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„Nibelungen“ amüsieren bei den Academixern

Premiere am Sonntagabend „Nibelungen“ amüsieren bei den Academixern

Am Sonntag feierte bei den Academixern „Nibelungen“ Premiere – erste Produktion im Jahr des 50-jährigen Bestehens des Kabaretts. Volker Insel führt Regie bei dem Stück, bei dem sich acht Darsteller auf der Bühne tummeln. Faszinierend, dass der Abend sowohl als Kabarett-Coup wie auch als reiner Spaß interpretiert werden kann...

Ein großer Spaß wie auch eine Parabel: „Nibelungen“ bei den Academixern.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit der Wahrheit ist das so eine Sache, denn es gibt sie immer im Plural, auch in der Kunst. Premierengäste, die am Sonntagabend „Nibelungen – ein Beitrag zur Rettung der abendländischen Kultur“ bei den Academixern erlebt haben, könnten von einem Theaterstück sprechen, das enorm unterhalten, aber wenig mit Kabarett zu tun hat. Andere wiederum dürften zu dem Schluss kommen, dass neben allem Spaß der Umgang mit Hebbels Vorlage das Parabelhafte für die Niederträchtigkeit der Mechanismen im Politikbetrieb der Gegenwart ausgearbeitet hat. Schon allein, dass Volker Insels Inszenierung beide Sichtweisen nebeneinander existieren lässt, macht diese „Nibelungen“ zu etwas Besonderem.

Es gibt noch ein paar andere Gründe. Die pfiffige Art der Nabelschau zum Beispiel: In der ersten Produktion des Jubiläumsjahrs gehen die Academixer ironisch-kritisch mit Zutaten um, die inzwischen dem Kabarett untergemischt werden. Da fällt dieser Satz, es sei „egal, was wir spielen, Hauptsache, die Leute lachen“. Ein weit verbreitetes und fatales Selbstverständnis des Genres, an dem auch viele Kabaretts eine Aktie haben – auch die Leipziger, auch die Academixer. Dass Gunter Böhnke zurückgepfiffen wird, als er mit „Kommt ne Frau zum Arzt“ zum Witzeerzählen ansetzt, wirkt wie ein Versprechen auf Besserung. Dass Peter Treuner nicht in Eberhard-Esche-Manier Michalkows „Der Hase im Rausch“ deklamieren darf, kann man als Vorsatz verstehen, trotz des Geburtstags auf Best-of-Fantasielosigkeit zu verzichten. Ausgerechnet in der Schatzkammer dieses Klassikers heißt die Botschaft: Olle Kamellen haben hier nichts zu suchen.

Natürlich benutzt Insel das Stück nicht zuletzt, um Schabernack über das urgermanische Trauerspiel zu kübeln. Siegfried (herrlich: Ralf Bärwolff) hat so gar nichts Heroisches, sondern wirkt ein wenig wie Otto Waalkes, der sich bei Hebbel verirrt hat. Jens Eulenberger hadert als Volker mit seiner Stotterei, Katrin Hart als Ute ist das brav-naive Mütterchen, Barbara Trommer (Frigga) muffelt und knurrt. Sie liefern ebenso wie Elisabeth Hart (outete sich als schwanger), Carolin Fischer (feierte zur Premiere 42. Geburtstag), Peter Treuner und Gunter Böhnke eine spielerisch bemerkenswerte Vorstellung, mit spürbarem Spaß an dem, was sie da oben oder zwischen den Zuschauern tun. Das gilt auch für Jörg Leistner, der vom Piano aus Ansagen macht und Streifzüge durch die Landschaft berühmter Melodien unternimmt.



Der Wettkampf zwischen Brunhild und Gunter wird zum Sportspektakel im Zentralstadion, markig kommentiert von Eulenberger, Bonnie Tylers „I Need A Hero“ wird passend umgedichtet, dazu flimmern Helden wie Che Guevera, Rambo und Sigmund Jähn links und rechts neben der Bühne. Obwohl das Programm aus 80 Prozent Originaltext besteht, ist also eine Menge Raum für Sperenzchen – typisch für Volker Insels Umgang mit Komödien – witzig und nie peinlich, mit einem Humor in der Transitzone zwischen Olaf Schuberts Krippenspiel und Parodien aus der Bullyparade.

Zwischendurch genehmigen sich die Darsteller kabarettistische Aussteiger, in denen sie über die Rolle der Frau nachdenken, über Gier und Klimaerwärmung oder über das Verhängnisvolle der Nibelungentreue an Beispielen aus der Nazizeit oder der Starrköpfigkeit eines Vollhorsts namens Seehofer.

Kurzweilig fliegt dieser Ensembleabend dahin, bis Siegfried in nicht enden wollendem Todeskampf verröchelt. Der Zuschauer hat die Wahl: Tatsächlich kann man meinen, es ginge nicht um mehr. Andererseits lässt sich die Geschichte um Verrat, Lügen, Korruption und Macht problemlos ins Reichstagsgebäude übertragen, in dem sich die Wiedergänger Hagens, Siegfrieds oder Brunhilds belauern. Insel und die Academixer liefern Kabarett, und sie liefern es nicht. Das ist die Wahrheit, und zwar die absolute.

Nächste „Nibelungen“ vom 19. bis 21. Februar; Karten unter Telefon 0341 21787878 und www.academixer.com.

Von Mark Daniel

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