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Nimmerland ist abgebrannt: Bitterkomisches „Peter Pan Syndrom“ im Westflügel

Premiere Nimmerland ist abgebrannt: Bitterkomisches „Peter Pan Syndrom“ im Westflügel

Für Männer, die sich angeblich weigern, erwachsen zu werden, hält die Psychotherapie die Diagnose bereit, am „Peter-Pan-Syndrom“ zu leiden. Am Lindenfels Westflügel steuern nun Spieler Henry Sargeant und Regisseur Stefan Wenzel ein sehr gelungenes Stück zum Thema bei.

Henry Sargeant als therapeutischer Showmaster, der sich allmählich im vermeintlichen Krankheitsbild verliert, das er eigentlich wegtherapieren will.

Quelle: Dana Sinaida Ersing

Leipzig. „Irgendwo tief in mir“, so trällert es bekanntermaßen ein großer Barde deutscher Zunge, „bin ich ein Kind geblieben.“ Was unter bestimmten Blickwinkeln dem Eingeständnis eines psychischen Defizits gleichkommen mag. Peter-Pan-Syndrom nennt sich selbiges und was es so anrichtet, kann man jetzt im Westflügel recht anschaulich erleben. Stefan Wenzel brachte dort als sein Regiedebüt „Das Peter Pan Syndrom“ auf die Bühne. Am Donnerstag war Premiere.

Doch bevor auf die gleich ein Blick geworfen wird, gilt es erst mal einen ins Kladden-Regal psychologischer Terminologie zu richten. In dem platziert sich, irgendwo neben illustren Persönlichkeitsstörungen wie Dorian-Gray-Syndrom (grob: die Nichtakzeptanz des eigenen Alterns) und Cinderella-Komplex (grob: Angst der Frauen vor Selbstständigkeit), auch das Peter-Pan-Syndrom, kurz PPS. Dessen Entdeckung verdankt die Welt dem amerikanischen Familientherapeuten Dan Kiley, der mit der Chuzpe des geschäftstüchtigen Populärwissenschaftlers den betroffenen Männern einen akkurat aufgeschlüsselten Defizitkatalog attestierte, welcher von mangelnder Verantwortungsbereitschaft über Angstlatenz zu Narzissmus und Chauvinismus reicht. Dazu, dass Doc Kiley aus J.M. Barries „Peter Pan“ nicht nur besagtes Syndrom herleitete, sondern auch aus Peters Freundin Wendy frohgemut ein „Wendy-Dilemma“ (grob: die Angst der Frauen, sie selbst zu sein) häkelte, gleich noch etwas.

Aber jetzt erst einmal zu Henry Sargeant. Auf der Bühne des Westflügels unternimmt der nämlich eine Reise in die Enklave des ewig Kindlichen, also ins männlich-seelische Nimmerland. Dafür gilt es, eine Fee zu fangen, was in einer Mischung aus Heimtücke und Grobheit auch gelingt, sich mit dem Flügelstaub des Flatterwesens zu beschmieren und so selbst gen Nimmerland davon zu flattern.

Das Wendy-Dilemma

Was in „Peter Pan Syndrom“ insgesamt erst einmal als kauziger Gaudi mit einigen wirklich schönen Spielideen über die Bühne geht. Neben der Tinkerbell-Jagd wird da etwa noch mit einer Gießkanne ein Mikrophonständer zum Wachsen gebracht, gibt es eine wuschelige Wunderbox mit Utensilien für (männliche) Reifetests wie Krawatte binden, Seilspringen, Lippen schminken oder Mundharmonika spielen. Ein Ritt auf einer Wunderkerze zu McCartneys „Live and Let Die“ ist genauso möglich wie die frivole Kapitän-Hook-Travestie. Oder eine wirklich fantastisch gelungene Metamorphose Sargeants zum „mächtigen Urwesen“, das erst durchs Publikum wuselt und dann von diesem mit vorher verteilten Nerf-Guns beschossen werden darf.

Dass das nicht frei von Albernheit ist, ist klar und gut so. Täuscht aber gottlob nicht darüber hinweg, dass dieses Spiel eines bitterkomischer Tragik ist. Sargeant verliert sich in seiner Rolle als „therapeutischer Showmaster“ gekonnt in dem, was er eigentlich therapieren will. Das heißt auch, die wegtherapierte (kindliche, oder auch kindische) Phantasie rächt sich, in dem die Therapie selbst zur Phantasie gerät. Einer, die den Mann als Schattenmarionette im Reich der Schatten-Syndrome hübsch hampeln lässt.

Nimmerland ist abgebrannt. Und Therapie ist Entertainment. Oder Theater. Gutes, im Falle von „Peter Pan Syndrom“. Zumindest bis zum „Wendy-Dilemma“. Zu dessen auch dramaturgisch nicht wirklich zwingender Aufbereitung bemüht sich die Inszenierung im letzten Viertel ebenfalls noch. Was ihr nicht gleich zum Dilemma gerät, aber doch ein wenig bemüht wirkt, wenn Sargeant in Tüll, blonder Perücke und zur selbstbetätigten Lachmaschine jene Standard- Hipp­ness und Heiterkeit verbreitet, auf die sonst eher Stadttheater das Copyright haben. Ein finales, szenisches Trudeln, nach einigen schönen Höhenflügen.

Erneut Freitag und Samstag, je 20 Uhr, Lindenfels Westflügel (Hähnelstraße 27), Eintritt 12/8 Euro

Von Steffen Georgi

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