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Offene Türen, freie Gedanken: Drei neue Ausstellungen im Grassimuseum

Reformationsjubiläum Offene Türen, freie Gedanken: Drei neue Ausstellungen im Grassimuseum

Gleich drei neue Ausstellungen im Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst führen zwischen das Bekannte und Unbekannte, Himmel und Hölle, Museumsbesuch und Meditation. Es geht um Luthers Wirkung auf die Kunst, Räume für Besinnung – und Türgriffe.

Begehbare Installation von Corina Forthuber: Museumsdirektor Olaf Thormann in der Ausstellung „Gedanken Raum geben“.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich.“ Gleich drei neue Ausstellungen im Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst führen zwischen das Bekannte und Unbekannte, Himmel und Hölle, Museumsbesuch und Meditation – und verweisen höchst unterschiedlich auf den Satz des englischen Romantikers William Blake, den einst die Band The Doors bei der Namensgebung hinzugezogen haben will. Drei neue Präsentationen auf einmal, das sei ein Novum in der Geschichte des Museums, sagte gestern Direktor Olaf Thormann am Rande der Pressekonferenz. Zwei davon verweisen auf das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr.

An die Grenze zwischen Außen und Innen geht es eher profan in der Orangerie. „Begreifbare Baukunst, über die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur“ heißt die aus 30 Stelen und Erläuterungstafeln bestehende Schau, die jenen Gegenstand in den Mittelpunkt rückt, den der Mensch zumeist eher beiläufig beim Eintritt in ein Haus berührt. Vom „ersten Griff in eine neue Welt“ spricht Wolfgang Reul von der Firma FSB mit Sitz im ostwestfälischen Brakel, einem traditionsreichen Hersteller von Klinken, Tür- und Fensterbeschlägen, mit dem die Ausstellung konzipiert wurde.

Architektur in Miniaturform: Türgriffe

Das klingt schon wieder spirituell, nicht nur angesichts Le Corbusiers bronzenen Stoßgriffs für die 1950 bis 1955 wiederaufgebaute Kapelle Notre-Dame-du-Haut im nordfranzösischen Ronchamp. Zu sehen sind darüber hinaus Türöffner von Karl Friedrich Schinkels drehbarem Griff für Schloss Charlottenhof in Potsdam aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu jenem, den das Leipziger Architekturbüro Schulz und Schulz für die in diesem Jahr fertiggestellte Berufliche Oberschule in Regensburg entwarf. Große Gestalter haben sich an diesem Gegenstand abgearbeitet. Architektur in Miniaturform ist etwa von Otto Wagner, Paul Behrens, Walter Gropius oder Jasper Morrison zu sehen – und auch anzufassen.

Ausgestellte Türgriffe führ(t)en zum Beispiel in den Palast der Republik (Heinz Graffunder), in die Neue Nationalgalerie Berlin (Ludwig Mies van der Rohe), in den Kanzler-Bungalow in Bonn (Sep Ruf), in die Wiesbadener Henkell-Sektkellerei (Paul Bonatz) oder in die neue Berliner Hauptzentrale des Bundesnachrichtendienstes (Jan Kleihues). Nur aus einem rechtwinklig abgeknickten Stab besteht Ludwig Wittgensteins Türdrücker für das Palais Stonborough-Wittgenstein. Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen – nicht immer sind die Anforderungen des Gestalters Otl Aicher an einen guten Türdrücker erfüllt.

Türöffner in neue Welten: Martin Luther

Manchmal ist es allerdings gut, wenn eine Pforte zubleibt, wie die der Schlosskirche in Wittenberg, an die am 31. Oktober 1517 ein gewisser Martin Luther angeblich eigenhändig seine Thesen nagelte – und damit die Tür in eine neue geistige und geistliche Welt öffnete. Um die künstlerischen Reflexe von Luthers Wirken geht es in „Gottes Werk und Wort vor Augen. Kunst im Kontext der Reformation“ – eine Ausstellung in der Ausstellung, werden hier doch bereits vorhandene Exponate im Rundgang „Antike bis Historismus“ neu beleuchtet und um einige bisher nicht gezeigte Stücke ergänzt. Rote Informationstafeln und ein deutsch-englischsprachiger Katalog führen tiefgründig ins Thema.

