, „Haferl“ genannt, immer wieder an die Seite schiebt: „Sie, Herr? Jetzt wenn Sie dös Haferl net boi wegstelln, nachher speib i Eahna fei pfeilgrod eini, daß Sie’s wissen!“

Auch Graf war klug genug, das Mundartliche nicht für dumm zu halten. Im Zweifel klärt ein kurzes Glossar Begriffe wie Dardottaling (Eidotter), Kirta (Kirchweih) oder Matz (durchtriebenes Luder). Immer geht es ihm um das Allzumenschliche, das kleine Beispiel für das Größere, das im Konkreten sich zeigt. Es ließe sich auch sagen: Schwächen waren seine Stärke, und Oskar Maria Graf hat sie zu Literatur gemacht.

Oskar Maria Graf: Minutengeschichten. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Wilfried F. Schoeller. Ullstein; 240 Seiten, 16,99 Euro

Von Janina Fleischer

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