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Péter Esterházy: Wer einmal in Anführungsstriche geraten ist, lebt ewig

Nachruf Péter Esterházy: Wer einmal in Anführungsstriche geraten ist, lebt ewig

Péter Esterházy spielte mit Identität und bezog als Tärger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auch politisch Stellung. Über Ungarn sagte er in der LVZ-Autorenarena: „Was geschieht, ist ein Prozess, der mit dem liberalen Rechtsstaat nicht viel zu tun hat.“

Péter Esterházy

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Mein Vater war ein Graf und sein Vater auch. Ich war nie einer, also bin ich Demokrat geworden.“ So hat es Péter Esterházy gesagt, als im Jahr 2010 nach einigen Jahren Pause der „Leipziger Literarische Herbst“ wiederbelebt wurde und er die Eröffnung bestritt. Ein festlicher Abend mit intellektueller Genugtuung bei gleichzeitiger Heiterkeit. Der ungarische Schriftsteller war oft und gern in Leipzig zu Gast, auch in der LVZ-Autorenarena im Rahmen der Buchmesse. Am Donnerstag ist Péter Esterházy im Alter von 66 Jahren in Budapest gestorben. Er war an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt.

Geboren wurde er am 14. April 1950 in Budapest, studiert hat er Mathematik und gearbeitet zunächst als Systemorganisator im Ministerium für Hütten- und Maschinenbauindustrie. Seit 1978 war er „freier Schriftsteller“ – eine Berufsbezeichnung einerseits, die den Erwerbsweg beschreibt. Andererseits bezeichnet sie das Denken und Schreiben Esterházys, der sich auch die Freiheit nahm, Text-Labyrinthe voll blühender Ironie anzulegen – Sprach-Paradiese nicht nur des Verirrens, sondern auch des Verweilens.

„Wir sind traurig“, schrieb am Freitag der Hanser Verlag und verabschiedete seinen Autor mit einem Auszug aus dessen Roman „Esti“ (2013): „Zitat, ,ich’, Zitat Ende, so fasste Kornél Esti die nachmodernen literarischen Bestrebungen und deren Elend und Notwendigkeit zusammen, dann starb er, aber er konnte nicht. Wer einmal in Anführungsstriche geraten ist, lebt ewig. Esti fluchte den ganzen Nachmittag.“

Auch in seinem Opus magnum, dem gefeierten Roman „Harmonia Cælestis“ (2000) spielt Esterházy mit der Identität. Gut 900 Seiten voll sprachlicher Eleganz in Episoden, Legenden, Chroniken ... „Unsere Familie“, schreibt er, „ist nach dem Abendstern (auf ungarisch: esthajnal) benannt. Der Mensch des Abendsterns ist ein sehr weicher Mensch, zweifelt in der Hauptsache, zweifelt dort, wo er nicht sollte, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt. Er sägt und pflanzt. Er sägt und pflanzt.“

Er wolle keine Bücher schreiben, die man zusammenfassen kann, hat Esterházy gesagt. Die adligen Esterházys galten als Klassenfeinde, wurden in ein Dorf verbannt, enteignet. Zur Verwandtschaft von Péter Graf Esterházy de Galántha gehörten Fürsten, hohe Geistliche, Politiker. Joseph Haydn und Franz Liszt waren Hauskomponisten der Familie: „Für den zweiten Satz der Symphonien muss man alt sein, sagte der junge Haydn zu meinem nicht mehr jungen, aber wieder einmal ungeduldigen (hitzköpfigen) Vater.“ Wo Familie und er selbst das Motiv sind, ist Satire Instrument ungestümer Melancholie.

Für „Harmonia Cælestis“ und die zugehörige „Verbesserte Ausgabe“, in der er die IM-Vergangenheit seines Vaters ergänzt, hat Esterházy 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Dafür, dass er „die Last der Wahrheit auf sich genommen“ hat, „die Verstrickungen und die prototypische Schuld der Menschen des geschichtsmächtigen alten Kontinents in gedächtnisfähige Bilder und Gestalten verwandelt“, hieß es zur Begründung mit Verweis auf seinen „Mut zum offenen Bekenntnis und zur poetisch-heiteren Beschreibung der Tragödie“. Dafür, dass er „der europäischen Depression einen Kontrapunkt setzt“.

Die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche nahm Michael Naumann zum Anlass, in seiner Laudatio die „komödiantische Ruhelosigkeit“ eines „schrecklichen Unruhestifters“ zu würdigen. „Ein politischer Dichter wollten Sie niemals sein“, sagte er. „Aber Ihre Texte haben Ihnen nicht gehorcht.“ Das waren nach dem Debüt Fancsikó und Pinta (1976) die Romane „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“ (1979), „Das Buch Hrabals“ (1991), „Donau abwärts“ (1992), „Die Hilfsverben des Herzens“ (2004), oder „Die Mantel-und-Degen-Version (2015). Von seinen mehr als 30 Büchern sind über 20 auch in deutscher Übersetzung erschienen. Deren Schicksal, so Naumann, „lässt erahnen, dass in 50 Jahren auch Ihre Werke irgendwo auf der Welt noch einmal entdeckt werden – als seien sie gerade erst erschienen“.

In seinem jüngsten auf Deutsch erschienenen Buch „Die Markus-Version“ (2016) wird der Erzähler erneut zum Chronisten der Familie. Während an der Großmutter alles Gebet ist, erklärt er: „Auch ich glaube, aber bei mir ist es umgekehrt, ich bete, um zu glauben. Glaube ich. Damit jemand ist, an den ich glaube. Damit Gott ist. Deshalb muss ich ständig beten.“

Was bei Esterházy Schrift wird, wird Spiel. „Die Wörter treiben mich voran“, hat er gesagt. Jedes Wort ein Teil des Spiels. „Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt“, beginnt „Harmonia Cælestis“. Sein gesamtes Werk, das zum Teil im Schatten einer politischen Ideologie entstand, kreist um Zeit und Geschichte; er verbindet die Geschichte seiner Familie mit der Ungarns und Europas. In der LVZ-Autorenarena sagte er zur politischen Entwicklung in Ungarn: „Was geschieht, ist ein Prozess, der mit dem liberalen Rechtsstaat nicht viel zu tun hat.“

Unter dem Titel „Hasnyalmirigynaplo“ („Bauchspeicheldrüsentagebuch“), schrieb Esterházy zuletzt über seine Krankheit. „Irgendwo muss ich schließen, und natürlich weiter schreiben. Dies wäre ein guter letzter Satz, um das Immerwährende ins Ewige zu korrigieren.“ Sein letzter Satz.

Janina Fleischer

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