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Parallele Wirklichkeiten - Zwei neue Bücher über Kampf und Arbeit von Ai Weiwei

Parallele Wirklichkeiten - Zwei neue Bücher über Kampf und Arbeit von Ai Weiwei

„Free Ai Weiwei“ steht auf dem Dach vom Kunsthaus Bregenz, wo eine aktuelle Ausstellung das architektonischen Werk des chinesischen Künstlers zeigt. Im Juni ist Ai Weiwei auf Kaution freigelassen worden.

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Ai Weiwei darf China nicht verlassen.

Quelle: dpa

Noch hindert ein Ausreiseverbot den Regimekritiker daran, China zu verlassen. Am Montag erscheinen zwei Bücher, die sein Denken, Kämpfen und Arbeiten dokumentieren.

„Lasst uns den 4. Juni vergessen, diesen Tag, der keine besondere Bedeutung hat“, schrieb Ai Weiwei am 3. Juni 2009 im Internet. Und weiter: „Das Leben hat uns gelehrt: In einem totalitären Regime sind alle Tage gleich, alle totalitären Tage sind ein einziger Tag, es gibt keinen Tag Zwei, kein Gestern und kein Morgen.“ Er schickte diese Zeilen via Twitter in die Welt, denn im Mai 2009 war sein in China berühmt gewordenes Blog verboten und gelöscht worden. Darin fand er mit wachsender Wut Worte für die Situation in seinem Heimatland, für Überwachung, Verhaftungen, Morde: „Menschen ohne Redefreiheit, ohne Pressefreiheit und ohne Wahlrecht sind keine Menschen und brauchen kein Gedächtnis. Wenn wir aber kein Recht auf ein Gedächtnis haben, wählen wir das Vergessen.“

Texte aus dem verbotenen Blog erscheinen heute unter dem Titel „Macht Euch keine Illusionen über mich“ im Galiani-Verlag. Texte, die für Verleger Wolfgang Hörner einem entmündigten und zum Schweigen gebrachten Bürger seine Stimme zurückgeben. Sie stammen aus den Jahren 2006 bis 2009. Ai wendet sich an die Regierenden, etwa mit der Aufforderung, nicht „im Namen der Gerechtigkeit“ zu töten, weil das „alles der Schande preisgeben“ würde. Er beschreibt die Situation der Menschen, deren Träume. Er verbindet Aufklärung mit Protest. Er mahnt: „Deine Handlungen erschaffen deine Welt.“ Im Blog könne man unmittelbar zu Menschen sprechen, die man nicht kennt, sagt Ai, der sein Online-Tagebuch vor fünf Jahren auf Einladung des Portals sina.com begann.

„Die Internettechnologie ist zu einer wichtigen Möglichkeit geworden, um Menschen aus alten Werten und Systemen zu befreien, etwas, das bisher noch niemals möglich war“, sagte Ai damals. Über eine Million Fans habe er gehabt, für die er, egal wann er heimkam, immer noch ein paar Worte oder Fotos ins Netz stellte. Aus seiner Sicht bildet sein Blog nicht die Wirklichkeit ab, sondern erzeugt sie. So bestätigt er es 2006 dem Schweizer Kurator für zeitgenössische Kunst Hans Ulrich Obrist, mit dem er in mehreren Gesprächen über das Internet, Architektur oder Landkarten die Dimensionen seines Tuns ausleuchtet, zum Teil gebunden an biographische Stationen. Obrist nennt das Blog eine der „Sozialen Plastiken“ des 21. Jahrhunderts. Die Interviews sind in einem Buch dokumentiert, das ebenfalls am Montag erscheint: „Ai Weiwei spricht“.

Unablässig arbeite er daran, den Kunstbegriff zu erweitern, schreibt Obrist über den vielschichtigen Künstler, der mit unterschiedlichsten Mitteln die Welt, seine Welt reflektiert, den er seit den 90er Jahren kennt, der Dichter ist, Architekt, Kurator, Fachmann für altchinesisches Kunsthandwerk, Verleger, Stadtplaner, Sammler, Blogger ... Das mache ihn so einzigartig.

Er mache Dinge einfach, ohne über das Davor und Danach nachzudenken, erklärt Ai, während er Obrist Filmaufnahmen und Fotografien zeigt. Er habe weder Vorstellungskraft noch Erinnerung, sondern agiere im Augenblick. Neben dieser Lebensweise stehen Denk- und Arbeitsweisen, die er am Beispiel des Jinhua Architecture Parks beschreibt. Für dieses Projekt hat er als eine Art Kurator fungiert und selbst einen Pavillon entworfen. „Ich glaube, Architektur besitzt einen hohen Bildungswert. Sie führt den Menschen Möglichkeiten vor Augen, einen Weg, wie sich Dinge verändern lassen, und darum geht es mir immer.“ Seiner Meinung nach werde die Kunst jedoch „keine allzu große oder überhaupt keine Zukunft haben, wenn es ihr nicht gelingt, sich mit den heutigen Lebensstilen und Technologien zu verbinden.“

Ende 2008 stellt Obrist den „postolympischen Moment“ ins Zentrum des gemeinsamen Nachdenkens. Ai wirkt noch weniger zuversichtlich als zwei Jahre zuvor. Er konstatiert eine „Zeit, in der nichts eindeutig ist“, und eine gesellschaftliche Situation, „die zutiefst primitiv ist, in der das Individuum seinen Willen noch immer nicht zum Ausdruck bringen kann“. Mal sagt er, nach seinem Lieblingswort befragt: „Freiheit.“ An einem anderen Ort zu einer anderen Zeit wählt er: „Handeln.“

Am 3. April dieses Jahres wird Ai Weiwei verhaftet, am 22. Juni kommt er auf Kaution wieder auf freien Fuß. Ihm werden Steuervergehen vorgeworfen. Die Finanzbehörden fordern Steuern und Bußgelder in Höhe von umgerechnet 1,3 Millionen Euro. Im Juli hat Ai das Angebot einer Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste angenommen, finanziert von der Einstein-Stiftung. Nicht als Dissident, wie UdK-Präsident Martin Rennert betont, sondern als herausragender zeitgenössischer Künstler sei er eingeladen. Das wird sich kaum trennen lassen.

Ai Weiwei, Hans Ulrich Obrist: Ai Weiwei spricht. Interviews. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Carl Hanser Verlag; 143 Seiten (mit Abbildungen), 14,90 Euro;

Ai Weiwei: Macht euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog. Hrsg. von Lee Ambrozy. Aus dem Engl. von Hans Freundl, Oliver Grasmück, Norbert Juraschitz. Verlag Galiani; 480 Seiten (mit Abbildungen), 19,90 Euro

Janina Fleischer

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