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Nina Hagen veröffentlicht ein Gospelalbum und findet ihren "Personal Jesus"

Nina Hagen veröffentlicht ein Gospelalbum und findet ihren "Personal Jesus"

Berlin. Nach Guru-Babaji und Ufos hat Nina Hagen die Christin und ihre Liebe zu Jesus in sich wieder entdeckt. Anlass genug, ein inspiriertes Gospelalbum aufzunehmen.

. "Personal Jesus" ist ein starkes Comeback für die oft so schrille Sängerin.

Das Plattencover von Nina Hagen - mit Punkfrisur und der Zigarette lässig im Mundwinkel - gehörte früher ins WG-Zimmer wie der Flokati. „Du hast den Farbfilm vergessen" ist ein Klassiker aus ihrer DDR-Zeit. Im rotzigen Berliner Ton sang sie „TV-Glotzer" oder „Bahnhof Zoo" und war „Unbeschreiblich weiblich". Nina Hagens Stimme ist opernreif. Auch international hat die Sängerin viele Fans. Davon können deutsche Musiker meist nur träumen. Nach vielen Flops bringt sie nun ein reinrassiges Gospel- und Country-Album heraus - ein überraschendes, ein großes Comeback.

Minikonzert mit Gitarre

Schlagzeilen machte die Stieftochter von Wolf Biermann nach ihrem legendären West-Debüt „Nina Hagen Band" (1978) vor allem mit provokanten Auftritten in Fernsehshows, wegen junger Lover, ihrer Indienphase, oder weil sie an UFOs glaubte. Jetzt ist Nina Hagen 55 Jahre alt und schlägt einen neuen Haken. Das in Los Angeles aufgenommene Album „Personal Jesus" (Koch/Universal) ist vielleicht nicht ganz so kirchentagstauglich wie ein ähnliches Projekt der Deutschrock-Veteranin Inga Rumpf vor einigen Jahren. Dafür hat die Platte - nach langer Zeit mal wieder für Nina Hagen - durchaus Hit-Chancen, und sie begeistert Pop-Kritiker. Die Albumvorstellung in Berlin war ein echtes Nina-Hagen- Happening. Im neongrünen Minikleid, mit Federpuschel auf dem Kopf und Lackstiefeln an den Füßen, rauschte sie in die Parochialkirche. Dann setzte sich die Sängerin auf den Steinboden und gab zur Freude der bäuchlings liegenden Fotografen mit Gitarre ein Minikonzert. „Wir sind das Volk", rief sie zwischendurch. Irgendwie Punk sein und christlicher Glaube, das passt für Nina Hagen zusammen. Die Musikerin hatte sich voriges Jahr in der evangelisch-reformierten Gemeinde im niedersächsischen Schüttorf taufen lassen. „Meine Beziehung zum Christentum fing schon früh an, in der DDR. Ich bin schon damals sonntags heimlich mit einer Freundin in die Kirche bei uns um die Ecke gegangen", erzählte Hagen auf der Leipziger Buchmesse, wo sie im März ihre Autobiografie „Bekenntnisse" vorstellte. Sie mag es allerdings nicht, dass sie stets gefragt wird, ob sie katholisch oder evangelisch getauft wurde. „Ich bin christlich getauft. Das muss reichen!"

Virtuos, aber nicht immer geschmackssicher

Als Kind hatte Nina Hagen in der Plattensammlung ihrer Mutter, der Schauspielerin Eva Maria Hagen, Gospelstar Mahalia Jackson entdeckt. Auch Elvis Presley hat sie inspiriert. „Personal Jesus", der Titelsong des neuen Albums, ist freilich kein traditioneller Song, sondern die Coverversion eines Depeche-Mode-Hits aus den 90ern. Sie interpretiert das Lied ganz anders als vor einigen Jahren der große Johnny Cash ý weniger brüchig und zweifelnd, dafür sinnlich und mit tiefschwarzer Stimme, auf den Spuren echter Soul-Sängerinnen wie Aretha Franklin oder Candi Staton. Gottesglaube, schwerer Blues, Cajun-Klänge, Country-Fiedel und Mundharmonika: Wer die Platte hört, kann sich dazu gut eine Autofahrt durch den „Bible Belt", den frommen Süden der USA ausmalen. Das Folk- Traditional „Nobody's Fault But Mine" oder „Down At The Cross" schwellen mit inbrünstigem Chorgesang zu Gospel-Hymnen an, die man sich gut in einer alten Holzkirche am Mississippi vorstellen kann. Zugute kommt Nina Hagen nach vielen Produktions-Fehlgriffen die sensible Hand von Paul Roessler. Er gestattet der virtuosen, aber eben nicht immer geschmackssicheren Sängerin diesmal kein exaltiertes Geknödel. Nur in „God's Radar" und der Presley-Schnulze „Help Me" lässt Nina Hagen das „Rrrrr" in typischer Manier rollen, ansonsten spart sie sich fast alle Manierismen. Ganz wunderbar gelingt ihre Version des alten linken Kampfliedes „All You Fascists Bound To Lose" von Woody Guthrie/Billy Bragg. Und wenn sie in „Mean Old World" mal krächzt wie Tom Waits und wenig später schnurrt wie Tina Turner, kann man nur noch den Hut ziehen vor der gläubigen Ex-Punk-Lady.

Caroline Bock und Werner Herpell, dpa

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