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Nur noch knapp drei Monate Mischhaus

Ende der Kulturoase in Stötteritz naht Nur noch knapp drei Monate Mischhaus

Seit 28 Jahren gehört das Mischhaus fest zum Leipziger Stadtteil Stötteritz – als Ort für Literatur, bildende Kunst, Musik und mehr. Ende Oktober ist nun Schluss: Der neue Eigentümer lässt das Haus zwecks Neubebauung abreißen. Am Samstag wird die letzte Ausstellung im idyllischen Mischhaus-Garten eröffnet.

Die Ungezwungenheit des Mischhauses: Elmar Schenkel (l.) und Steffen Birnbaum im Hinterhof.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Die Abschiede fangen schon an. Es ist früher Dienstagabend, als Wolfram Lotz an Steffen Birnbaum die Schlüssel zum Arbeitszimmer übergibt, das er rund ein Jahr lang genutzt hat. Dazu drückt der mehrfach preisdekorierte Dramatiker, Lyriker und Hörspielautor dem Hausherrn fast ein wenig schüchtern sein Buch „Drei Stücke“ in die Hand – mit freundlicher Widmung. Birnbaum ist gerührt. Ein weiterer Hinweis darauf, dass es bald vorbei ist: Ende Oktober, nach 28 Jahren, macht das Mischhaus im Leipziger Stadtteil Stötteritz dicht. Dem Abriss soll der Neubau von Wohneinheiten folgen.

Die bräunlich-triste Außenansicht des Gebäudes in der Breslauer Straße mag aus ästhetischer Sicht den Abschied leicht machen. Doch der Schein trügt ganz und gar: Drinnen offenbaren gedrechseltes Holzgeländer oder fachwerkartige Zimmerbalken ein knapp
100-jähriges Kleinod, aus dem der Schriftsteller und Herausgeber Birnbaum (58) mit Mitstreitern seit 1988 einen zauberhaft urigen Ort für Kultur gemacht hat. Zahlreiche Lesungen hat es hier gegeben, Konzerte, Flohmarkt, Ausstellungen, auch mal Theater. Der Bau beherbergt die Edition Mischhaus, Gästewohnungen und die Galerie von Elmar Schenkel.

Ein Anlaufpunkt für Macher wie für Besucher, der inspiriert durch seine Ungezwungenheit und Idylle – vor allem durch den Garten mit kleinem Springbrunnen, einer Boule-Bahn, verschatteten Sitzecken. „Schon sehr traurig, dass es bald vorbei ist“, befindet Birnbaum, der hier auch wohnt und nun gezwungen ist, sich andere vier Wände zu suchen.

Weil in den vergangenen Jahren andere Einrichtungen im Stadtteil schlossen, hat das Mischhaus weiter an Bedeutung gewonnen. Längst das Kulturprogramm eingestellt haben die Scheune Stötteritz und die Margerite; vor vier Jahren war Schluss mit Günther Huniats Freiluftgalerie, die sich zum Baugrundstück wandelte. Im Mischhaus trifft sich seit fünf Jahren die Stötteritzer Kulturrunde, um kreative Angebote zu bündeln, Veranstaltungen zu kreieren – zur Belebung und kulturellen Aufwertung des im Volksmund „Strietz“ genannten Ortsteils.

Vor einem Jahr verkaufte der Münchner Eigentümer das Objekt an die Sigma Investitions GmbH; Pächter Birnbaum – auch Landes-Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller – wurde über die neuen Pläne und die Kündigung im Oktober 2016 informiert. Genug Vorlauf also, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, diesen Tummelplatz für verschiedene Kunstformen aufgeben zu müssen. Wohl auch deshalb wirken der Autor und Elmar Schenkel gefasst. Der Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig ist gerade dazugekommen, um wie gewohnt nach seiner Arbeit im Uni-Institut für Anglistik zu malen. Sein Raum ist vollgestellt und -gehängt von farbkräftiger Malerei. Die jüngsten Motive: das Mischhaus. Abschied auf Acryl. „So lange das Haus steht, nutze ich es, um es auf diese Art festzuhalten“, sagt der 63-Jährige, der für die Zeit nach Oktober im Gohliser Budde-Haus eine Lagermöglichkeit für seine Bilder gefunden hat.

Als einer von zwölf Künstlern ist Schenkel beteiligt an der letzten Ausstellung im Mischhaus-Garten, die Samstag eröffnet wird. Am 2. September soll die Abschiedsparty steigen, bei der die Leipziger Band Reitler spielt; acht Tage später gibt’s noch einmal den beliebten Flohmarkt.

Und dann? Will man es künstlerisch ausdrücken, hängt momentan eine Installation aus Fragezeichen in Birnbaums Kopf. Das zur Wohnungssuche bildet das größte. Und ob es einen Mischhaus-Nachfolger geben wird, ist ebenfalls offen. „So etwas wie hier noch einmal aufzubauen, kostet viel Kraft“, sagt er, „ich weiß ich nicht, ob ich die habe.“

Eröffnung „Parcours 2017“ am Samstag um 18 Uhr mit Arbeiten von zwölf Künstlern und Musik von David Franke. Öffnungszeiten Mi und Fr 16-20 Uhr und nach Vereinbarung unter 0163 8200899; www.mischhaus.de.

Von Mark Daniel

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