Vielleicht nicht jeder wusste, dass der Ablassprediger Johannes Tetzel, gegen dessen Treiben Luther in seinen 95 Thesen hauptsächlich zu Felde zog, lange Zeit in Leipzig, im Dominikanerkloster St. Pauli, lebte. Von dort, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt eine Wandfliese mit Jesu Antlitz, die 1909 angekauft werden konnte. Viele Fragen offen seien beim „Zwickauer Altar“ von Peter Breuer (um 1502/1504), wie Thomas Rudi, Kurator für Historische Sammlungen im Grassi erläutert. So falle die plastische Gestaltung der männlichen Figuren aus dem Rahmen. Stammen sie womöglich aus der Werkstatt Tilmann Riemenschneiders in Würzburg? Wurde der gesamte Altar vor den reformatorischen Bilderstürmern in Sicherheit gebracht? Hier ist noch viel zu klären. Unter anderem Lutherische Propaganda – etwa die Holzschnitte „Das Mönchskalb“ oder „Der Papstesel“ nach Lucas Cranach d. Ä. – sind bis Neujahr 2018 zu sehen, ebenso ein im 18. Jahrhundert in China mit einem Lutherporträt bemalter Porzellanteller und Erinnerungen an das für Hitlers Krieg eingeschmolzene Reformationsdenkmal, das bis 1942 auf dem Johannisplatz stand.

Der umstrittene Reformator ist auch Inspirator der dritten Ausstellung, für die zwölf Künstler Räume für Besinnung, Rückzug und Meditation gestaltet haben. Ihr Motto „Gedanken Raum geben“ entstammt einem Brief Luthers. Gleich am Anfang mahnt der „Zeitparcours“ von Sophia und Franziska Hoffmann mit zwölf alten Uhren vom Hauptbahnhof in Frankfurt am Main, die auf Vorder- und Rückseite insgesamt 24 Zeitzonen erzeugen. Wenn man ganz leise ist, kann man die Taktgeber hören.

Rauschen der Wellen

Ruhe braucht man hier. Und Zeit, eigentlich Stunden. Man kann dem Rauschen der Wellen zuhören wie in Cornelia Friederike Müllers Installation „Brandung“. Wasser, Sounds und geheimnisvolle Bilder vermischen sich in Barbara Falkners und Daniel Hubers „Floating Thoughts“. Begehbar ist die Arbeit „Bellevue“ von Corina Forthuber, in der man sich ganz eigene Bilder machen kann. Die Gedanken, sie finden hier tatsächlich Räume und Welten, ob auf Osmar Ostens „Weltteppich“ oder in Héctor Solaris Videoprojektion und Klangsinstallation „Diesseits“.

Dagmar Varady spielt auf Luthers Stress mit dem Teufel an, aber eigentlich geht es um den Zweifel an Mythen, die bis heute wirken und Touristen anziehen sollen. Auf der Wartburg, so eine weitere Legende, soll der Reformator ein Tintenfass nach Satan geworfen haben. Als Zar Peter der Große 1712 auch in Wittenberg eine ähnliche Kleckserei sieht, merkt er skeptisch an: „Es kann sein, die Tinte ist aber neu.“ Diesen Satz hat Varady in sieben Sprachen Weiß auf Blau gedruckt und auf sieben, jeweils 60 Kilo schweren Stapeln verteilt – als eine Art Flugschrift im Reformationsland, wie sie erklärt. Die Blätter abzureißen und mitzunehmen, ist ausdrücklich erwünscht. Ein durchaus reformatorischer Ansatz.

Gottes Werk und Wort vor Augen – Kunst im Kontext der Reformation (bis 1.1. 2018); Gedanken Raum geben. Künstler gestalten Räume für Besinnung (bis 28.5. 2017); Begreifbare Baukunst: Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur (bis 14.5. 2017); Grassimuseum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5–11; Di–So 10–18 Uhr; Erwachsene 8/5,50/4 Euro, bis 18 Jahre frei

Von Jürgen Kleindienst

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