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Neuland und Oldtimer

Leipziger Buchmesse Neuland und Oldtimer

Ein Fest für 25 Jahre, ein Buch für 15 Minuten und die Ironie der Geschichte auf der Leipziger Buchmesse. Zur Halbzeit gab es mit 75 000 Gästen ein Besucherplus.

Posieren für die Kamera: Die Buchmesse ist auch ein Fest für Cosplayer.

Quelle: dpa

Leipzig. „Vorsichtig zurückführen! Nicht einfach nur fallenlassen, bitte.“ Am Stand des Museums für Druckkunst in der Messehalle 3 können die Besucher an der Boston-Tiegelpresse mit ein, zwei Handgriffen eine Osterkarte bedrucken und Rot auf Weiß nach Hause tragen. Eine Besucherin aber geht zu rabiat vor. Zwei Hammerschläge und ein Fluch sind nötig, die Farbrollen wieder an ihrem Platz zu fixieren. Auch die Linotype-Zeilensetzmaschine ist empfindlicher, als sie wirkt. Museumstechniker Reiko Stoye spricht über die Linotype wie ein Autofreund über seinen Oldtimer. Der Stand der Leipziger ist wie nebenan der des Gutenberg Museums Mainz dicht umlagert. Vielleicht, weil man hier nachvollziehen kann, wie etwas entsteht.

„Neuland 2.0“ soll auch der Hammer sein, selbstredend auf andere Weise. Hinter dem semimodernen Begriff stehen ein Kickertisch und gut ein Dutzend Startup-Unternehmen mit „frischen Ideen für die Buch- und Medienbranche“, die Freitag und Samstag in Halle 5 Projekte vorstellen, die in diesem Moment nur auf Bildschirmen existieren. Robyn Kerkhof wischt auf dem Tablet durch die App Blinkist, auf der wöchentlich zwölf Sachbücher vorgestellt werden, das heißt in einem Überblick zusammengefasst, dessen Lektüre nur 15 Minuten in Anspruch nimmt.

Zigarette

Zigarette? Geht. Im Pfeifenladen im Peterssteinweg. Hier liest David Gray aus seinem Buch „Kanakenblues“.

Quelle: dpa

400 000 Nutzer habe die App in Deutschland und den USA, und es seien keine Schüler, die Hausaufgaben optimieren wollen. Dass sich manch einer für den Party-Smalltalk Halbwissen ins Kurzzeitgedächtnis lädt, schließt Kerkhof nicht aus. Etwa 30 Prozent kaufen danach das Buch, sagt sie, die seit einem Jahr bei Blinkist ist und am „Startup-Village Neuland“ auch schätzt, mit anderen Teilnehmern in Kontakt zu kommen.

Ein Kontakt, der unter anderem „Pitch Time“ heißt, was bedeutet, auf dem Podium gegeneinander anzutreten. „Internationaler Book Pitch“ wiederum wird eine andere Neuerung genannt, bei der Autoren aus ganz Europa jeweils fünf Minuten Zeit haben, Lektoren von ihrem Buchprojekt zu überzeugen. Und zwar ohne Bohlen-Jury. Ebenfalls neu ist der „Thementag Manga & Comic“ in der Stadtbibliothek, der sich am Samstag von 10 bis 14 Uhr an Einsteiger richtet. Fortgeschrittene sind schon seit Donnerstag bei der Manga Comic-Con vor und in der Halle 1 und sowieso überall auf dem Messegelände nicht zu übersehen. Beim Karneval der Kreaturen fallen viele Mädchen mit Bartschatten auf, was der Gender-Diskussion eine völlig neue Richtung geben könnte.

Warum nicht auch mal Botschaften transportieren

Warum nicht auch mal Botschaften transportieren.

Quelle: dpa-Zentralbild

Gar nicht neu ist, dass Christian Anders irgendwo liest, vielleicht wohnt er ja inzwischen in einer der Messehallen. Auch der Eulenspiegel Verlag bleibt sich treu und stattet die Besucher mit seinen Tragetaschen aus, um Botschaften zu transportieren. Motiv des Jahres 2016: „Alternativlos“, dazu die Merkel-Raute. Da greifen nicht nur tausende Schüler gern zu. Die haben überdies elf Thementouren zur Auswahl mit den Schwerpunkten „Musik auf den Ohren“ oder „Selfpublishing“ und „Entdecke Wissenschaft und Technik“.

