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Peter Handke als Leselustmacher

Neuerscheinung Peter Handke als Leselustmacher

Mit „Tage und Werke“ hat der Autor Peter Handke ein Buch über die Bücher vorgelegt und über das Schreiben der Anderen. Mit der Sammlung an Reden, Artikeln und Vorworten offenbart er sich als literarische Wanderer und Sucher. Und als unbescheiden.

Der Schriftsteller Peter Handke

Quelle: APA

Leipzig. „Mein Ideal ist der Leser“, verkündete einmal der Autor Peter Handke in einem Interview und gestand, dass er, wenn er in einem Café, im Park, in der Metro, wenn er wo auch immer Menschen in ein Buch vertieft finde, jedes Mal aufs Neue schaue und zu erkunden versuche: „Könnte das der Leser sein?“

Der Leser. Im Abteil eines Vorortzuges nach Versailles ist Handke ihm schließlich begegnet. Und das in gleich dreifacher Ausführung. Denn drei junge Männer saßen da und lasen, und was sie lasen war „jeweils ein ernstes Buch – es war, Schönheit der Bücher wie der drei Leser, offenbar die alte, die ernste, die ewig neue Literatur.“

So jedenfalls beschreibt es Handke, in diesem ihm wahrlich nicht fremden Tonfall einer gesetzten Feierlichkeit und stillen Emphase, die zu entäußern man heutzutage ja erst einmal den Mut haben muss, in der Vorbemerkung zu „Tage und Werke“. Ein Buch über die Bücher und über das Schreiben der Anderen. Eine Sammlung an Reden, Artikeln und Vorworten samt jenen Kurzrezensionen, die der damals Anfang 20-jährige Handke von 1964 bis 1966 für die „Bücherecke“ des ORF-Hörfunks verfasste.

Bewundern und lieben

„Begleitschreiben“ nennt der Autor seine Texte in diesem fast 300 Seiten umfassenden Kompendium. Was wie ein (selbst)ironischer Distanzversuch zu dessen Titel lesbar sein mag, spielt der doch – und das wohl eher nicht versehentlich – auf die „Werke und Tage“ des Hesiod an. Ein Kritiker maßregelte das dann auch schon als die „Unbescheidenheit des Jahres“, wohl nicht zuletzt davon ausgehend, dass ein Verfechter, um nicht zu sagen Prediger der „Ernsthaftigkeit“ und mithin Verfasser „ernster Literatur“ wie Handke es ist, solche Parallelen eben auch nur allen Ernstes ziehen könne. Und tatsächlich offenbart sich ja Handke, wie er denkt, fühlt, liest und schreibt, dann auch in „Tage und Werke“ lieber als unbescheiden denn ironisch.

Und außerdem natürlich als genauer Beobachter, als der literarische Wanderer und Sucher, der wirklich – und das heißt hier auf geradezu ansteckende Weise – bewundern und lieben kann. Was da über den slowenischen Erzähler Florjan Lipuš oder den griechischen Lyriker Dimitri Analis, was über Rolf Dieter Brinkmann, Kito Lorenc, John Cheever oder auch den Briefwechsel zwischen Romain Roland und Stefan Zweig (zwei Schriftsteller, die man in Handkes Kosmos nicht vermutet) zu lesen ist, macht diese Texte weniger zu Begleit-, als vielmehr zu Geleit-Schreiben. Schickt einen Handke damit doch gewissermaßen in die Spur, hin zu diesen Autoren und Werken.

Peter Handke

Peter Handke: Tag und Werke. Suhrkamp Verlag 2015. Gebunden, 287 Seiten. 22,95 Euro

Quelle: Suhrkamp Verlag

Und völlig gleich ist, ob man die jeweils selbst schon gelesen hat, ob man sie „kennt“ oder nicht, weil besagte Spur oft eine ist, auf der, folgt man ihr nach, sich Augen und Ohren noch einmal anders und neu öffnen. Die Kunst der Betrachtung ist bei Handke eben auch eine Kunst der Stimulans.

Handke ein Leselustmacher, wie es keinen zweiten gibt. Und der dann trotzdem, man weiß es ja, selbst „neben der Spur“ sein kann. Was nicht jene Seitenhiebe meint, die Handke auch in diesem Buch austeilt, etwa in Richtung Uwe Tellkamp oder Martin Walser. Das sind Sentenzen einer Kritik, die sprachlich knapp, rigoros, klar, treffend ist.

„Wider-Rede“ in Oslo

Doch findet sich auch Anderes. Etwa dieser Text über Barack Obama. Ein Lob- und Hoffnungssingsang befremdlichen Überschwangs. Oder, als Gegenpol, aber ebenso aus der Spur, nur jetzt eben statt ins Schwärmen in Rage geratend, Handkes Rede im Nationaltheater von Oslo. 2014 bekam der Dichter dort den Ibsen-Preis überreicht. Und das nicht ohne Gegenproteste, die noch aus den alten, wahrlich nicht verheilten Wunden des Balkankrieges schwelten. Wegen seiner proserbischen Position denunzierte eine skandierende Menge Handke als „Mörder“ und „Faschisten“, der wiederum diesen Protestlern in einer „Wider-Rede“ attestierte „Feinde des Menschlichen“ und „Handlanger des ewigen Tötens“ zu sein.

Es ist dabei nicht die Frage, ob Handkes Reaktion in dieser Form legitim ist oder nicht. Dass aber die Sprache dieses sprachbewussten und sprachsensiblen Autors strauchelt und schäumt, sobald sie sich den Sphären des Politischen nähert, mag man bezeichnend finden.

„Es ist schon so: Ich suche Streit.“ Auch das ein Geständnis des Peter Handke, zu lesen in seinen „Phantasien der Wiederholung“. Und weil das so ist, weil dieser Autor, dieser Mensch so ist, schlägt sich das auch in „Tage und Werke“ nieder. Nur ein Begleitschreiben zum Hauptwerk, ist dieses Buch zugleich (und trotzdem) ein fraglos schönes Geleit-Schreiben. Für alle wirklichen, für alle „ernsten Leser“.

Peter Handke: Tag und Werke. Suhrkamp Verlag; 287 Seiten. 22,95 Euro

Von Steffen Georgi

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