Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Olaf Schubert und Kumpane mit ihrem 18. Krippenspiel auf dem Leipziger Sportcampus

Olaf Schubert und Kumpane mit ihrem 18. Krippenspiel auf dem Leipziger Sportcampus

Alle Jahre wieder gehört Olaf Schuberts Krippenspiel in den Leipziger Advent wie der gelb-grün-schwarz-rote Rautenpullunder zum Jesus-Darsteller. Diesmal versucht sich der Heiland als Filmemacher.

Voriger Artikel
Quatschen, tratschen, intrigieren - Brigitte Kronauer mit neuem Roman
Nächster Artikel
Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 10. September: "Oh, wir haben warten gelernt!"

Jesus dreht einen Erotikfilm, das Leipziger Publikum johlt vor Lachen: Szene aus Olaf Schuberts Krippenspiel

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die 500 Plätze im größten Sportcampus-Hörsaal sind von Samstag bis Dienstag erwartungsgemäß vier Mal in Folge ausverkauft.

Einer muss den Job ja machen. Seit 20 Jahren eilen die Heiligen Drei Könige jedem Stern hinterher: auf der Suche nach dem "gesalbten Probanden, ihm himself". Die zunehmende Verzweiflung der morgenländischen Weisen lässt sich bestens mit den Plänen des ambitionierten Schauspielers Jesus Christus vereinbaren. In der heimischen Sendeanstalt bastelt er ohnehin an einer Neuverfilmung des Alten Testaments, einem Neuen Testament ergo, Arbeitstitel "Jesus Christus - Stirb langsam". Die finale Szene einer "Kreuzigung in 3D" steht bereits im Skript.

"Schalomikowski!", begrüßt er die müden Reisenden und verwandelt zwar nicht Wasser in Wein, jedoch "Ur-Krostitzer in Bier". Die Aussicht, "noch vor halb elf auf der A14" zu sein (Richtung Dresden vermutlich), wenn sie eben Jesus als Heiland hinnehmen, versetzt die Könige in Hochstimmung. Der Kandidat wirkt weniger euphorisch, aber "innerlich oxidiere ich vor Glück", gibt er preis.

Nicht seit 20, aber immerhin 17 Jahren schlüpft Olaf Schubert vor Weihnachten in die christliche Rolle. Das erste Krippenspiel ereignete sich 1996 passenderweise in einem Dresdner Saal namens Scheune. Als der blasphemische Klamauk einen Advent später auch in der Leipziger Moritzbastei ein Obdach fand, führte die Presse Schubert als den Schlagzeuger der Band Dekadance ein.

Mittlerweile ist er Außenreporter der ZDF-heute-Show und über Sachsen hinaus ein Star. In Leipzig verkaufte er zuletzt die Arena aus, im Oktober erhielt er den Deutschen Comedypreis in der wichtigsten Sparte: als bester Komiker. Es sagt viel über den 46-Jährigen, dass er trotz des Erfolgs an liebgewonnenen Ritualen festhält und sich - nicht nur im Krippenspiel - regelmäßig mit den alten Dresdner Kumpanen die Bühne teilt. Bei Dekadance trommelt Schubert übrigens auch noch.

Sollte also in manch frühere Ausgabe mehr Herzblut (und Vorbereitungszeit) als in Folge 18, "KeinOHRJesus - Oma Maria dreht ab", geflossen sein, ist das verständlich und verzeihbar. Sowieso liegt einer der vielen Reize des Unsinns in dessen wiederkehrenden Späßen. Bei der finalen Kreuzigung weist das wichtigste Utensil seit Anbeginn zunächst ein paar Haken zu viel auf. Und von "Judas IV" müssen Oma Maria (Klaus Weichelt) und Josef (Jochen Barkas) gleichfalls schon seit ein paar Jahrgängen ihr Dasein fristen. Aktuelles Geschehen flechten die Krippenspieler mithin weniger ausführlich und pointiert als in früheren Versionen in die Geschichte. Immerhin ist Erzengel Gabriel nun ein sozialdemokratischer und Oma Maria von Bischof Tebartz-van Elst mit der Leitung des ersten katholischen Museums für Völlerei betraut.

Nachdem Philipp Röslers Drohung, dass "ab heute geliefert" werde, den "pekuniären Moment" der Familie Christus nicht gerade verbessert hat, versucht sie sich im erotischen Filmgeschäft. Die Finanzierung des geplanten Messias-Blockbusters bedarf jedoch offenbar weiterer Anstrengung: Jesus moderiert daher einen Fernseh-Talk zum Thema der Volksbelustigung. Gäste sind neben Josef und Oma Maria fröhlich unhistorisch Spartakus (Bert Stephan) als Sprecher der Gladiatoren-Gewerkschaft, Cäsar (Stephan Gräber) als kolossaler Event-Veranstalter und der Sandmann (Holger Fuchs) als Vertreter der öffentlich-rechtlichen Kanäle.

"Herr Spartakus, gegen wen wollen Sie kämpfen?", fragt Jesus reichlich uninspiriert, fokussiert dazu aber aufdringlich die Augen des Befragten. Den Blick mag sich Schubert kürzlich bei Markus Lanz abgeschaut haben, der ihn in seiner Talk-Sendung unter anderem "nach dieser Umverteilung" fragte, "von der wir alle im Moment so viel hören". Schubert gelang eine Antwort, die tat, als wäre sie eine absurde politische Forderung: "Es müssen endlich mal die Armen sparen. Denn die Reichen haben ja schon gespart, sonst hätten sie nicht so viel."

Einige solch geniale Momente würde bei aller Wertschätzung der gefeierten Leipzig-Premiere auch das Krippenspiel gut vertragen. Unbemerkt vom stets interessiert dreinschauenden Lanz stellte der Komiker mit seinen zwei einfachen Sätzen nichts weniger als die Ungeheuerlichkeit der realexistierenden Umverteilung bloß. Einer muss den Job ja machen.

Die Aufführungen am Montag und Dienstag, jeweils 20 Uhr, im großen Hörsaal des Sportcampus (Jahnallee 59) sind ausverkauft.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.12.2013

Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr