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"Pax 2013" in der Oper Leipzig: Seele im Klammergriff

"Pax 2013" in der Oper Leipzig: Seele im Klammergriff

Mit Jubel quittierte am Samstagabend in der gut gefüllten Oper Leipzig das Publikum "Pax 2013". Darin kombiniert Ballettchef Mario Schröder "Pax questuosa", das Uwe Scholz 1992 auf die Musik Udo Zimmermanns choreographierte, und seine "Blühenden Landschafen".

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"Pax 2013" in der Oper Leipzig.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Leipzigs Ex-Intendant Zimmermann wurde als Komponist stehend gefeiert.

Es kommen immer neue Bilder dazu: Seit Uwe Scholz 1992 in seiner Choreographie "Pax questuosa", Der klagende Friede, Bilder zeigte von all dem, was Menschen Menschen antun, hat das Karussell sich auf dem Balkan weitergedreht, sind die Zwillingstürme gefallen, haben Menschen im Irak, in Afghanistan, überall auf der Welt, weiter gemordet. Udo Zimmermann hat das 1982 kommen sehen und setzt ans Ende seines weltlichen Oratoriums einen brüllenden Zwölftonakkord, der die Friedensbitte, die er mit Haut und Haaren Bachs h-moll-Messe entnahm, niederkartätscht. Der Frieden hat weiterhin allen Grund zum Klagen, und schon darum ist Uwe Scholz' Choreographie zeitlos, ist es verdienstvoll, dass der einstige Scholz-Solist und heutige Scholz-Erbe Mario Schröder das Werk rekonstruierte.

Leipzig. Mit Jubel quittierte am Samstagabend in der gut gefüllten Oper Leipzig das Publikum "Pax 2013". Darin kombiniert Ballettchef Mario Schröder "Pax questuosa", das Uwe Scholz 1992 auf die Musik Udo Zimmermanns choreographierte, und seine "Blühenden Landschafen". Leipzigs Ex-Intendant Zimmermann wurde als Komponist stehend gefeiert.

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1992 war Scholz, der 2004 starb, 33 Jahre alt, auf der Höhe seines Genies und hatte gerade in Leipzig angeheuert, um unter der Intendanz Udo Zimmermanns den Tanz am Augustusplatz in eine neue Zeit zu führen. "Pax questuosa" war seine erste Arbeit für Leipzig - und gleich ein Meilenstein. Dabei machte Scholz auch damals bereits das, was er eigentlich immer machte: Er übertrug die Strukturen der Partitur in Bewegung. Und doch ist da keinerlei Dopplung oder Leerlauf. Denn mit seiner Choreographie überführte er nicht nur kompositorische Prinzipien in einen anderen Aggregatzustand, sondern auch ihren emotionalen Gehalt. So hält "Pax questuosa", ein Meisterwerk von Uwe Scholz nach einem Meisterwerk von Udo Zimmermann, unentrinnbar die Seele im Klammergriff.

Woran die Musik erheblichen Anteil hat. Vor allem Alessandro Zuppardos Chor: Wispern, Murmeln, Schreien - Zimmermann stellte all die Laute, derer ein Kollektiv fähig ist, in den Dienst der Texte, die er sich in der Literaturgeschichte zusammengesucht hatte, die vor allem darüber klagen, dass es ihn nicht gibt, den Frieden, nie: So ist die letzte quälerische Dissonanz nur folgerichtig.

Düsterer kann Chorsinfonik nicht enden. Und spätestens hier ist vergessen, dass das Gewandhausorchester den zerbrechlich instrumentierten Beginn unter der souveränen Stabführung Anthony Bramalls nur befriedigend zusammengebracht hat, dass die Solisten Siphiwe McKenzie, Sandra Maxheimer, Michael Putsch, Jonathan Michie und Derrick Ballard bisweilen keinen Hehl daraus machen, dass Zimmermann auch für sie an die Grenzen ging. Die elementare Wucht des Orchesterklangs, wie es den Chor stützt, färbt, bedroht, umrankt, die Solisten trägt und umklammert, umschmeichelt und dann wieder in den Würgegriff nimmt, das alles zeigt, was Musik bewirken kann - und in ihrer Verlängerung der Tanz. Eine Sternstunde.

