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Pessimistischer Weltdeuter: Nobelpreisträger José Saramago gestorben

Pessimistischer Weltdeuter: Nobelpreisträger José Saramago gestorben

Als José Saramago einmal nach dem Grund für sein ewig düsteres Weltbild gefragt wurde, antwortete er mit derselben Ironie, die sich in vielen seiner Bücher findet: „Ich bin kein Pessimist, sondern bloß ein gut informierter Optimist.

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Jose Saramago in seinem Haus auf Lanzarote, aufgenommen am 27. August 2009.

Quelle: dpa

Madrid. “ Doch sofort wurde der portugiesische Literaturnobelpreisträger ernst. „Wir stecken alle in der Scheiße. Optimist kann eigentlich nur sein, wer gefühlslos, dumm oder Millionär ist.“ Die Welt sei eine Hölle: „Millionen Menschen werden geboren, um zu leiden. Kümmern tut dies kaum jemand.“ Am 18. Juni ist Saramago im Alter von 87 Jahren auf der spanischen Kanaren-Insel Lanzarote gestorben.

Der überzeugte Kommunist Saramago meldete sich auch zur aktuellen Politik gerne zu Wort - und eckte dabei nicht selten an. Bei einem Besuch in Ramallah etwa verglich er die israelische Besetzung in den palästinensischen Autonomiegebieten mit den Gräueln der Nazis in Auschwitz und Buchenwald. „Die Israelis haben Palästina in ein Konzentrationslager verwandelt.“ Trotz der Proteste nahm er seine Vorwürfe nicht zurück.

In seiner Heimat sorgte der Schriftsteller mit einem provozierenden Vorschlag ebenfalls für Aufregung. Er regte an, Portugal solle territorialer Bestandteil des großen Nachbarn Spanien werden. Um die Empfindlichkeiten und den Stolz der Portugiesen nicht zu verletzen, könne sich der neue Staat „Iberia“ nennen. In Portugal brachte Saramago dies den Vorwurf des Vaterlandsverrats ein - zumal er selbst jahrelang Wahlspanier war: Er lebte mit seiner spanischen Frau, der Übersetzerin Pilar del Río, seit 1993 auf Lanzarote.

Dorthin war er aus Protest gegen die damalige konservative Regierung seines Landes ausgewandert. Diese hatte seinen siebten Roman, „Das Evangelium nach Jesus Christus“, 1992 wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle von der Vorschlagsliste für den Europäischen Literaturpreis streichen lassen - der bekennende Atheist Saramago hatte den Gottessohn als Jüngling dargestellt, der auch an seinem eigenen Glauben zweifeln kann.

„Wenn so etwas zu Zeiten der Salazar-Diktatur geschehen wäre, hätte ich es ja noch verstehen können. In einer Demokratie aber empfand ich diese Zensur beschämend“, sagte der aus armen Verhältnissen stammende Autor, der 1998 als erster Portugiese den Literaturnobelpreis erhielt. Inzwischen ist er einer der weltweit meistgelesenen Autoren portugiesischer Sprache.

Saramago wurde 1922 in der Ortschaft Azinhaga nahe Lissabon als Sohn eines Landarbeiters und späteren Polizisten geboren. Nach dem vorzeitigen Schulabgang wurde er Maschinenschlosser, arbeitete später als technischer Zeichner, Angestellter in der Sozialbehörde, in einem Verlag und als Journalist. Erst mit etwa 40 Jahren fand er zur Schriftstellerei. 1966 erschien unter dem Titel „Os poemas possiveis“ (Die möglichen Gedichte) sein erstes Buch. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit Romanen wie „Hoffnung im Alentejo“ (1980), „Das Memorial“ (1982) oder „Das Todesjahr des Ricardo Reis“ (1984), die durch die bilderhafte und barock anmutende Sprache bestechen.

Wenn er über Unterdrückte und Besitzlose schrieb, tat er das nicht mit erhobenem Zeigefinger; Herrschende prangerte er mit Ironie und zuweilen bitterem Sarkasmus an. „Meine Figuren sind einfache Leute, nicht zu schön und nicht zu häßlich, die in Grenzsituationen dank Freundschaft oder Liebe zueinanderfinden“, erklärte Saramago, der sich einen Verehrer von Günter Grass nannte.

In Portugal hatte er zuletzt unter dem Titel „Die kleinen Memoiren“ eine Art Autobiografie herausgebracht, die mit dem 15. Lebensjahr endet. „Diese Zeit hat mich am meisten geprägt, im Grunde bin ich ein Bauersjunge geblieben“, sagte er. In dem Buch erfährt der Leser auch, dass Saramago eigentlich José de Sousa heißt. Sein richtiger Familienname ging beim Eintrag ins Geburtenregister „verloren“, weil der zuständige Beamte betrunken war. Er trug den Kosenamen ein, mit dem die Familie in ihrem Dorf bekannt war. Der Fehler kam erst Jahre später bei der Einschulung heraus und war nicht mehr rückgängig zu machen. Auf Deutsch erschien von Saramago 2007 „Eine Zeit ohne Tod“ (Rowohlt Verlag), ein skurril-philosophischer Roman über eine Gesellschaft, in der niemand stirbt.

Jörg Vogelsänger, dpa

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