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Olaf Schubert über seine Kunstfigur, Frauke Petry und die Funktion von Humor

„Der gedankliche Hüftschwung“ Olaf Schubert über seine Kunstfigur, Frauke Petry und die Funktion von Humor

„Passt mal auf, ihr macht jetzt gefälligst, was ihr wollt, oder ich drehe durch.“ - Olaf Schubert sprach im Interview mit der LVZ über seine Kunstfigur, seinen Pullunder und Politik.

Politik und Pullunder: LVZ im Gespräch mit Olaf Schubert. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Leipzig. Herr Schubert, wir sitzen hier beim Interview und Sie haben gar keinen Pullunder an. Brauchen Sie den gar nicht für die Verwandlung in die Figur Olaf Schubert?

Ich habe ihn zumindest heimlich drunter.

Wie sieht man den Alltag als Olaf Schubert? Ist in Ihren Augen jede Situation, jeder Moment tauglich für eine Pointe?

Wenn man die Welt kritisch analysiert, im Endeffekt ja. Ob der Gag oder die Pointe dann immer gelingt, angebracht und notwendig ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Was heißt angebracht?

Da gibt es unterschiedliche Parameter: geschmacklich, inhaltlich, sozial ...

Gibt es zum Beispiel Witze, die Sie aus moralischen Gründen nicht machen?

Man muss niemandem wehtun, wenn es nur um des Schmerzens willen ist. Es sei denn, derjenige hat es verdient. Eine innere Selbstzensur, die wäre bei mir eher geschmacklich, sinnlich ...

Erinnern Sie sich an eine Situation, wo Sie mit einem Witz jemanden verletzt haben?

Jemandem mit Witzen wehzutun geht natürlich immer am besten, wenn zwischen Witz-Opfer und dem Witze-Ausübenden eine gewisse Distanz ist. Je größer die Entfernung, desto größer der Mut. Das ist ja leider eine oft vorhandene, niedere Eigenschaft.

Eine Eigenschaft, die auch Sie haben?

Ich fürchte ja.

Was genau ist Humor für Sie?

Keine Ahnung. Darüber mache ich mir keine Gedanken.

Der Autor und Komiker Heinz Strunk zum Beispiel sagt, Humor sei eine Antwort auf Melancholie, um eben diese zu überwinden.

Also, es gibt da bestimmt auch noch zehn andere, genauso intelligente Erklärungen. Ich habe leider keine Humordefinition. Vielleicht eine technische: Es wird eine Erwartungshaltung geschaffen, die man dann möglichst originell bricht, auflöst, in andere Zusammenhänge setzt. Das ist wie eine mathematische Beweisführung: Zwei plus Zwei ist Vier, weil .... Na ja, ist ja nicht so wichtig. Jeder lacht einfach irgendworüber. Oder auch nicht.

Welche Funktion erfüllen Sie als Humorist in der Gesellschaft?

Ich sehe mich nicht als Humorist, ich bin eher der Weltverbesserer, der Überbringer einer Botschaft, der Vergewaltiger des Bösen. Der Mittler zwischen Kunst und Sozialabbau, das will ich sein. Und wenn man damit jemanden erreicht, wenn irgendjemand sein Ohr öffnet und es vielleicht sogar noch tiefer hineingleiten lässt in den Habitus – also, mehr kann man nicht erreichen.

Humor kann die Welt verbessern?

Das weiß ich nicht. Man kann nur anbieten – was daraus wird, liegt beim Rezipienten.

Was bieten Sie an – ausschließlich Unterhaltung?

Natürlich nicht. Man bekommt bei mir Unterhaltung plus optionalen Bonus ... Nennen wir es „Berufsbild Unterhalter mit fortführender Qualifikation zum ....“ – Tja, zum was eigentlich? Nein, eigentlich doch nur Unterhaltung.

Sie haben auch einen Kinofilm gedreht, „Schubert in Love“. Ist das überhaupt ein Film?