Manche spielen auch nur Ball (draußen) oder Skat (drinnen) oder begeben sich selbstständig auf die Thementour „Schöner sitzen“. Auch da gibt es einiges zu entdecken. Kann der fußmüde Gast von Traversen auf das Gewusel herabblicken oder am israelischen Stand in weißen Sesseln versinken, lädt das Holzmöbel bei „Cicero“ geradezu dazu ein, mal auf den Tisch zu hauen. Zurück zum Buch geht es bei der Präsentation des „Lesestuhls“, einer Kombination aus Pult und Bank – nicht ohne Halterung für ein Glas Wein. So lässt sich’s lesen.

Mehr noch als selbst wird in diesen Tagen vorgelesen. Zum 25. Mal. Mit leuchtenden Augen erzählt Ruth Geiger vom Diogenes Verlag, wie sie 1991 zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse und beim ersten „Leipzig liest“ dabei war, welche Aufbruchstimmung damals herrschte und wie „eine Gruppe von Leuten mit Leidenschaft ein Ziel hatte und das durchgesetzte hat“. Sie erinnert sich, dass Diogenes-Krimiautorin Ingrid Noll in der Alten Handelsbörse las:„vor der strickenden Oma mit den Enkeln“. Der Verlag ist diesmal unter anderem mit Bestsellerautor Benedict Wells angereist, der am Samstag in der Schaubühne Lindenfels „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt.

Christoph Hein wird ironisch

Zum Jubiläum gab’s gleich am ersten Abend ein Fest in der Kongreßhalle am Zoo – mit Guntram Vesper, frisch dekoriert mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, Clemens Meyer, Christoph Hein und Poetry Slammern. Schon allein für Heins Erklärung des deutsch-deutschen Traumaspiels, das ihn von der Zensorin Löffler („Horns Ende“) zur Literaturkritikerin Löffler („Glückskind mit Vater“) führt, hat sich der Besuch gelohnt.

An Hein als Meister der Ironie erinnert am Freitag Christoph Dieckmann im Forum „Die Unabhängigen“ bei der Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an den Ch. Links Verlag, einen, wie er sagt, „Wirklichkeitsverlag“, der „seit 25 Jahren mit großer Konsequenz und ohne Scheu vor brisanten Themen die Deutschen in Wort und Bild mit ihrer jüngeren Geschichte und gegenwärtigen Rolle in der Weltgesellschaft konfrontiert“. In seiner Laudatio verweist Dieckmann auf den X. DDR-Schriftstellerkongress, auf dem Christoph Hein 1987 die staatliche Zensur schmähte und den selbstgefälligen Begriff vom „Leseland“ ironisierte.„Das Lesen sei in der DDR nicht mehr und nicht weniger üblich als in anderen Ländern. ,Es werden hier jedoch weitaus mehr (…) Bücher gelesen. Die korrekte Bezeichnung wäre also: Buchleseland.“

Hörstation in der Glashalle

Hörstation in der Glashalle.

Quelle: dpa

Leipzig hört zu. Zum Beispiel Mohammed. Der hat im November 2015 beschlossen, Aleppo zu verlassen. Mohammed hat in seinem früheren Leben als Anwalt Verträge juristisch geprüft – von syrischen Firmen, die Waren aus Deutschland importieren.Dann wurde sein Haus von Bomben getroffen, einmal, zweimal, ein drittes Mal. „Politik geht mich nichts an“, sagt Mohammed, „wir haben unser Land geliebt und wollen einfach in Frieden leben.“ Im Moment ist sein Zuhause die Notunterkunft des DRK hinter der Neuen Messe. Zunächst waren im September quasi über Nacht Asylsuchende in Halle 4 untergebracht worden. Da war Mohammed noch in Aleppo. Die Halle steht inzwischen der Messe wieder zur Verfügung, in diesen Tagen finden dort Lesungen und Gespräche statt, am Traduki-Stand zum Beispiel heißt es „Fatamorgana Europa?“, im „Café Europa“ wird nach „Rückkehr der Religionen?“ gefragt.

Mohammeds Stimme ist in der Glashalle zu hören, gleich hinter dem Eingang an einer der Hörstationen, mit denen der Themenschwerpunkt „Europa21“ einen „Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen“ schafft. Der sieht in diesem Fall aus wie ein halbes Raumschiff. Ein Teil entführt in fremde Welten, ein Teil bleibt hier.

Von Janina Fleischer

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