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Nicht zuckerfrei: An der Oper Leipzig tanzt der „Nussknacker“

Ballett-Premiere Nicht zuckerfrei: An der Oper Leipzig tanzt der „Nussknacker“

In den Supermärkten gibt es längst schon wieder Spekulatius und Lebkuchen. In der Oper Leipzig feierte am herrlich spätsommerlichen Samstag Peter Tschaikowskis „Nussknacker“-Ballett in der Choreograhie von Jean-Philippe Dury vor ausverkauftem Haus Premiere.

Expeditionen ins Innere einer Pralinenschachtel beziehungsweise ins Land der Zuckerfee.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Dass Begehren durch Absenz entsteht, ist ein psychologischer Fakt, der unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet ein Problem mit sich bringt: Absenz allein schafft keinen ökonomischen Mehrwert. Weshalb dann wohl nicht nur Supermärkte längst schon wieder Spekulatius und Lebkuchen anbieten, sondern auch die Oper Leipzig am herrlich spätsommerlichen Samstag die neue Spielzeit gleich mit ihrer diesjährigen Weihnachtsbäckerei eröffnete: Peter Tschaikowskis „Nussknacker“-Ballett (Choreograhie: Jean-Philippe Dury) ließ vor ausverkauftem Haus für heimelige zwei Stunden nicht nur die Schneeflöckchen tanzen.

Nun kann man es drehen und wenden wie man will: Tschaikowskis „Nussknacker“ ist eine recht zuckrige Angelegenheit. Und als solche ein gutes Stück entfernt von dem, was E.T.A. Hoffmanns literarische Vorlage „Nussknacker und Mäusekönig“ darstellt. Nämlich eine mit durchaus grotesk-dämonischen Zügen versehene Phantasmagorie, die sich ihrerseits der Neigung des Autors zu einschlägig berauschenden Opium-Extrakten mindestens mit verdankt.

Hoffmannsches Seelendunkel

Züge, die indes sowohl in der Bearbeitung der Novelle durch Alexandre Dumas d.Ä. gut zwei Jahrzehnte nach Hoffmanns Tod, vor allem aber in deren Adaption durch Tschaikowski, bestenfalls unterschwellig erkennbar sind, weil sie ausgesprochen effizient domestiziert (überzuckert) wurden. Der Erfolg freilich gab dieser Form laxer Werktreue (die eben kein modernes Phänomen ist) recht. Tschaikowskis Ballett gehört zu den populärsten Werken des Komponisten. Bis heute ein weihnachtliches Muss, bei dem sich eventuell nur eine Frage stellen mag: Ob und wenn ja wie, die jeweilige Inszenierung etwas von jenem Zug Hoffmannschen Seelendunkels zurück ans Bühnenlicht holt.

Welches dann in Durys Choreographie, nachdem der geschickt Schneefall suggerierende Vorhang sich geöffnet hat, dank Kaminfeuer und Weihnachstern auf großen Christbaum, so kuschlig strahlt und flackert, dass man es sofort als inszenatorische Programmatik begreift. Ganz klar, dieser „Nussknacker“ wird aus weitgehend traditionell bekömmlichen Zutaten gebacken. Kleine Auffrischungen schließt das nicht aus. Dynamik, szenischen Einfallsreichtum und einen guten Blick für choreographische Details auch nicht.

Insbesondere im 1. Akt ist das dicht gestreut. Also bei jener Weihnachtsabendzusammenkunft der Familie Silberhaus, die Dury atmosphärisch in Szene zu setzen weiß. In einer hier (noch) ganz herrschaftlichen Kulisse, der die mit Blick aufs 19. Jahrhundert geschneiderten Kostüme in fast schon naturalistischer Manier entsprechen (Bühne: Yoko Seyama, Kostüme: Aleksandar Noshpal).

Reizvolles Sittenbild

Wozu passt, dass Dury dem Gewusel von Kindern und Erwachsenen bei aller choreographischen Stilisierung, eine einnehmende Natürlichkeit zu bewahren weiß. Darin durchaus auch ein reizvolles Sittenbild zeigend, inklusive der sich nach und nach mit Champagner abfüllenden Gouvernante, deren zunehmend trunkenes „Tänzeln“ Romy Avemarg zum kleinen Kabinettstück werden lässt.

Gelungen auch, wie sich dann Schlag Mitternacht dieses ganze Kulisse in Luft auflöst – das heißt, in die Luft entschwebt und somit hin in jenen Traumtanz, den die kleine Clara, hier noch mit dem ihr zuvor geschenkten Nussknacker fest im Arm auf einem überdimensionierten Sessel liegend, bald selbst durchtanzen soll. Eine tatsächlich traumhafte Szene, angesichts derer man anstandslos hinnimmt, dass der garstiger Nussknacker die Clara bald als fescher Prinz zum Pas de deux auffordert.

Was zum gegebenen Zeitpunkt Madoka Ishikawa und David Iglesias Gonzalez auch bestens meistern. Wie hier überhaupt tänzerisch bestens gemeistert wird: Der Mäusekönig (Kiyonobu Negishi) zeigt seine Begehrlichkeiten in geschmeidiger Gefährlichkeit – wenn auch mit einer eher an einen kariösen Nasenbär erinnernden Maske. Die Schneekönigin (Stéphanie Zsitva-Gerbal) wirbelt anmutig, und die Zuckerfee (Yoojin Jang) trippelt ebenso .

Klein geraspelte Nüsschen

Das röchelt hier nie in jener Sterilität, die mancher Ballettpurist ja immer noch als technische Akkuratesse begreift- wogt dann allerdings solistisch, wie auch in den zahlreichen Gruppendarbietungen zunehmend auf den choreographisch allzu harmonischen Wogen der Ausgewogenheit. Das gilt selbst für die gelegentlichen Hip-Hop-Moves (eine der erwähnten Auffrischungen), die hier wie klein geraspelte Nüsschen in warmer Schokolade aufscheinen.

Und – man möge verzeihen, dass ständig die kulinarische Metapher strapaziert wird – aber die Reise führt nun mal ins Land der Zuckerfee, das auf der Opernbühne im fraglichen zweiten Teil dann auch noch wie das Innere einer Pralinenschachtel anmutet. Und um auch dafür noch im semantischen Feld zu bleiben: Dass das Gewandhausorchester (Leitung: Christoph Gedschold) Tschaikowskis Musik so süffig wie warme Schokolade kredenzt, war zu erwarten. Wie wenig zuckrig, wie leicht und elegant das zugleich aber anklingen kann, ist schon faszinierend.

Weitere Aufführungen u. a. am 3., 30. Oktober; 25. November; 8., 11., 21., 26. 28. Dezember; Tickets: 0341 1261261

Von Steffen Georgi

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