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Nightwish zelebrieren ihren Symphonic Metal in der Arena Leipzig

Emotionaler Tsunami Nightwish zelebrieren ihren Symphonic Metal in der Arena Leipzig

Sie sind die Innovatoren des Symphonic Metal und weltweit als Genre-Leittiere akzeptiert. Ihre Show ist akribisch durchinszeniert, viel Wert wird auf Pyro-Effekte gelegt. Doch Nightwish sind keine Marionetten ihrer Show. Vor 5000 Fans in der Arena Leipzig sorgten sie am Montagabend für einen emotionalen Höhepunkt nach dem anderen.

Emotionale Höhepunkte: Nightwish in der Arena Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein perfekt geschnürtes Weihnachtspaket skandinavischen Schwermetalls der anspruchsvollen Legierungen in der Arena. Die Altmeister Amorphis überzeugen, sind aber zu leise gemischt. Arch Enemy toben sich mit beinhartem Melodic Death Metal aus. Doch die meisten warten an diesem Montagabend auf Nightwish. Die finnischen Innovatoren (nicht Erfinder) des Symphonic Metal sind längst weltweit als Genre-Leittiere akzeptiert. Wie es sich gehört, ist ihre Show akribisch durchinszeniert, viel Wert wird auf Pyro-Effekte gelegt. Aber das ist kein Rammstein-Niveau, hier sind die Musiker noch nicht zu Marionetten eines Effekt-Spektakels degradiert. Es herrscht im Gegenteil eine gewisse Lockerheit auf der Bühne. Sympathieträger ist traditionell der Senior Marco Hietala, der mit seinem unvergleichlich knochentrockenem Bass beweist, dass auch tiefste Töne schmerzen können. Neuzugang Troy Donockley, ein Brite, führt sich mit einem launigen Lob auf den Leipziger Weihnachtsmarkt und der Gefährlichkeit des dort ausgeschenkten Glühweins ein.

Der Gitarrist verspielt sich nie

Vor allem sorgt er mit seinen Uillean Pipes für schöne Klang-Akzente. Gitarrist Emppu Vuorinen treibt gelegentlich Schabernack, wirkt allerdings auf weite Strecken etwas unbeteiligt. Er scheint ein wenig betrunken. Was keine Auswirkungen auf seine Leistung am Instrument hat, der Mann verspielt sich nie. Unnahbar am linken Flügel hinter einer Batterie aus Keyboards der Kopf des Unternehmens: Tuomas Holopainen schreibt (fast) alle Songs, bestimmt den Klang und unnachgiebig die Richtung. Seine überbordende Fantasie, die Kreativität, das alles zu Tönen und vielschichtigen Arrangements gerinnen zu lassen, macht diese Band aus. Er weiß das und alle anderen auch: Der Chef führt auf der Bühne ein introvertiertes Eigenleben.

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Die finnische Band Nightwish hat am Montagabend in der Arena Leipzig einen emotionalen Tsunami aufgetürmt. Sehen Sie hier Bilder vom Konzert.

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Die zentrale Frage der Fans ist, inwieweit sich die neue Sängerin, die Holländerin Floor Jansen, mit der kultisch verehrten ersten Frontfrau Tarja Turunen messen lassen würde. Die hatte mit ihrem operngeschulten Strahl-Sopran den Nightwish-Klang maßgeblich geprägt. Gefühlt zweieinhalb ästhetisch proportionierte Meter hoch, mit einer schon dadurch atemberaubender Präsenz, assoziiert ihr Erscheinen auf der Bühne eine Märchenmutation: Die dunkle Königin und die fünf Zwerge. Jansen ist stimmlich eher im Rock´n Roll-kompatiblen, kräftigen Alt zu Hause. Bei den frühen Nummern wechselt sie jedoch in den Sopran und kommt damit erstaunlich weit. Nur gelegentlich setzen vokale Presswehen ein.

Gänsehautwellen im Publikum

Der Schwerpunkt des Konzertes liegt auf den drei Post-Tarja-Alben. Deren Stücke kommen meist etwas direkter auf den Punkt. Bei Nummern wie „Alpenglow“ demonstriert Holopainen, wie er bleischwere Riffs mittels dynamischer Melodiefiguren zum Abheben und schwerelosem Tanz bringen kann. Doch das ist dem Meister zu wenig. Im zweiten Konzertdrittel, nachdem mit dem wunderbaren „Nemo“ vom „Once“-Album eine Rückbesinnung auf große Zeiten eingeläutet ward, wagt er mit „Ghost Love Store“ einen der komplexesten, artifiziellsten und dramatischsten Zehnminüter, der je im Heavy Metal geschmiedet wurde. In voller Länge und Schönheit. Im fünftausendköpfigen Publikum breiten sich Gänsehautwellen aus und türmen sich zum emotionalen Tsunami.

Doch Holopainen hat noch immer nicht genug. Nach kurzer Verschnaufpause mit einem poppigen Song jüngeren Baujahrs setzt er gnadenlos an der Stelle, wo gewöhnlich die Stimmung zum ausgelassenen Finale getrieben wird, zum programmatischen „The Greatest Show On Earth“ an. Ein zwanzig Minuten langes Bekenntniswerk, eingeleitet von einem epischen Intro aus Piano und Gitarre, schwer verschachtelt und von Grenzen auslotender dynamischer Breite. Die Video-Wände, bis dahin Stimmungen in Fantasy-Manier zeigend, präsentieren nun dokumentarische Bilder: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Genese des Menschen von der Entwicklung erster Lebensformen bis zum vermeintlichen Höhepunkt der Gattung und schließlich um ihre Selbstzerstörung. Am Schluss erklingt in einem wuchtigen Chor die letzte lapidare Botschaft des homo sapiens an spätere Lebensformen: „We were here“. Schwer beeindruckend, hoch verstörend. Wenige Unentwegte brüllen nach Zugabe. Die meisten wissen: Da kann nichts mehr kommen. Nightwish hinterlassen die Menge gleichermaßen euphorisiert und nachdenklich. Große Pop-Art.

Von Lars Schmidt

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