Wo Scholz seinerzeit anfing, hört Mario Schröder anno 2013 auf: Die Geste des rechten Armes, den der linke zu kontrollieren sucht, zu besänftigen, zu beherrschen, aus ihr entwickelte Scholz seine Choreographie, in sie mündet Schröders. Doch während bei Scholz dies eine abstrakte Geste der Suche, Unsicherheit, Gefährdung ist, hat man bei Schröder das Gefühl, hier sei gerade noch der deutsche Gruß verhindert worden.

Diese Konkretheit ist das Kennzeichen der "Blühenden Landschaften". Wo Scholz als Chiffre der Hoffnung den Leipziger Zug um den Ring von 1989 zeigt, macht uns Schröder mit den Aufräumarbeiten nach der Rede Helmut Kohls 1990 vertraut: Blühende Landschaften existierten da schon nur auf Flugblättern.

Das ist schwer zu widerlegen und noch schwerer in ein überzeugendes choreographisches Konzept zu bringen. Schon gar nicht, wenn ständig bewegte Bilder vom Tanz ablenken. Da überlagern sich die Sprengung der Universitäts-Kirche und einstürzende Neubauten, wohnen wir in Zeitlupe einer maschinellen Gehweg-Reinigung bei, füllt auch schon mal dekorativer Buchstaben-Salat die Wände Andreas Auerbachs, der auch Scholz' Bühne rekonstruierte und aktualisierte.

Überhaupt ist da, wo Scholz das ganz große Rad drehte, Schröder im Hamsterrad gefangen. Das beginnt bei der Musikauswahl: Zimmermann ließ "Pax questuosa" in Bachs h-moll-Messe münden. Grund genug für Scholz, 21 Jahre später die "Lieder von einer Insel" seines Ex-Chefs, ein von Christian Giger sensationell warm, sinnlich, sanglich gespieltes Cello-Konzert, mit allerlei wohlfeilen Bach-Sätzen zu durchsetzen. Die spielen die Gewandhaussolisten Julius Bekesch (Violine), Hendrik Wahlgren und Thomas Hipper (Oboen) souverän, ebenbürtig begleitet von ihren Kollegen unter Bramall. Aber sie zerreißen die Lied-Reflexe Zimmermanns, der in novembermatter Melancholie eine so ganz andere Welt umreißt. Und dass Schröder die Texte, die Zimmermann auf dem Wege der konzertanten Abstraktion ausblendet, an die Wände projizieren lässt, zeugt auch nicht von allzu tiefem Verständnis.

Choreographisch sehen wir derweil wechselnde Paare in geschmeidiger Drehung und dahinter oder daneben die Compagnie, aus der Einzelne auszubrechen versuchen. Oder sie möchten hinein. Dabei zitiert Schröder fortwährend Scholz und macht damit die Höhe, aus der er fällt, um so deutlicher sichtbar.

Dadurch, dass die "Blühenden Landschaften" nachgerade liebedienerisch den Schulterschluss zum Abgott Scholz suchen, machen sie sich kleiner als nötig. Und der Umstand, dass das Leipziger Ballett sie weitaus weniger souverän tanzt als "Pax questuosa", zeigt ebenfalls, wo der Schwerpunkt dieses Abends liegt.

Am Schluss triumphiert Scholz, der in den frühen 90ern zu den Fixsternen am deutschen Tanzhimmel zählte. Und es triumphiert Zimmermann. Der Zustand, in dem er 2001 die Oper Leipzig hinterließ, mag Fragen aufwerfen. Aber dass er das Haus Anfang der 90er zu einem der wichtigsten in Europa machte, ist nicht zu widerlegen. Dass er noch einmal zehn Jahre zuvor ein großer Komponist war, zeigt "Pax 2013" ebenso unmissverständlich. So ist der Jubel, der ihm entgegenbrandet, vielleicht das Bewegendste an dieser Ballettproduktion, die niemand auslassen sollte, dem Tanz in Leipzig am Herzen liegt. Weil sie Maßstäbe zurechtrückt.

iVorstellungen: 20., 23.11., 1.12., 14.2.; Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261; ' www.oper-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.11.2013

Peter Korfmacher

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