Ich habe jetzt einen Trailer gesehen und dachte: Mensch, sieht aus wie ein Kinofilm. Er hat einen Anfang, ein Thema, eine Durchführung, ein Ende und eine Reprise. Er erfüllt alle Kriterien eines Filmes und ist Unterhaltung. Ich hoffe gute.

Sind Sie denn nun wirklich Vater geworden – oder ist das nur eine Erfindung für den Film?

Ich bin auch Vater. Und im Film wird der steinige Pfad des Bemühens, einer zu werden, nachempfunden. Die Fiktion ist natürlich immer ein bisschen blumiger als die schnöde Realität des Alltags.

Worauf kommt es Ihnen bei der Erziehung an?

Das Wichtigste ist, dass die Kinder machen, was sie wollen. Sobald das nicht der Fall ist, heißt es bei mir sofort: „Passt mal auf, ihr macht jetzt gefälligst, was ihr wollt, oder ich drehe durch.“

Im Film gibt es eine Demonstration, auf den Straßen Dresdens zwischen Befürwortern von ordentlichem und von unordentlichem Geschlechtsverkehr. Warum hat man nicht die realen Probleme, die es in Ihrer Heimatstadt ja tatsächlich gibt, angepackt?

Das ist die Abstraktion dessen. Auf einer vielleicht nicht mal überhöhten Ebene. Und ein bisschen albern. Es wollen sich ja alle irgendwelche Systeme erschaffen, politische Strömungen wollen Strukturen. Die Gruppe der „Afik“ steht für bunt und tolerant und die anderen repräsentieren das Trübe, Hermetische, Konservative, das „wir haben das immer schon so gemacht, das war gut, das bleibt so“. Die haben Angst vor dem Neuen, davor, dass ihnen was weggenommen wird. Und die Angst entlädt sich dann. Ausbaden müssen es dann meistens diejenigen, die neu ins System reinkommen.

Setzen Sie sich als prominenter Sachse gegen Fremdenhass und rechte Gewalt ein?

In meinem Bühnenprogramm nimmt das mittlerweile einen ziemlich großen Teil ein. Nicht den ganzen Abend, aber man wird ja drauf angesprochen. Logisch. Da wird gefragt: Was ist da bei euch los? – Und Olaf kommentiert das dann aus seiner Sicht.

Im Film treffen Sie viele Frauen zum Kennenlernen. Hätten Sie in der Realität lieber ein Date mit Frauke Petry oder mit Sahra Wagenknecht?

Oh. (überlegt) Ich bin ja jetzt Gott sei Dank schon vergeben. Aber wenn ... ich glaube, dann doch lieber mit Frauke Petry. Das wäre für mich interessanter zu erfahren: Was? Wie? Warum? Was will sie? Warum will sie das und wie will sie das? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Date mit Frau Wagenknecht mir nicht so viel Neues offenbaren würde, weil mir ihre Vorstellungen bekannter sind, gelernter.

Sie waren mehrmals Gast in der Sendung „Die Anstalt“, die oft Aufklärungsarbeit leistet, zum Beispiel über die von Deutschland nicht geleisteten Reparationszahlungen an Griechenland. Im Vergleich dazu besteht Ihr Programm nur aus Kalauern. Ist Ihnen das nicht zu wenig?

Nein. Ich bin jetzt nicht der mit den Fakten. Mir liegt eher die Abstraktion, die Umleitung, der gedankliche Hüftschwung, mal von links überholen, mal von unten gucken ... Bei Zahlen und zu vielen Daten habe ich schon früher in der Schule automatisch abgeschaltet.

In der Öffentlichkeit kann man mit Ihnen nur als Kunstfigur sprechen. Warum eigentlich?

Das Private ist bei mir so langweilig, dass es nicht mal mich interessiert. Da habe ich nichts zu melden.

Das Interview führte Jakob Buhre.

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