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Odyssee der Liebenden – Ein neuer John-Irving-Roman ist erschieden

Odyssee der Liebenden – Ein neuer John-Irving-Roman ist erschieden

Dieser zwölfte Roman des US-Amerikaners John Irving liest sich wie die Essenz aller vorangegangenen, deren bekanntester ist wohl „Garp und wie er die Welt sah“.

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Links: Der US-amerikanische Bestsellerautor auf der Berlinale (Archivfoto aus dem Jahr 2007). Rechts: as Cover seines aktuelle werkes.

Quelle: dpa PR Diogenes Verlag

Leipzig. Er führt sie zusammen: die Bären, die Ringer, die starken Frauen, die Politik seines Landes und Helden, die zeitlebens auf der Suche sind. „Letzte Nacht in Twisted River“ ist ein drastisches Buch von den Möglichkeiten der Liebe und der Unmöglichkeit, dem Schmerz zu entfliehen.

Irving schreibt, so sagt er, stets zuerst den Schluss, um dann sein Panorama zu entwerfen. Hier ist am Ende die „Bilanz in Sachen Hoffnung“ ausbaufähig: „Er hatte viel verloren, was ihm lieb gewesen war, doch Danny wusste, dass Geschichten Wunder waren – sie ließen sich nicht einfach aufhalten.“ Bestseller-Autor Daniel „Danny“ Baciagalupo ist eine von drei Hauptfiguren. Hinzu kommen sein Vater Dominic und Ketchum, ein Gefährte aus  Twisted River, New Hampshire, wo der Roman einsetzt und einiges endet. 50 Jahre vergehen auf diesen 730 Seiten, die nach Massachusetts führen, Iowa, Vermont und schließlich Toronto, Kanada. Es ist dies die Geschichte einer Flucht.

Im Jahr 1954 passiert es, dass der zwölfjährige Daniel seine Lieblingsbabysitterin, Indianer-Jane, mit einem Bären verwechselt und unter Zuhilfenahme einer gusseisernen Pfanne erschlägt. Das würde eigentlich in einem Holzfällercamp wie Twisted River, wo niemand optimistisch genug ist, Apfelbäume zu pflanzen, kaum Aufregung verursachen.

In dieser Wildnis bleibt keiner unversehrt an Leib und Seele. Hier sprechen alle davon wegzugehen – und bleiben doch. Vielleicht, weil das Bleiben schon Abenteuer genug ist. Für Vater Dominic, den Koch, genannt Cookie, gleicht das Leben einem gnadenlos in die Länge gezogenen Abbüßen einer Sünde, er gibt sich die Schuld am Tod seiner geliebten Frau Rosie. In der Dining Lodge versorgt er die Flößer, Sägewerksarbeiter und Holzfäller der Umgebung, seine fleischlosen Pizzen (freitags für die Katholiken) und gefüllten Brathähnchen sind legendär. Unglücklicherweise nur war die nun tote Jane die Lebensgefährtin des schießfreudigen Hilfssheriffs Carl. Also starten Vater und Sohn den 1952er Pontiac Kombi und ziehen fort. Nach Boston, um der Mutter eines verunglückten jungen Flößers die Todesnachricht zu überbringen. Sie bleiben viele Jahre.

Schon bis hierhin hat Irving zahlreiche Schleifen gedreht und Bezüge hergestellt, hat Biographien erzählt, vorgegriffen und Fährten gelegt. „Man braucht Disziplin und Technik“, hat der 68-Jährige mal über den Zusammenhang von Schreiben und Ringen gesagt. Man müsse auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner. Er umkreist seinen Stoff, der von Vätern und Söhnen handelt, von Söhnen und Sorge, Sorge und Liebe, Liebe und Verlust, Verlust und Trost, Trost  und Alkohol, Alkohol und Frauen, Frauen und Kochen, Kochen und Patriotismus, Patriotismus und Krieg. Eins führt zum andern und alles zusammen in die Katastrophe. Die kann Cookie nicht mehr überraschen, vielmehr ist sie für ihn eine Abfolge von Unfällen, Schicksal sowieso.

Sein Sohn wird in Boston erwachsen und zum Autor. Irving reflektiert auch in diesem Roman mit autobiographischer Ambition: „Vielleicht trug dieser Moment der Sprachlosigkeit dazu bei, dass Daniel Baciagalupo Schriftsteller wurde. Diese Momente, in denen man weiß, dass man etwas sagen sollte, einem die richtigen Worte aber nicht einfallen – als Schriftsteller kann man diesen Momenten nicht genug Bedeutung beimessen.“ Zeitlebens wird er, der allen Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, seine Erlebnisse schreibend verarbeiten, wird in seinen Phantasien immer das Kind sein, ein Mensch mit Ängsten, dass ihm nahestehenden Personen etwas zustoßen könnte. Er solle kühner sein, wird Ketchum ihm raten, das Unangenehme nicht aussparen, seine Nase in die schlimmsten Ecken stecken und sich alles vorstellen. „Wir sind eine Lost Nation, Danny. Hör auf, deine Zeit zu verplempern.“

Dieser Ketchum ist ein Untergangsprophet und Trinker, der spät erst Lesen und Schreiben lernt und auch nur, um mit Cookie und Daniel in Verbindung zu bleiben (und natürlich, um dessen Bücher zu lesen), ein Maschinenstürmer, der sich immerhin ein Faxgerät anschafft, ein Hitzkopf, der keiner Schlägerei aus dem Wege geht. Mit 83 Jahren noch verbessert er in einem Tae-Kwon-Do-Studio seine Tritttechnik. Einer seiner Lieblingssprüche: „Lass dir deswegen keine krummen Eier wachsen.“ Über sein „Arschloch-Land“ schimpft er: „Ihm gelingt’s immer irgendwie, etwas Billiges teuer zu machen und dabei etlichen Kerlen die Arbeitsplätze wegzunehmen.“ Ketchum ist in seiner rauen Zuneigung der am eindrücklichsten gezeichnete Charakter des Romans. Fast 50 Jahre lang versucht er, Dominic, Daniel und dann auch dessen Sohn Joe vor Hilfssheriff Carl zu beschützen, der ihnen immer wieder auf der Spur ist – trotz Namensänderungen und wiederholten Wohnortwechsels. Da Daniel Ängste, Verluste und Schmerz in seinen Romanen verarbeitet, schreibt er schließlich genau an dem, was wir gerade lesen.

Irving erzählt die Geschichte(n) der drei Männer mit Freude am drastischen Detail und Aufmerksamkeit für ihre Schwächen. Lässt er zeitweise den Faden locker, gerät das Bild schnell grobmaschig. Ohne zu zögern führt er Figuren ein, die zu erzählen haben, was der Handlung dient. Nicht nur nebenbei ist dies auch ein Buch übers Kochen (in Cookies Restaurants) oder die richtige Musik im falschen Moment (sowie umgekehrt). Und selbst in den Passagen, in denen es um nicht weniger als Schuld geht, unterhält Irving mit bodenständiger Komik. Wer durchhält, wird belohnt mit schönen Augenblicken.

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag; 732 Seiten; 26,90 Euro.

Janina Fleischer

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